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Ohne Luther kein Bach

Wer immer schon mal tief in die Musik Bachs und deren christlichen Hintergrund eintauchen wollte, für den gibt es nun ein umfassendes, sehr empfehlenswertes Buch: Der Bach-Kenner John Eliot Gardiner zeigt dem Leser Bach nicht nur als das Musikgenie, sondern auch als tiefgläubigen Lutheraner. Eine Rezension von Jörn Schumacher
Von Jörn Schumacher
Das Buch von John Eliot Gardiner ist ein Genuß für Bach-Hörer und solche, die es werden wollen

Foto: Hanser-Verlag

Das Buch von John Eliot Gardiner ist ein Genuß für Bach-Hörer und solche, die es werden wollen

Sein ganzes Leben lang habe er um Bach gekreist wie ein Mond um einen Planeten. Das sagt der 73-jährige britische Bach-Experte John Eliot Gardiner, der vor allem durch seine Historische Aufführungspraxis bekannt ist. All seine Erkenntnisse über Bach, sein Leben und sein Werk, fasst Gardiner nun in einem Buch zusammen, das im Hanser-Verlag erschienen ist. Ein großes Geschenk für jeden Bach-Fan, erst recht, wenn er gläubig ist. Eine zentrale Erkenntnis auf den 760 Seiten lautet: „Wer den Menschen oder Komponisten Bach verstehen möchte, kommt nicht umhin, sich mit dem Räderwerk des Glaubens auseinanderzusetzen“, schreibt Gardiner.

Für viele ist Bach eng verbunden mit dem Bildnis, das Elias Gottlob Haußmann 1746 von ihm anfertigte. Darauf blickt der alte Bach ernst, in der Hand hält er ein Notenblatt mit einem sechsstimmigen Kanon. Kurioserweise hing genau dieses Bild im Original im Elternhaus Gardiners in Südengland. Als Kind war er oft daran vorbeigegangen. Die Geschichte dieses Bildes, wie es von einem deutschen jüdischen Flüchtling 1936 nach England ins Haus der Gardiners und erst letztes Jahr wieder zurück nach Leipzig ins Bach-Archiv kam, ist eine der vielen spannenden Anekdoten, die das Buch schmücken.

„Der Glaube war der Mittelpunkt von Bachs Existenz und Weltsicht“

Der Ausdruck „Fünfter Evangelist“ für Bach ist bekannt – doch Gardiner strapaziert ihn in seinem Buch zum Glück nicht allzu sehr. Dennoch macht der Autor schnell klar, dass die Glaubenswelt Bachs untrennbar von seiner Musik ist. Er selbst hat einmal sämtliche Kantaten jeweils an dem Tag des Kirchenjahres aufgeführt. Auf seinen Tourneen um die Welt sah Gardiner buddhistische Mönche ebenso wie gestandene NVA-Soldaten bei Bachs Musik heulen. „In dieser außergewöhnlichen Musik drückt sich Bachs lutherischer Glaube aus. Sie transportiert eine universelle Hoffnungsbotschaft, die jeden anrühren kann – unabhängig von seinem kulturellen, konfessionellen und musikalischen Hintergrund“, stellt der Dirigent fest.

Gardiner beschränkt sich in seinem Buch auf die über Text komponierten Werke, die Kantaten, Motetten, Passionen und Messen. Werke für Tasteninstrumente lässt er aus. Dabei kreist er immer wieder um die Frage, ob man Bach voll verstehen und genießen kann, wenn man dessen Glauben nicht teilt. Über weite Teile hinweg setzt sich Gardiner mit den beiden Passionen des Meisters auseinander (Johannes-Passion und Matthäus-Passion), ebenso mit den Kantaten bist hin zur h-Moll-Messe.

Besonders das Kapitel „Das Räderwerk des Glaubens“ stellt klar: Für Bach war Religiosität nicht nur schon in der Erziehung wichtig, „sie war der Mittelpunkt seiner beruflichen Existenz und seiner Weltsicht“. Bach unterzeichnete seine Kirchenkantaten mit der Abkürzung S.D.G. (Soli Deo Gloria – Gott allein die Ehre), Gardiner verweist aber auch auf die handschriftlichen Notizen, die Bach seinem Bibelkommentar von Abraham Calov zahlreich hinzufügte. In sein Orgel-Büchlein schrieb Bach über den eigentlichen Zweck von Musik: „Dem Höchsten Gott zu Ehren, / Dem Nechsten, draus sich zu belehren“. Ein Motto, dem Bach sein ganzes Leben lang treu blieb, und von dem seine Musik durchtränkt ist. Dank Gardiner erfahren wir mehr darüber in vielen detailierten Analysen von Text und Komposition einzelner Stücke.

Bei Bach ist niemand Atheist

Vieles, was Bach in seinen textlich bedingten Werken darstellt, ist für einen protestantischen Christen leichter nachzuvollziehen als für einen Atheisten. Der Weg zum Genuss einer Mozartoper sei für einen Nichtgläubigen „sehr viel weniger steinig und anstrengend“ als eine Bach-Kantate, schreibt Gardiner.

Zwar verlangt Gardiner nicht, dass wir Bach-Hörer die weich gepolsterten Sitze der Konzertsäle verlassen und uns zum Bach-Genuss wieder in die Kirche begeben sollten, für die sie meistens komponiert worden ist. „Aber wir müssen uns bewusst sein, welche Rolle die Musik innerhalb der Liturgie spielte, welche Ziele der Komponist und der auftraggebenden Kirchenvertreter ursprünglich verfolgten und welche eigentümliche dialektische Verbindung Bach zwischen seiner Musik und dem Wort herstellt.“ Der Autor zitiert György Kurtág, einen der angesehensten zeitgenössischen Komponisten in Europa mit den Worten: „Vom Kopf her bin ich definitiv Atheist, aber ich sage das nicht laut, denn wenn ich mir Bach anschaue, dann kann ich einfach kein Atheist sein.“

Bach nicht zu denken ohne Luther

Durch Gardiners Spurensuche wird dem Leser die unauflösbare Verbindung zwischen Bach und dem Reformator Martin Luther deutlich. Bach besaß mindestens eine Ausgabe von Luthers „Tischreden“, in denen Luther sagt: „Die Musica ist eine schöne herrliche Gabe Gottes, und nahe der Theologie.“ Eine Überzeugung, die Bach geradezu verinnerlicht hat. Später schaffte sich der „fünfte Evangelist“ eine teure Gesamtausgabe Luthers an.

Bachs Geburtstadt Eisenach ist der Ort, wo sich Luther und Bach begegnen. Beide standen als Chorknaben auf der Empore der Georgenkirche. „Bach und Luther durchstreiften als Kinder dieselben Wälder, besuchten dieselbe Lateinschule, und hier in der Georgenkirche machten beide ihre ersten musikalischen Erfahrungen.“ Bach übernahm Luthers Sichtweisen und seine Theologie, legt Gardiner offen: das Leben als ein täglicher Kampf zwischen Gott und Satan, die Notwendigkeit, das Beste aus seinem Leben zu machen und dem Tod voller Hoffnung und Glauben mutig, ja freudig ins Auge zu blicken. Nicht durch Zufall war eines der ersten größeren Stücke Luthers Lied „Christ lag in Todesbanden“, das Bach mit 22 Jahren komponierte. Gardiner zeigt unter anderem hieran auf, wie groß die Geistesverwandschaft zwischen Luther und Bach war. „Im Laufe der Erzählung zeigt Bach, dass ihm keine Nuance, kein biblischer Verweis, kein Symbol und keine Stimmung in Luthers Lied entgeht.“ Bach versteckte sogar Kreuze im Notenbild, wie Gardiner aufzeigt.

Musik als mathematisches Abbild Gottes

Das Buch „Bach: Musik für die Himmelsburg“ ist ein Genuss für jeden, der Bach in seiner musikalischen und theologischen Tiefe kennen lernen möchte. Der Experte Gardiner benutzt dabei zwar manche musikalische Fachtermini, doch ist alles gut auch für musikalisch nur durchschnittlich Gebildete zu verstehen. Der wunderbar fesselnde Stil saugt den Leser geradezu ins Buch, man möchste es nicht mehr weglegen.

Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz sagte einmal: „Musik ist die versteckte arithmetische Tätigkeit der Seele, die sich nicht dessen bewusst ist, dass sie rechnet.“ Und Gardiner selbst stellt fest: „Die außerordentliche Eindringlichkeit von Bachs Musik beruht auf seiner Fähigkeit, mit musikalischen Mitteln ein mathematisches Abbild Gottes oder der Natur zu schaffen, und diese Muster und Abbilder erfassen wir aufgrund unserer unbewussten Hörgewohnheiten auf vielfältige Weise.“ Insofern tut es gut, wenn uns ein Lehrer wie Gardiner an die Hand nimmt und Bach erklärt. Denn Bach war eben auch ein großer Prediger. (pro)

John Eliot Gardiner: „Bach: Musik für die Himmelsburg.“ Carl Hanser Verlag, 760 Seiten, 34,- Euro, ISBN 9783446246195

Von: js

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