Das christliche Medienmagazin

Nur singen ist schöner

Gemeinsam singen ist wunderschön. Und in der Pandemie auch gefährlich. Gemeinden verzichten auf Lobpreis, Chöre proben seit Monaten nicht mehr, Konzertsäle ähneln Reinräumen. Der zweite Lockdown trifft die Kultur hart. pro hat sich unter Künstlern, Kirchen und Verbänden umgehört: Die Sehnsucht nach Musik ist groß. von Nicolai Franz
Von PRO
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„Jauchzet, frohlocket“: Die feierlichen Aufführungen des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach sind fester Bestandteil der Feiertage – in diesem Jahr wohl eher nicht

Foto: Elias Gottlob Haußmann/Michael Amadeus/Montage pro

„Jauchzet, frohlocket“: Die feierlichen Aufführungen des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach sind fester Bestandteil der Feiertage – in diesem Jahr wohl eher nicht

Auch einen Spaßvogel ergreift manchmal die Schwermut. Als Daniel Kallauch neulich sein Materiallager betrat, lagen da noch die Stapel an Flyern und Plakaten für die kommenden Konzerte. Jetzt sind sie nur noch teuer produzierter Müll, denn die meisten Auftritte sind abgesagt, der Tourbus abgemeldet. Normalerweise tourt Kallauch quer durch Deutschland, zusammen mit Musikern und seiner Vogelpuppe „Willibald“, der er seine Stimme leiht. In knallbunten Klamotten und roten Schuhen bespaßt er mit seinen Liedern und Showeinlagen Hunderte Kinder, die lachen, singen, klatschen, die von Gott und seiner Liebe erfahren. Doch damit ist erstmal Schluss. Schon wieder.

Die erste Corona-Welle fühlte sich für ihn noch anders an. Da trat Kallauch die Flucht nach vorn an, sammelte per Crowdfunding im Internet Geld, um sein neues Kinder-Album aufnehmen und alle Musikerkollegen bezahlen zu können. Es ging wieder los mit den Auftritten, vor allem im Freien spielte Kallauch ein Konzert nach dem anderen. „Ich bin auf eine riesige Dankbarkeit gestoßen“, sagt er gegenüber pro. Eine „fast beängstigende Disziplin“ habe unter den Kindern geherrscht. Anders als sonst wuselten die jungen Zuhörer nicht vor der Bühne herum, sondern blieben brav bei ihren Eltern, die befreundeten Familien mit Abstand daneben. Dafür sei es aber auch persönlicher gewesen, statt 350 Zuschauer nur gut 100 vor sich zu haben.

Da waren diese Mamas, denen die Tränen in die Augen stiegen, als Kallauch im Konzert von der Sturmstillung erzählte. „Die Freunde von Jesus wollten auf den See und die Bootsfahrt genießen, doch dann zieht ein Sturm auf, es herrscht Todesangst. Und Jesus sagt einfach ‚Stille‘ – und es ist still“, schickte Kallauch voraus. Dann sang er die Zeilen: „Sein Name ist Jesus, ein Wort reicht: Der Sturm wird still.“ Die Mütter, die sich die Tränen abwischten, brauchten diesen musikalischen Zuspruch vielleicht mehr denn je in einer Zeit, in der der Sturm der Pandemie sie immer wieder durchschüttelte: Sorge um die alten Eltern, den Jobverlust, die Betreuung und Entwicklung der Kinder. Musik kann trösten, kann Worten tiefe Bedeutung verleihen, die nicht nur das Ohr, sondern vor allem das Herz erreichen, gerade in der Krise.

Die knallharte Lockdown-Logik

So gesehen entpuppten sich die verhältnismäßig unbeschwerten Sommermonate als das Auge des Sturms. Ab Oktober begann die zweite Corona-Welle Fahrt aufzunehmen, und diesmal wollte die Politik alles anders machen als im Frühjahr, als so gut wie überall das Leben still stand. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich mit ihrer Linie erst einmal durchsetzen konnte, erklärte die Strategie der Bund-Länder-Runde mit einer einleuchtenden, aber knallharten Logik: Um das Virus einzudämmen, müssen Kontakte reduziert werden. Die Schulen sollten offen bleiben, die Wirtschaft weiterlaufen. Also blieb nur noch der Privatbereich. In die Wohnzimmer der Deutschen hineinregieren wollte der Staat dann doch nicht, deswegen fiel der organisierte Freizeitsektor zum Opfer: Gastronomiebetriebe und die Kulturbranche. Ein „Lockdown light“? Auf freischaffende Künstler dürfte das zynisch wirken. Für sie brechen fast alle Einnahmen weg. Es waren keine infektiologischen Gründe, die für die neuen Maßnahmen sprachen. Denn peinlichst genau hatten die Konzertveranstalter ihre aufwändigen Hygienekonzepte überwacht, um wenigstens den paar Dutzend Zuschauern ein musikalisches Erlebnis zu bieten, die unter Abstandsregeln noch in den Saal passten. In den vergangenen Wochen glichen Konzerthäuser Reinräumen, in denen eine Infektion kaum vorstellbar war, während ein paar Straßen weiter ausgelassene Hochzeiten gefeiert wurden. Die ehrliche Begründung für den Kulturshutdown war: Irgendjemanden muss es ja treffen. Und wen es trifft, der ist eher nicht systemrelevant.

Doch stimmt das auch?

27. Oktober 2020. Jazz-Trompeter Till Brönner hat genug. Seine Branche befinde sich in einer „dramatischen Lage“, sagte er in einem Facebookvideo. Schon im Sommer hätten sich viele Kollegen gemeldet: Ob es bei ihm auch so mau aussehe? „Ich spreche von Toningenieuren, Lichttechnikern, Caterern, Bühnenbauern, Busfahrern, Beschallungsfirmen, Clubbesitzern, Agenturen und lokalen Hallenbetreibern.“ Er habe Verständnis für die Maßnahmen, sagt der erfolgreiche Musiker. „Aber wenn ein gesamter Berufszweig per Gesetz gezwungen wird, seine Arbeit zum Schutze der Allgemeinheit ruhen zu lassen, dann muss doch die Allgemeinheit dafür sorgen, dass diese Menschen nach Corona noch da sind. Oder was habe ich übersehen?“

Die Kulturbranche ist riesig

Tatsächlich arbeiten mehr als eine Million Menschen in der Kulturbranche, im Automobilbereich gut 800.000. Doch während die Industrie es leicht hat, in Kurzarbeit zu gehen, sind gerade freie Musiker weitgehend auf sich allein gestellt. Zwar kündigte die Politik Hilfen für Soloselbstständige an, doch viele von ihnen gingen so gut wie leer aus. Denn mit dem Corona-Soforthilfe­programm dürfen keine Lebenshaltungskosten gedeckt werden, nur Betriebsausgaben. Die meisten selbstständigen Musiker haben aber so gut wie keine. Kindermusiker Daniel Kallauch rechnet vor: „Für die Monate Juni, Juli, August hätte ich 350 Euro bekommen. Insgesamt.“ Er gab den Antrag gar nicht erst ab. So wie Kallauch geht es vielen. Eine ganze Branche fühlt sich von der Bundesregierung im Stich gelassen. Bis Juni waren die Einnahmen aus Konzerten laut einer Branchenstudie schon um 80 Prozent zurückgegangen. Streamingdienste verzeichneten zwar große Zuwächse, doch bei Musikern kommt davon kaum etwas an. Die Auswirkungen werden wohl erst nach der Pandemie sichtbar werden. Vor allem die jüngeren Kollegen hätten es schwer, sagt Kallauch. „Viele werden aufgeben und lieber bei Aldi an der Kasse sitzen, als ihre Miete nicht mehr zahlen zu können.“

Ein Feuerwerk im Hirn

Es gibt wohl kaum Menschen, die mit Musik überhaupt nichts anfangen können. Musikalität ist im Menschen tief verankert. Lange bekannt ist, dass Babys schon im Mutterleib Klänge, Melodien, Harmonien und Rhythmen wahrnehmen. „Eine Welt ohne Musik wäre eine Welt ohne Menschen“, schreibt der Neurowissenschaftler Stefan Kölsch in seinem Bestseller „Good Vibrations: Die heilende Kraft der Musik“. Musik ist aus seiner Sicht das, was den Mensch vom Tier unterscheidet. „Menschen können in einer Gruppe einen Takt halten, gemeinsam einen Takt klatschen, schneller oder langsamer, ja, sogar gemeinsam schneller oder langsamer werden. Was uns simpel und trivial erscheint, kann keine andere Spezies.“ Kölsch beschreibt, wie Musik nicht nur Balsam für die Seele ist, sondern auch erfolgreich in Therapien zum Einsatz kommt: bei Schlaganfällen, Alzheimer-Demenz, Autismus und vielem mehr.

Was Musik im Gehirn auslöst, haben Wissenschaftler in den vergangenen Jahren verstärkt untersucht. Die Australierin Anita Collins, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Arbeit von Neurologen und Psychologen in diesem Gebiet allgemeinverständlich zu erklären. Dazu zählen natürlich Tests aus dem MRT. Forscher untersuchten, wie sich Aufgaben wie das Lesen eines Textes oder das Lösen einer Mathegleichung auf die Hirnaktivität auswirkt. Gewisse Bereiche leuchteten dabei auf. „Aber als die Forscher den Teilnehmern Musik vorspielten, sahen sie ein kleines Feuerwerk im Gehirn.“ Mehrere Bereiche leuchteten gleichzeitig auf, die die einzelnen Elemente des Gehörten analysierten und schließlich zu einem Gesamtwerk verarbeiteten. Noch heller leuchtete der Bildschirm allerdings, als Musiker gebeten wurden, ihr Instrument zu spielen, während ihre Hirnaktivitäten dokumentiert wurden. Wer musiziert, bei dem läuft das Gehirn auf vollen Touren. Eine Vielzahl von Hirnregionen werden aktiv und kommunizieren rasend schnell miteinander: Sehen, Hören, Feinmotorik. Eine Violinistin etwa muss die Augen auf das Notenblatt richten und die Partitur korrekt interpretieren, sie muss mit der rechten Hand den Bogen in exaktem Winkel mit angemessenen Anpressdruck in der richtigen Geschwindigkeit über die richtige Saite streichen, während der korrekte Finger die Saite perfekt synchron an der richtigen Stelle aufs Griffbrett drückt – und sie das Instrument fest zwischen Kinn und Schulter klemmt. Eine neuronale Meisterleistung.

Musik spielt in allen Kulturen eine wichtige Rolle, sie existiert in einer großen Vielfalt von Rhythmen, Tonleitern, Lautstärken und Instrumenten. Musik kann beruhigen, motivieren, erschüttern, verbinden. Ein romantisches Klavierkonzert besänftigt die Sinne, der lange nicht gehörte Popsong aus der Jugendzeit weckt nostalgische Erinnerungen, knackige E-Gitarren-Licks stehen für Energie. Musik spiegelt und verdichtet damit alle menschlichen Emotionen auf eine Weise, wie es Sprache oder Bilder nicht können. Sie ist intim, drückt Sehnsucht und Hoffnung, Freude und Schmerz aus.

Die Bibel ist voll mit Musik

Kein Wunder also, dass Musik gerade im christlichen Glauben eine so große Rolle spielt. Einer der größten Musiker und Komponisten aller Zeiten, Johann Sebastian Bach, sagte einst: „Mit aller Musik soll Gott geehrt und die Menschen erfreut werden. Wenn man Gott mit seiner Musik nicht ehrt, ist die Musik nur ein teuflischer Lärm und Krach.“ Das Besondere an der Musik in der Gemeinschaft der Christen ist seit ihren Ursprüngen, dass sie alle Gläubigen in besonderer Weise verbindet. Alle dürfen – und sollen – gemeinsam Gott loben. Niemand singt zu schief, als dass Gott das Lob nicht annehmen würde. Mitten in der Bibel findet sich mit den Psalmen sogar ein ganzes Gesangbuch. Auch an vielen anderen Stellen finden sich Lobgesänge, Lieder der Klage und der rege Gebrauch von Musikinstrumenten. Gelebter Glaube ist musikalisch, ob man gut singen kann oder nicht. Das Amen in der Kirche ist so sicher wie der Lobpreis in der Kirche. Das galt bis zu diesem Frühjahr.

Denn in der Corona-Pandemie gilt Singen als Gefahr. Winzigste Partikel, Aerosole, verlassen beim Singen den Mund – und erhöhen das Risiko, dass sich Menschen infizieren. Je lauter man singt, desto mehr Aerosole werden ausgestoßen. Beim normalen Atmen und leisen Sprechen sind es viel weniger. Trotz Abstand und Maskenpflicht verzichten die meisten Kirchengemeinden auf Gesang. Die Regelungen der Landeskirchen unterscheiden sich: In Bayern und Württemberg ist Singen mit Abstand erlaubt, in Hessen-Nassau wird davon abgeraten, in Berlin darf in einem einstündigen Gottesdienst bis zu 15 Minuten in mindestens 3,5 Meter hohen Räumen gesungen werden, wenn Abstand gewahrt wird. Baptisten und der Bund Freier evangelischer Gemeinden raten vom Singen ab.

In Anika Rehorns Gemeinde wird normalerweise überall gesungen: Natürlich im Gottesdienst, in allen Hauskreisen, der Jugendgruppe, im Kirchenvorstand, bei den Pfadfindern. „Wir sind eine sehr musikalische Gemeinde“, sagt die Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Oberstedten in Hessen. Eigentlich strömen 80 bis 100 Leute in den Gottesdienst, eine gute Quote. Im März stellte die Gemeinde um auf Livestream-Gottesdienste um, seit Pfingsten gibt es ein hybrides Format: Ein Gottesdienst mit Besuchern, der aber online übertragen wird. Gemeinsam gesungen wird nicht. Auch deswegen bleiben Einige lieber zu Hause. „Man hat das Gefühl, man darf nicht mitmachen. Gottesdienst wird ohne Singen wie zu einem Theaterstück, wo ich stumm sitze und wieder gehe.“ Rehorn selbst ist ausgebildete Sängerin und Chorleiterin und hat Freude daran, den Lobpreis zu leiten, der sich in ihrer Gemeinde wochenweise mit Orgelmusik abwechselt. Im Sommer haben die Oberstedter Christen gerne im Freien gesungen, mit drei Metern Abstand, manchmal auch nach dem Gottesdienst. Eine Gitarre, mehr brauchte es nicht. „Das war eine total nette Stimmung“, erinnert sich die Pfarrerin. Sie spürt ein großes Bedürfnis nach Musik und gemeinsamem Gesang. Besonders im Seniorenkreis. Im Sommer trafen die Senioren sich draußen. Eine über achtzig Jahre alte Frau spielt normalerweise Klavier. „Sie hat dann gesagt: ‚Dann nehm ich halt meine Quetschkommode mit!‘ Die Senioren sangen dann gemeinsam ihre Lieblingslieder mit Ziehharmonika. Das hat mich sehr angerührt.“ Rehorn hat Tränen in den Augen, als sie das erzählt.

Ein Grundrecht auf Kultur

„Luther hat gesagt: Wer singt, betet doppelt“, sagt Thomas Nowack. Er ist Referent beim Verband für christliche Popularmusik in Bayern“, einem der kirchenmusikalischen Fachverbände der bayerischen Landeskirche (ELKB). 1.600 Mitglieder, vom Chor bis zur Band, sind dort organisiert. Alleine in der ELKB zählt Nowack 60.000 bis 80.000 Aktive in Posaunenchören, Chören, Bands und Musikteams. „Die Laienmusik in Deutschland ist auf einem ganz hohen Niveau, und die Kirchen tragen dazu im großen Stil bei.“ Was Nowack berichtet, klingt sehr ähnlich wie bei vielen, bei denen sich pro umgehört hat: Verständnis für die Maßnahmen, Traurigkeit bis zu Verlustschmerz über die Auswirkungen. „Gerade die Gospel- und Popchöre sind unglaublich unglücklich darüber, dass sie kaum oder gar nicht proben können. Einige Chöre werden die Pandemie nicht überleben“, sagt Nowack.

Er kennt beide Seiten, Profis und Hobbymusiker. Als Geschäftsstellenleiter arbeitet er neben seiner Tätigkeit beim Verband auch bei der Künstlervereinigung „Das Rad“, die 400 Mitglieder hat. Unter vielen Profi-Musikern gehen die Einnahmen gegen Null. Nowack plädiert dafür, dass Kirchen gerade jetzt Musiker in die Gottesdienste holen – und bezahlen – sollten. Auftreten dürfen sie unter Corona-Auflagen, wenn es sich um einen Gottesdienst handelt. Anders als Konzerte stehen Gottesdienste unter dem Schutz der Religionsfreiheit. „Es stünde allen Kirchen, besonders den Freikirchen, gut an, jetzt eine neue Wertschätzung für Kultur zu entwickeln.“ Auch beim Staat sieht Nowack Nachholbedarf. „Oft heißt es: Kultur ist nice-to-have. Das stimmt aber nicht. Kultur ist ein Lebensmittel. Wir bräuchten ein Grundrecht auf Kultur in der Verfassung. Trotz aller Bemühungen seitens der Spitzenverbände im Bereich Kultur ist dies bis heute nicht gelungen.“

Daniel Kallauch ist dankbar für jedes Konzert, das stattfinden kann. Früher waren Anfragen von drei Monaten im Voraus für ihn schon kurzfristig. In diesem Herbst spielte er sogar Konzerte, die nur zwei Wochen zuvor vereinbart worden waren. Die Weihnachtstour für 2021 ist schon komplett ausgebucht. Eigentlich ein gutes Zeichen. „Mal schauen, was daraus wird.“

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro. Sie können das Heft kostenlos und unverbindlich online bestellen oder telefonisch unter 06441/5667700.

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