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Nur die Angst vor Gott

Der Schriftsteller und Journalist Jonathan Littell ließ sich Anfang dieses Jahres in die syrische Stadt Homs einschleusen, die damals noch eine Hochburg der Aufständischen war. Die Eindrücke des zweiwöchigen Aufenthalts hat er in den "Notizen aus Homs" festgehalten, die jetzt im Hanser-Verlag erschienen sind. Sie geben Einblicke in den Kampfalltag der Rebellen und vermitteln Verständnis für ihr Anliegen. Manche Fragen bleiben aber offen.
Von PRO

Foto: Hanser-Verlag / David Monniaux (CC BY-SA 2.0)

Das Anliegen, seine Notizen zu veröffentlichen, erklärt Littell mit der "Tatsache, dass sie Bericht erstatten über einen kurzen und bereits verschwundenen Moment, der quasi ohne Zeugen von außen stattgefunden hat, die letzten Tage der Erhebung eines Teils der Stadt Homs gegen das Regime von Baschar al-Assad, unmittelbar bevor diese in einem Blutbad ertränkt wurde…". Mit dem Blutbad meint Littell die zwei Monate währende Offensive der syrischen Armee in Homs, in deren Zuge sie weite Teile der Rebellenhochburg einnahm.

Kämpfe und Gemütlichkeit

Littell, der sich besonders als Schriftsteller mit dem Roman "Die Wohlgesinnten" einen Namen gemacht hat, befand sich in den zwei Wochen vor der Offensive vor Ort, vom 16. Januar bis zum 2. Februar 2012, eine Zeit also, die man die "Ruhe vor dem Sturm" nennen könnte. Heftig waren die Winde natürlich auch schon vorher: Die Aufständischen, denen er begegnet, zeigen ihm Fotos und Videos von Getöteten, die augenscheinlich die syrische Armee zu verantworten hat: "Ein Gemetzel", resümiert Littell.

Auch er selbst begleitet die Aufständischen bei ihren Kampfhandlungen, bei denen es mitunter "sehr gemütlich" zugeht: Die meiste Zeit verschanzen sich die Aufständischen in Häusern, trinken Tee oder unterhalten sich. Ab und zu geben sie ein paar Gewehrsalven ab. Die Gemütlichkeit trügt aber, die Anspannung ist da: "Man spürt [sie] erst, wenn sie nachlässt."

Die Aufständischen, denen Littell begegnet, bezeugen, dass es ihnen zu Beginn des Aufruhrs schlicht um die Freiheit des Volkes ging. Sein Fahrer Abu Abdallah erklärt ihm: "Als ich auf die Straße ging, wollte ich nicht, dass Baschar al-Assad abdankt. Wir wollten nur ein würdiges Leben, Essen und Respekt." Abdallah ist Elektroingenieur, hat jedoch seine Arbeit in Homs verloren, weil er bei der Korruption nicht mitmachen wollte.

Da die Armee diese Proteste aber gewaltsam unterband, wurde daraus ein blutiger Aufstand. Littell lernt Deserteure kennen, die diesen Kurs nicht mitmachen wollten. Manche von ihnen geben aus Angst um ihre Familie ihre Identität nicht preis und vermummen sich. Andere der Aufständischen geben sich mutiger: In einem Haus, bei dem Littell auf seiner Reise untergekommen ist, fragt er den regimekritischen Gastgeber, ob er Angst um seine Kinder habe. "Ich habe nur Angst vor Gott", antwortet der Sunnit.

Einblicke in einen Bürgerkrieg

Neben den Zeugnissen der Menschen führt Littell dem Leser auch die desolaten Zustände in Syrien vor Augen. In Qusair etwa, einer Stadt in der Nähe von Homs, haben Sicherheitskräfte das Krankenhaus besetzt. Im Untergrund-Krankenhaus der Rebellen in einem Privathaus gibt es nur eine einfache Ausstattung wie Spritzen. "Die Menschen sterben hier an einfachen Verletzungen, an Blutverlust", notiert sich Littell.

Littells "Notizen" geben ein Mosaik von Einzelaussagen wieder. Ob auf die Zeugenaussagen immer Verlass ist, fragt sich Littell nur selten. Meist erscheinen der Aufstand und die "Freie Syrische Armee" (FSA), ein loser Kampfverband der Aufständischen, in einem guten Licht, während die syrische Armee für die Massaker verantwortlich ist. Immerhin sind die "Notizen" nicht völlig einseitig: Littell berichtet auch davon, wie die FSA Falschinformationen streut, und von einem wütenden Mob, der einen Schergen Assads auf brutale Weise lyncht.

An manchen Stellen hätte man sich gewünscht, dass Littell tiefer bohrt: Er spricht etwa mit einem Christen, der mit den Aufständischen zusammen gegen Assad demonstriert. Beim Lesen kommen Fragen auf, die Littell nicht stellt: Welcher Kirche gehört der Christ an? Warum genau demonstriert er gegen Assad? Warum versuchen seiner Meinung nach viele Christen, sich aus dem Konflikt heraus zu halten oder Assad zu unterstützen?

Der Mehrwert seines Buches besteht darin, vieles, was über Ursache und Verlauf des dortigen Konfliktes bereits bekannt ist, durch die Begegnung mit den Betroffenen konkret werden zu lassen. Mit den notizenartigen Informationen, etwa über die syrischen Geheimdienste, und einer Karte von Homs im Anhang ist das Buch ein guter Einstieg für diejenigen, die sich tiefergehend mit dem Syrien-Konflikt befassen möchten. (pro)

Jonathan Littell, Notizen aus Homs, übersetzt von Dorit Gesa Engelhardt, Hanser-Verlag 2012, 240 Seiten, 18,90 Euro

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