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Nun aber mal ehrlich

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow bekannte diese Woche, an einer Trauerfeier teilgenommen zu haben, obwohl das wegen der Corona-Verordnungen nicht gedurft hätte. Er stellte sogar infrage, ob die Regeln seiner Regierung dazu alle richtig waren. Dass er Fehler eingesteht, macht den Politiker glaubwürdig, findet pro-Kolumnist Jürgen Mette.
Von PRO
Viele Jahre leitete der Theologe Jürgen Mette die Stiftung Marburger Medien. Sein Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“ schaffte es 2013 auf die Spiegel-Bestsellerliste. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Foto: pro/Jürgen Mette

Viele Jahre leitete der Theologe Jürgen Mette die Stiftung Marburger Medien. Sein Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“ schaffte es 2013 auf die Spiegel-Bestsellerliste. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Dass in der Beurteilung der staatlich verordneten Isolation auch hier und da Fehler aufgedeckt, statistische Werte falsch interpretiert und daraus auch falsche Schlüsse für die politischen Konsequenzen gezogen werden, das kann angesichts des Ernstfalls Pandemie keinen verwundern. Auch nicht die sich zusammenrottenden Total-Ignoranten, die nur eins wollen: Recht haben! „Wir haben es doch immer gewusst!“

Am 31. Oktober des vergangenen Jahres habe ich mich an dieser Stelle zu Thüringen geäußert:

Obwohl sich deren Spitzenkandidat und noch regierender Ministerpräsident Bodo Ramelow immer zu seinem christlichen Glauben bekannt hat, wurde er von frommen Leuten politisch observiert, immer in der Hoffnung, dass ihm etwas Unchristliches unterlaufen würde. Heute stellen wir fest, dass Thüringen nicht zur Außenstelle Nordkoreas mutiert ist und Ramelow sich nicht als der Antichrist entpuppt hat.

Heute überrascht Thüringens Ministerpräsident mit einem hohen Maß an Glaubwürdigkeit. Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) setzt sich für die Posaunenbläser im ostthüringischen Möschlitz ein. Fünf Bläser waren im April wegen eines kleinkonzertanten Gebläses unter freiem Himmel in die Kritik geraten. Polizeibeamte hatten den Auftritt wegen der corona-bedingten Kontakteinschränkung damals als verboten eingestuft, vorzeitig abgebrochen und auch Anzeigen erstattet, was über die Region hinaus für Aufsehen sorgte. Wer kam ihnen zur Hilfe? Bodo Ramelow.

Da fügt sich der Verstand dem Herzen

Und nun das: Ramelow bekennt sich öffentlich, an der Beerdigung einer Nachbarin teilgenommen und damit gegen Vorschriften verstoßen zu haben, die seine Regierung selbst verordnet hatte. In der Zeit-Beilage Christ & Welt gestand er ein, dass er eigentlich nicht hätte dabei sein dürfen, es aber für „unmenschlich“ gehalten habe, der Beisetzung nicht beizuwohnen. Er frage sich, ob die Verordnungen in allen Punkten so richtig gewesen seien oder ob es vielleicht auch andere Lösungen gegeben hätte.

Die Thüringer Allgemeine kommentierte dazu am 14. Mai:

Egal, wie persönlich, privat oder religiös sein Handeln und das Preisgeben dessen motiviert war, politisches Kalkül steckte bei Ramelow sicher nicht dahinter. Das ist jedenfalls ein feiner Unterschied zu Thomas Kemmerich, der in seiner Funktion als FDP-Landeschef den Regelverstoß öffentlich zur Schau stellte. Diese Differenzierung wird aber die meisten Menschen nicht interessieren. Was bleiben wird, ist ein Verstoß gegen die Regeln. Das hätte er wissen müssen!

Das hat er sicher gewusst! Aber manchmal gibt es Situationen, da fügt sich unser Verstand der Sprache unseres Herzens. Wenn unsere Politiker es nicht mehr schaffen, Fehler öffentlich zu bekennen und sich in diesem rauen Geschäft jede empathische Regung abgewöhnt haben, dann kommen die Eisheiligen ganz scheinheilig um die Ecke.

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