Das christliche Medienmagazin

Ökumene bei einer Tasse Kaffee

Der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, berichtet in seinem neuen Buch über Begegnungen mit Papst Franziskus. Im Interview verrät er, ob ihn Evangelikale für seinen Einsatz für die Ökumene kritisieren.
Von PRO
Ein Kaffee mit dem Papst: Thomas Schirrmacher war als einziger Evangelikaler auf der Familiensynode in Rom

Foto: Thomas Schirrmacher

Ein Kaffee mit dem Papst: Thomas Schirrmacher war als einziger Evangelikaler auf der Familiensynode in Rom

„Ein Reformator im Vatikan?“, fragt Thomas Schirrmacher auf der Rückseite seines neuen Buches „Kaffeepausen mit dem Papst“. Seinen sehr persönlichen Bericht über Papst Franziskus beginnt er mit der Frage: „Was Luther wohl denken würde, wenn 500 Jahre nach der Reformation ein Papst seiner gedenkt, der vielleicht so ist, wie Luther sich 1517 den Papst in Rom gewünscht hätte?“
Zu dieser Einschätzung kommt Schirrmacher nicht nur deshalb, weil Franziskus Missstände in der eigenen Kirche anpackt. Es sei die bisher nie dagewesene offene Art des katholischen Kirchenoberhauptes, die schon mal beim Kaffee zwischen den offiziellen Gesprächen „die Beziehungen mit Riesenschritten“ vorantreibe. Zupackend, selbstkritisch, bescheiden, gesprächsbereit – so beschreibt Schirrmacher den Menschen Franziskus und ist überzeugt, dass mit seinem Amtsantritt „ein neues Kapitel“ für die Ökumene aufgeschlagen worden ist. Doch das Thema Ökumene ist unter Christen nicht unumstritten. pro hat Schirrmacher dazu befragt.

pro: Viele Evangelikale Christen stehen der Ökumene skeptisch gegenüber. Ist diese Skepsis ein Irrtum?

Thomas Schirrmacher: Die Weltweite Evangelische Allianz unterhält Beziehungen zu allen Kirchen der Welt. Wir wollen, dass die Anderen original hören, wofür wir eintreten, nicht aus den Medien. Und wir wollen original von den Anderen hören, wofür sie stehen. Zudem treten wir für alle Kirchen ein, wo sie diskriminiert und verfolgt werden. Ein Irrtum ist das alles nur, wenn man Gespräch oder Zusammenarbeit mit hundertprozentiger Zustimmung verwechselt. Zudem ignorieren viele einfach, dass die katholische Kirche nur ein – zugeben sehr großer – Gesprächspartner unter vielen ist.

Sie sind evangelikaler Christ – was spricht aus Ihrer Sicht für die Ökumene?

Zunächst einmal der Auftrag, den die Evangelische Allianz seit ihrer Gründung ernst nimmt, dass Jesus uns zur Einheit ruft und will, dass wir durch unsere Liebe zueinander zeigen, dass es nur ein Evangelium gibt, das wir in gemeinsamer Mission der Welt schulden. Da Liebe und Wahrheit zusammen gehören, kann dies nur geschehen, indem wir – in teils mühsamen, teils sehr erfreulichen Gesprächen – ausloten, was uns trennt und was uns eint. Zudem sind wir in einer globalisierten Welt gefordert, gemeinsam für Flüchtlinge, Verfolgte, Arme und viele mehr einzustehen. Und schließlich: Die, die Christen verfolgen, unterscheiden selten nach Konfessionen und die Märtyrer sind Märtyrer des einen Leibes Christi, ob wir das mögen oder nicht.

Im Buch sprechen Sie von einer „von Gott geschenkten Gunst der Stunde“ durch den Amtsantritt dieses Papstes. Worin liegt diese Gunst der Stunde?

Zum einen ist das eine äußere Frage: Erstmals kann man mit dem Papst in „Kaffeepausen“ über Probleme ohne Agenda, ohne lange schriftliche Vorläufe, ja sogar unter vier Augen sprechen, wie wir das mit anderen Kirchen schon lange gewohnt sind. Zum anderen haben wir eine Wertschätzung zentraler Anliegen der evangelikalen Bewegung durch alle Kirchen und Kirchenführer weltweit wie nie zuvor, Chance und Herausforderung zugleich. Wenn wir jetzt nicht miteinander sprechen, wann dann?

Ihr Buch spricht eine begeisterte Sprache, und Sie beschreiben sich selbst als Bewunderer des Papstes. Ecken Sie damit in Ihrem evangelikalen Umfeld an?

Natürlich können oder wollen viele meine persönliche Freundschaft mit dem Papst und das Aufarbeiten theologischer Unterschiede nicht auseinander halten, als könne man nur mit jemandem befreundet sein, mit dem man in allem übereinstimmt. Ich glaube aber, dass oft Freundschaft die Grundlage für inhaltliche Fortschritte ist. Weltweit ist die große Mehrheit der nationalen Allianzen froh über unser gutes Verhältnis zu vielen nichtevangelikalen Kirchenführern, eine Handvoll ist nicht glücklich. Die Masse der evangelikalen Kritiker gehört aber sowieso nicht zur Allianz, sondern lehnt selbst die Zusammenarbeit von Christen auf dieser Ebene ab.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Miriam Anwand. (pro)Ökumene: Abendmahl bleibt Hürde (pro)
„Papst sieht Evangelikale als vorbildlich“ (pro)

Ihr Beitrag für christliche Werte in den Medien
Bei PRO sind alle Beiträge frei zugänglich und kostenlos - und das wird auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden.

Wir arbeiten in der PRO-Redaktion jeden Tag dafür, Ihnen solide Informationen zu liefern über Themen, die Sie interessieren.

Nur mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin den christlichen Journalismus bieten, den Sie von PRO kennen.

Viele PRO-Leser helfen schon mit. Sind Sie dabei?

Schreiben Sie einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte beachten Sie unsere Kommentar-Richtlinien. Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.

Offline, Inhalt evtl. nicht aktuell

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen