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#NotJustSad – Nicht einfach nur traurig

Seit mehr als einem Jahr twittern Schwermütige unter #NotJustSad über ihr Seelenleben. Außenstehende können hier lernen, was Betroffene durchmachen. Hilfe beginnt im Alltag.
Von PRO
Auf Twitter findet sich nicht nur fröhliches Spatzengezwitscher, sondern auch rabenschwarze Kunde über das Seelenleben mancher Nutzer

Foto: GlobalP

Auf Twitter findet sich nicht nur fröhliches Spatzengezwitscher, sondern auch rabenschwarze Kunde über das Seelenleben mancher Nutzer
Was ist Stärke? Die zurechtgelegte Klinge wieder wegpacken. Weil man weiß, dass man es anders lösen kann. #notjustsad #depression.“ Diesen Tweet setzte die Twitternutzerin „Anni“ (@anni_2111) am 4. November 2015 ab. Mit dem Hashtag #NotJustSad verwendete sie jene Erkennungsparole, unter der sich Depressive seit mehr als einem Jahr auf dem Kurznachrichtendienst zusammenfinden – und dort offenbar auf Verständnis und Hilfe stoßen. „Anni“ jedenfalls weiß, was sie an der virtuellen Gemeinschaft hat: „Danke, dass ihr da seid. Das bedeutet mir ganz viel. Und nimmt mir einen Teil meiner Einsamkeit. Danke. #notjustsad #depression“, schrieb sie einen Tag später. Die Geschichte von #NotJustSad beginnt am 10. November 2014. Die Berliner Bloggerin Jana Seelig verfasste an jenem Montagnachmittag eine Reihe von Tweets, in denen sie vor allem das Unverständnis anderer für die Betroffenen und ihre Stuation ansprach: „Wenn ihr selbst keine Depressionen habt, dann dürft ihr auch nicht mitreden und uns sagen, wie es uns zu gehen hat und was wir tun sollen.“ Malaika Bunzenthal aus Frankfurt, ebenfalls eine Bloggerin, stieß auf die Wortmeldungen und ersann den Hashtag #NotJustSad, „Nicht einfach nur traurig“, für Tweets zum Thema Depression. „Vor allem für Betroffene“, schrieb sie dazu. Was folgte, war eine Welle von Tweets unter diesem Schlagwort. Leitmedien merkten auf. Schon am nächsten Morgen berichteten die Online-Ausgaben von Süddeutscher Zeitung, der Wochenzeitung Die Zeit oder des Magazins Stern über den neuen Trend auf Twitter. Seelig und Bunzenthal hatten einen Nerv getroffen. Und noch heute hängen im Schnitt jeden Tag 135 Tweets mit #NotJustSad zusammen. Wer danach sucht, findet ein Sammelsurium an selbstzerfleischenden Kommentaren, Hilferufen aus der Einsamkeit, Wutworten über Unverständnis, Klagen, das Leben nicht mehr gestalten zu können, Frustäußerungen über die mit Depressionen verschwendete Lebenszeit.

Millionen erkranken jährlich in Deutschland an einer Depression

Unterdessen stritten sich Seelig und Bunzenthal darüber, wem wie viel Ehre dafür gebührt, das Thema Depression auf diese Weise bekannt gemacht zu haben. Aber angesichts der Einzeldramen ist das ein Nebenschauplatz, zu dem noch zu sagen ist: Seelig ergatterte einen Buchvertrag bei Piper, dort erschien Anfang Oktober ihr Debütroman zum Thema, „Minusgefühle“. Die Berliner Zeitung schrieb dazu: „Jana Seelig hat eines geschafft: Das Tabu Depression ist gebrochen, fast schon gesellschaftsfähig geworden.“ Auf solche großen Worte braucht man nicht viel zu geben. Ebenso oft wie Depression zur „neuen Volkskrankheit“ gekürt wird, heißt es, das damit verbundene Tabu erlösche. Professor Ulrich Hegerl, der die Stiftung Deutsche Depressionshilfe leitet, sieht nach wie vor eine Stigmatisierung von Betroffenen, die auf Unverständnis oder Verunsicherung zurückzuführen sei. Der Vorwurf laute dann etwa, man lasse sich gehen oder sei zu schwach. Dabei sei Depression keine Laune, kein Burnout und schon gar keine Charakterschwäche. Tatsächlich handele es sich um eine Krankheit, die jeden treffen könne, erklärt Hegerl. Laut der Stiftung erkranken jedes Jahr 4,9 Millionen Menschen in Deutschland an einer Depression. Die große Mehrheit der jährlich 10.000 Suizide sei darauf zurückzuführen. Eben aufgrund besagter Tabus nutzen auch Menschen #NotJustSad, die sich in ihrem Umfeld noch nicht „geoutet“ haben. Dieses Wort verwendet der Twitter-Nutzer „MarKle“ (@blacklight764), der seit einem Dreivierteljahr unter #NotJustSad twittert. „Über Twitter kann ich meinen Gedanken freien Lauf und andere daran teilhaben lassen, ohne dass ich mich outen muss. Es tut mir gut, wenn man sieht, dass man nicht alleine ist“, sagt er gegenüber pro. Als Mann falle es ihm zusätzlich schwer, seine Depression seinem Umfeld bekannt zu machen. Etwas anders gelagert ist es bei Sabine, die ihren Twitter-Namen nicht genannt haben möchte. „Mein Umfeld weiß von meiner Krankheit. Die wenigsten können aber etwas damit anfangen. Das kann man auch gar nicht erwarten.“ Twitter hat für sie zwiespältigen Charakter: Einerseits sei es hilfreich, die Tweets anderer zu lesen, denen es ähnlich gehe. In Stunden der Verzweiflung entstünden dabei sogar kurze Gespräche, auch mitten in der Nacht, „die mich kurzfristig aus dem schlimmen Gefühl des Verlassenseins rausholen“. Andererseits zögen sie die vielen Tweets über Depression auch runter. „Dann brauche ich auch mal eine Twitter-Pause. Manchmal prasselt ganz schön viel Negativität auf einen ein. Das ist ja nicht der Sinn des Ganzen.“ Mit anderen Worten: Die Spontaneität, die Twitter bietet, kann auch ein Nachteil sein. Beiträge bleiben unbeaufsichtigt. Anders sei dies etwa mit dem Online-Forum der Deutschen Depressionshilfe, erklärt Hegerl. Dort werden die Beiträge täglich geprüft; Verletzendes oder Gefährliches wird gelöscht. Suizidankündigungen werden ernst genommen; gegebenenfalls wird über die Polizei Hilfe organisiert. Hegerl vermutet, dass bei Twitter, ähnlich wie beim Forum, viele still mitlesen. Umso wichtiger sei es, darauf zu achten, was dort geschrieben wird. Hinzu komme, dass im Forum viele durch die Antworten anderer Betroffener lernten, mit ihrer Depression umzugehen. „Das hat manchem geholfen, diese schwierige Zeit zu überwinden.“ Eben dieser Austausch von Erfahrung finde bei Twitter kaum statt. „Bei Twitter ist der Austausch sehr abgehackt. Die Dinge lassen sich nicht so differenziert darstellen.“ Der Kurznachrichtendienst biete zwar die Option der Direktnachricht, um Einzelnen persönlich und ausführlicher zu schreiben – dies sei für andere Nutzer dann aber unsichtbar.

Gottesklage kurzgefasst

Auch wenn Twitter keine Gedanken in aller Differenziertheit bietet – den Tweets fehlt es sicher nicht an Tiefe. So gehören auch Klagen über Gott zu #NotJustSad, ebenso wie über christliche Reaktionen auf Depressive. „Wenn Gott uns das nur zumutet, was wir ertragen können. Dann hat er eine große Meinung von mir #NotJustSad“, meint „Chris Rümi“ (@RumiChris). „Was habe ich Gott angetan, dass er mich mit so einem Leben bestraft? #notjustsad“, klagt „nobodyslittlegirl“ (@Verdammtesich). „‚Ich schließe dich in meine Gebete ein.‘ – Ach Papa, sprich doch lieber mal mit mir statt mit Gott … #notjustsad“, fleht „black dog“ (@blackdog_1616). „Ich erinnere mich, dass mir jemand sagte, Depressive müssen Jesus ihr Herz öffnen. Immer noch ziemlich wütend darüber. #NotJustSad“, schreibt „Jemus42“ (@Jemus42). Besonders die letzten beiden Tweets werfen die Frage auf, wie Christen mit dem Phänomen Depression umgehen können. Aus den Wortmeldungen ist zu entnehmen, dass Mutmacher wie „Gott wird schon eingreifen“, „Du musst mehr beten“, so gut sie auch gemeint sind, nicht passen. „Sie zeigen eher die Hilflosigkeit der Wünschenden, als dass sie helfen“, meint der Seelsorger und Psychologe Ulrich Giesekus, Professor an der Internationalen Hochschule Liebenzell. Vollkommen falsch sei es, Depression als Mangel an Glaube oder gar als Strafe Gottes wahrzunehmen und so zu vermitteln. Wie kann Hilfe aussehen? Auf Twitter beginnt sie schon, indem man auf Depressive zugeht. Das meint jedenfalls „MarKle“. „Gespräche mit anderen können natürlich nützlich sein. Wenn jemand auf mich zukommt über Twitter, gehe ich natürlich auf das Gespräch ein. Denn man kann ja nur dazulernen.“ Aus den Antworten von „MarKle“ wie auch aus manchem Tweet spricht aber vor allem der Wunsch nach einem „positiven Umfeld“ von Menschen. Diese sollten allerdings damit rechnen, dass man selbst oft nicht in der Lage ist, fröhlich zu sein – Menschen, bei denen man sich in diesem Sinne fallen lassen kann; die einem durch ihre Gemeinschaft Selbstvertrauen, Lebensmut und eine neue Sicht auf das eigene Leben zusprechen können. Dass so ein Perspektivwechsel verändern kann, hält er grundsätzlich für realistisch, jedoch nicht „in unserer Gesellschaft, die durch Egoismus und Konkurrenzdenken geprägt ist“. Auch mit Hilfe im Alltag wäre schon einiges getan, meint Sabine. „Hin und wieder wünsche ich mir jemanden, der einfach mal in einer ganz miesen Phase für mich kocht oder mal den Abwasch macht. Denn wenn es mir richtig mies geht, schaffe ich es teilweise gar nicht, vom Sofa aufzustehen. Dann starre ich einfach nur die Wand an und kann mich kaum bewegen. Jemand, der mir, ohne zu fragen, eine Pizza vorbei bringt, … das wäre großartig.“

Arztbesuch alternativlos

Einen ähnlich Ansatz empfiehlt auch Giesekus Christen, die sich für Depressive einbringen wollen. Hilfe beginne bereits beim täglichen gemeinsamen Spaziergang, dem Angebot, ein Mittagessen vorbeizubringen – mit einem Wort: Alltagshilfe. Das gehe auch bei Menschen, die keine Gemeinde besuchen. Dienlich sei aber ebenso ein Hauskreis, „in dem auch ein depressiver Mensch liebevoll durchgetragen und durchgebetet wird“, sowie ein Gesprächsangebot durch qualifizierte Seelsorger. In dieser Weise sollten sich Gemeinden stärker auf Depressive einstellen, empfiehlt Giesekus weiter. „Depressionen nehmen weltweit zu und werden vermutlich in wenigen Jahren eine der häufigsten Erkrankungen werden.“ Psychische Störungen seien in der Gesellschaft immer noch schambelegt – auch in mancher Gemeinde zeige sich das als deutlicher Trend. Im Großen und Ganzen bewertet Giesekus den Umgang von Christen und Gemeinden mit Depressiven jedoch positiv. „Nirgendwo sonst findet man zum Thema so viel gute Literatur, semiprofessionelle Seelsorge-Ausbildung, so viele qualifizierte Vorträge und Tagesseminare wie in christlichen Gemeinden.“ Bei allen Angeboten sollten Gemeinden jedoch nicht in Konkurrenz zum Gesundheitswesen treten oder gar „schmalspurtherapeutische Angebote“ machen. „Jeder Mensch mit einer mehrwöchigen depressiven Niedergedrücktheit muss zum Arzt.“ Dies sei auch deshalb nötig, um andere Krankheiten auszuschließen. „Gemeinden sind aber eine großartige Plattform für die Begleitung und Unterstützung professioneller Hilfe und beste Voraussetzung für gelingende Alltagsbewältigung.“ Dieser Gedanke lässt sich auf Twitter übertragen: Der Kurznachrichtendienst ist sicher keine Alternative für Behandlung; mit seinem Format kann er diese aber ergänzen, wenn nicht sogar reflektieren, und für Betroffene sowohl erste Hilfe als auch Begleitung sein. Auch mit 140 Zeichen lässt sich ein Lebensgefühl formulieren, das für die Betroffenen hoffentlich Episode bleibt; umso besser, wenn Twitter dabei mitgeholfen hat. (pro)

Dieser Artikel ist der Ausgabe 1/2016 des Christlichen Medienmagazins pro entnommen. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich unter Telefon 06441 915 151 oder online.

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