Noch immer ist sie spürbar, diese spezielle DDR-Atmosphäre. Enge, Idylle und Verfall, alles in einem, am Michaelisplatz in Zeitz im südlichen Sachsen-Anhalt, wo sich am 18. August 1976 der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz mit einem Benzinkanister das Leben nahm, um gegen die SED-Diktatur zu protestieren. 50 Jahre sind seither vergangen; und die Häuser rund um den Michaelisplatz sind noch immer so, als ob die DDR bis gestern existiert hätte. Wegen „fehlender Investoren“ und kaum privatem Interesse an der Stadtentwicklung, wie es im Zeitzer Rathaus heißt.
Mit der Übernahme einer Pfarrstelle Ende der 1960er Jahre war Oskar Brüsewitz in Opposition zum SED-Staat gegangen. Doch sein Anspruch, Glauben sichtbar zu machen in einem atheistischen System, stieß auf eine Gesellschaft, in der religiöse Praxis zunehmend unter Druck geraten war. „Und weil Brüsewitz im Spannungsfeld zwischen kirchlicher Loyalität und persönlichem Anspruch agierte“, sagt die Potsdamer Historikerin und Publizistin Jenny Krämer.
Brüsewitz durchschaute die Verlogenheit der SED
Wenige Stunden vor seinem Tod hatte sich der Seelsorger im nahe gelegenen Rippicha von seiner nichtsahnenden Frau und den Kindern verabschiedet. Und sich dann per Dienst-Trabi in die nahe gelegene Kreisstadt begeben; auf der Rückbank zwei Kanister und eine Banderole mit der später weltbekannt gewordenen Aufschrift: „Funkspruch an alle, Funkspruch an alle. Die Kirche in der D.D.R. klagt den Kommunismus an. Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen“.
Das Original ist verschollen, doch fanden sich nach dem Mauerfall Fotos in Brüsewitz‘ Akten beim DDR-Ministerium für Staatssicherheit, das den renitenten Pfarrer schon lange zuvor auf dem Schirm gehabt hatte. „Er suchte die Öffentlichkeit, sprach Missstände an und buhlte um Aufmerksamkeit“, sagt Historikerin Krämer. Das machte ihn zum Enfant terrible in einer Zeit, in der kaum jemand in der DDR wagte, den Wahrheitsanspruch des Marxismus-Leninismus infrage zu stellen.
Die fünf Kilometer lange Strecke zwischen Rippicha und Zeitz, Brüsewitz‘ letzter Gang in den Tod, ist heute auch eine kleine Reise in die Vergangenheit der früheren DDR. Plattenbauten, Agrarhallen und nach dem von den Nazis ermordeten Kommunisten-Führer Ernst Thälmann benannte Straßenzüge zeugen von sozialistischer Utopie, wie vielerorts in den neuen Bundesländern, wo zugleich hochmoderne Einkaufszentren für regen Besucherverkehr sorgen und das Gestern der schnöden Kaufhallen oft unter und neben sich begraben haben. Orte, an denen einst auch volkseigene Betriebe standen, die vorgaben, für das Wohl des Volkes zu produzieren, das sich stattdessen in „Massenorganisationen“ dem Willen der SED und ihrer Handlanger zu unterwerfen hatte.
„Pfarrer Brüsewitz war einer der ersten und mutigsten, die das verlogene Agieren der SED durchschaut haben und das auch öffentlich kundtaten“, sagt der katholische Theologe Matthias Wanitschke aus Erfurt, der mit einer Arbeit über das „Menschenbild der DDR-Staatssicherheit“ promoviert wurde und seit 2002 als Opferbeauftragter in Thüringen arbeitet. Brüsewitz wirkte in einer Zeit, in der die rote Diktatur auf ewig gezimmert zu sein schien, jene „bleiernen Jahre“, wie sie der Liedermacher Wolf Biermann einmal trefflich bezeichnet hat.
Im Osten geblieben
Dass Brüsewitz aus Ärger mit seinen Kirchenoberen Suizid begangen habe, lautet hingegen die umstrittene These des Historikers Karsten Krampitz, der damit wiederholt für Kritik gesorgt hat. Denn es stimmt zwar, dass Brüsewitz auch kirchlicherseits wiederholt die Ausreise in den Westen nahegelegt worden war, doch wäre das für ihn nie eine Option gewesen , da er – ganz im Sinne anderer Oppositioneller – die Zustände in der DDR von innen her angehen wollte; unstreitig als Einzelkämpfer mit parteikritischen Plakaten und öffentlichen Schlagabtauschen, womit der 1929 im Memelland geborene Seelsorger die Staatsmacht und ja, auch seine eigenen Oberen wiederholt auf die Palme gebracht hatte.
Foto: Repro-Rechte bei Klaus Angel, M.A. Pressebüro DernauDen SED-Jubel um „25 Jahre DDR“ konterte Brüsewitz auf dem Kirchengelände in Rippicha mit „2000 Jahren Kirche Jesu Christi“; und dann später die SED-Parole „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“ mit dem Konterslogan „Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott“, den er per Pferdefuhrwerk durch Zeitz kutschierte.
„Brüsewitz war furchtlos und gottesfürchtig zugleich, etwas skurril, aber keineswegs verrückt“, urteilt die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier, die zusammen mit ihrer Tochter, der Fotografin Nadja Klier, einen Bildband über den renitenten Pastor veröffentlicht hat. Und als junge Frau selbst Opfer des SED-Unterdrückungsapparates geworden war.
Der Zufall wollte es, dass an jenem heißen Augusttag 1976 ausgerechnet ein örtlicher CDU-Vertreter die Selbstverbrennung Brüsewitz‘ an die Staatssicherheit meldete und der Krankenwagen dadurch erst deutlich später eintraf. Was zeigt, dass sich auch vermeintliche „Christen“ gern mit Diktaturen verbandeln; wofür die DDR-CDU mit ihrem langjährigen Vorsitzenden Gerald Götting ein beredtes historisches Beispiel gewesen ist. Ausdrücklich hatte Götting in den 1970er Jahren Spitzeleinsätze von CDU-Mitgliedern auf kirchlichen Veranstaltungen proaktiv gebilligt. Mit SED-Generalsekretär Erich Honecker war er angeblich per Du. Nach der Wende zog sich Götting verfemt aus der CDU zurück und starb weitgehend vergessen im Jahre 2015.
Selbstmord bremst öffentliches Gedenken
Heute steht am Zeitzer Michaelisplatz eine schlichte Stele mit einer Plakette im Gedenken an Oskar Brüsewitz. Regelmäßig im August liegen dort Kränze, gestiftet von der Bundesregierung und der Landesregierung Sachsen-Anhalts.
Der gelernte Schumacher war aus der alten Bundesrepublik in die DDR gegangen, weil ihm im Westen Ungemach drohte, auch wegen Unterhaltsforderungen seiner ersten Ehefrau. Zunächst ging er nach Weißensee in Thüringen, wo er eine Werkstatt betrieb, nebenher als Laienprediger diente und später ein Theologiestudium aufnahm. In Weißensee begegnete ihm der spätere DDR-Dissident Lothar Rochau, der dort seine Kindheit verbracht hat und sich, nach eigenen Angaben, „noch gut an Brüsewitz erinnern“ kann.
Seit Jahren kämpft Rochau darum, dass nach Oskar Brüsewitz in Sachsen-Anhalt eine Straße, eine Schule oder doch wenigstens eine kleine Gasse benannt wird. Bisher vergebens. Denn kaum jemand will etwas nach jemandem benennen, der sich öffentlich angezündet hat und dafür auch noch bekannt geworden ist. Viele fürchten Nachahmer. „Das ist das Problem“, sagt Rochau. Dass Brüsewitz Selbstmord begangen hat und eben nicht in irgendeinem DDR-Gefängnis ums Leben gekommen sei. Dann wäre er vielleicht ein Held, eine Ikone der DDR-Opposition, wie etwa der polnische Priester Jerzy Popiełuszko, der 1984 vom polnischen Geheimdienst ermordet worden war und heute in Polen als Freiheitskämpfer gilt.
Dass auch die DDR-Oberen keine Gnade mit Brüsewitz und dessen Familie kannten, zeigte sich am Beispiel seiner Kinder. Tochter Esther, ein musisch begabtes und zart besaitetes Mädchen, hätte nach dem Tod ihres Vaters eine Lehre zur Gleisbauarbeiterin machen können, berichtete sie später. Höhere Bildung sollte dem Mädchen verwehrt bleiben, da ihr als Pfarrerstochter der „proletarische Stallgeruch“ gefehlt habe, so Matthias Wanitschke, Theologe und Historiker in Erfurt. Nach der Wende wirkte Esther Brüsewitz (68) als Pfarrerin in Thüringen.
Geteiltes Echo
Wer sich in Zeitz auf die Spuren des Oskar Brüsewitz begibt, merkt schnell, dass sich im Gedenken an den unerschrockenen Pastor aus Rippicha weiter die Geister scheiden. Es gibt jene, die in dem streitbaren Theologen einen „Verirrten“ sehen, der dem Ärger mit seiner Kirche zu entfliehen suchte; und jene, die Brüsewitz als Freiheitshelden und Vorboten der Friedlichen Revolution von 1989 betrachten. Unter ihnen auch der 2019 verstorbene Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD), der nach eigenen Angaben, „Jahre gebraucht“ habe, um die Bedeutung Oskar Brüsewitz‘ für die deutsch-deutsche Geschichte zu verstehen. „Brüsewitz war ein Vorbote der friedlichen Revolution“, räumte Stolpe später ein. Nachdem der Kirchenjurist zu DDR-Zeiten auf öffentlichen Abstand zu politischen Abweichlern gegangen war und immer wieder die Nähe zu SED und auch deren Staatssicherheit gesucht hatte, wovon er später nichts mehr wissen wollte.
Das historische Verdienst Brüsewitz‘ besteht darin, dass sein Tod wichtige Teile der kritischen DDR-Gesellschaft aufgerüttelt hat, und sie zu Keimzellen einer späteren Massen- und Fluchtbewegung mutierten, die der SED-Diktatur im Herbst 1989 den Todesstoß versetzte.
Das Jahr 1976 gilt in der Rückschau als Zäsur in der DDR-Geschichte. „Als sich die SED nach außen hin in Allmachtsphantasien suhlte und zugleich mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann die innere Schwäche des Systems deutlich geworden war“, sagt Uwe Puschner, Historiker an der FU Berlin. Die 1971 von der Partei mit großem Tamtam gestartete „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ hatte ab Mitte der 1970er Jahre erste Risse bekommen. „Da diese Politik auf Pump finanziert war und die Ausgaben für soziale Wohltaten astronomische Höhen erreicht hatten“, so Puschner.
Diese Einschätzung teilte auch das spätere SED-Politbüromitglied Günther Schabowski, der sich nach dem Ende der DDR als einer der wenigen Funktionäre bei den Opfern der SED-Diktatur entschuldigt hat. „Die DDR war schon 1976 so schwach, dass wir uns nur mit schwerem Geschütz gegen aufmüpfige Jugendliche, Liedkünstler und Theologen wehren konnten“, so Schabowski in einem selbstkritischen Interview kurz vor seinem Tod im Jahre 2015; als der Michaelisplatz in Zeitz, wo sich Oskar Brüsewitz das Leben genommen hatte, längst zu einem bedeutenden Erinnerungsort deutscher Geschichte geworden war.