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Nicht umsonst

Vor fünf Jahren starb im Hamburger Stadtteil Jenfeld ein Kind: Jessica. Jahrelang hatten ihre Eltern das Kind gequält, bis die Siebenjährige verhungerte. Thies Hagge war schon damals Pastor in der Kirche in Jenfeld – und erzählt, was seitdem geschehen ist. Von Andreas Dippel 
Von PRO

Foto: pro

Es ist der 2. März 2005. Nicht nur die Tageszeitung "Die Welt" berichtet an diesem Tag über ein Mädchen, das nie wirklich gelebt hat. "In einer Hochhaussiedlung im Hamburger Stadtteil Jenfeld ist ein siebenjähriges Mädchen in der Wohnung seiner Eltern an Unterernährung gestorben. Die Mutter rief gestern früh um kurz vor sieben Uhr die Rettungskräfte, weil ihr Kind ins Koma gefallen sei. Doch der Notarzt kam zu spät: Das Mädchen war bereits tot. Die Polizei stellte fest, dass die siebenjährige Jessica S. extrem abgemagert war. Nur noch neuneinhalb Kilo wog das Kind am Ende. Die Mordkommission hat die Ermittlungen übernommen, die Eltern Marlies Sch. (35) und Burkhard M. (49) wurden festgenommen. Sie sollen heute dem Haftrichter vorgeführt werden. Der Vorwurf: Tötung durch Unterlassen."

Jessica war über Jahre hinweg in der Plattenbauwohnung seiner Eltern eingesperrt. Sie hatten das Kinderzimmer in einen Kerker verwandelt, die Glühbirnen aus der Lampe entfernt, die Thermostate an der Heizung fixiert, damit die kleine Mädchen nicht einmal den Hauch von Wärme erfahren kann. Das Fenster war verdunkelt, damit niemand das Kind sieht. Zwei beschmutzte Matratzen lagen auf dem kahlen Boden, mehr nicht. Kein Spielzeug, nichts. Das Grauen auf Erden endet für die Siebenjährige erst, als ihr Körper aufgibt, nicht mehr genug Nahrung zum Funktionieren hat. In den frühen Morgenstunden am 1. März ist es soweit.

Schwer zu ertragen

Der evangelische Pastor Thies Hagge ist ein robuster Typ, den so leicht nichts umhaut. Mitten im Hamburger Stadtteil Jenfeld steht die Friedenskirche, in der Hagge seinen Dienst tut. Doch wenn er an die Tage und Wochen denkt, die er vor fünf Jahren erlebt hat, dann fällt alles Robuste von ihm ab, es geht auch nicht anders.

"Es war sicherlich die intensivste und schwerste Zeit, die ich in meinem Dienst als Seelsorger erlebt habe", sagt er. Auf ihn prasselten die Fragen ein, die sich nicht nur die Menschen in Jenfeld, in Hamburg, sondern in ganz Deutschland stellten: Wie konnte das geschehen? Warum hat das niemand verhindern können? "Mir war schnell bewusst, dass ich danach gefragt werde", erinnert sich Thies Hagge. Mit seinem Kollegen spricht er sich ab, dass er als dienstälterer Pastor der Ansprechpartner für die Medien sein sollte. Denn alle großen Zeitungen, Radio- und Fernsehmagazine widmen sich der Geschichte von Jessica. Vor allem Boulevardmagazine rückten mit ihren Kamerateams in Jenfeld ein und wollten Thies Hagge sprechen. Er gab zahllose Interviews, damals für ihn völlig ungewohnt. Doch Deutschland brauchte einen Seelsorger.

Am Sonntag nach dem Tod von Jessica bietet seine Gemeinde einen Trauergottesdienst an. Die Kirche ist überfüllt, 700 Leute drängen sich dicht an dicht in den Bänken und Gängen. "Es waren Eltern mit ihren Kindern da, viele waren weit angereist. Auch Muslime kamen zu dem Gottesdienst, die Geschichte bedrückte alle. Auf unserem Stadtteil lag so etwas wie eine kollektive Depression", erinnert sich Hagge. "Viele Leute bedrückte, dass wenige hundert Meter von ihrem Haus entfernt ein Kind qualvoll sterben musste. Bei anderen Besuchern, die eigens angereist waren, hatte das Schicksal des Mädchens eigene Erinnerungen wachgerufen: Von Verlassenheit und Einsamkeit, von dem Ausgeliefertsein an böse Mächte, denen ein Mensch nicht gewachsen ist."

Am Ende des Gottesdienstes, den Thies Hagge selbst nur mäßig gefasst übersteht, bieten die Pastoren den Besuchern an, Kerzen am Altar anzuzünden, als Zeichen der Trauer, für ein Gebet, Wärme in der Kälte oder dafür, dass sich etwas ändern muss. "Wer sich in der christlichen Szene auskennt, weiß, dass dauernd Teelichter angezündet werden", erzählt er. "Doch dieses Mal war alles anders. Beinahe alle Menschen kamen nach vorne. Ich stand neben der Kanzel und sah die vielen Leute, die alle aufstanden, die alle kamen und die Kerzen anzündeten. Ich habe nicht oft den Eindruck, aber damals war mir das sehr bewusst: Hier ist Gott anwesend." Das sagt Pastor Hagge nicht einfach so daher, es ist ihm ernst, sehr ernst. "Uns ging es nicht um bloße Trauerarbeit. Gott wollte den Menschen sagen, dass dieses Mädchen nicht umsonst gestorben ist, sondern ihr Tod etwas auslösen wird." Damals, vor fünf Jahren, war ihm noch nicht klar, was das bedeuten sollte.

In der Woche nach dem Trauergottesdienst wurde seiner Gemeinde in einem Einkaufszentrum in Jenfeld ein Laden zur Verfügung gestellt, der leer stand. Dort haben haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter seiner Gemeinde ein Seelsorgezentrum eröffnet. An die Wände hängten sie Zeitungsartikel, die in diesen Tagen massenweise erschienen. "Wir wollten den Menschen signalisieren: Wir ziehen uns nicht in die Kirche zurück, sondern stellen uns den Fragen", sagt Pastor Hagge. Die Initiative traf den Nerv von Hunderten Bewohnern, die alle froh waren, aus ihren Wohnungen rauszukommen und mit Menschen zu reden, die auch bereit waren, über die Tragödie zu reden. "Es ging uns dabei nicht um Mission, obwohl wir natürlich auch zu den Gottesdiensten eingeladen haben. Wir wollten einfach nur da sein und den Menschen helfen, nicht zu verdrängen, was sie maßlos traurig machte."  

Nicht nur als Seelsorger der Trauernden macht Hagge in diesen Tagen Schlagzeilen. Auch als Seelsorger der Eltern, der "Rabeneltern", denen in Schlagzeilen das Menschsein abgesprochen wurde. Noch vor dem Gerichtsprozess erhält er nach einigem Bemühen einen Besuchstermin. Besonders intensiv war die Begegnung mit der Mutter. Die hatte schon in der Zeitung gelesen, dass Thies Hagge einen Besuch plante. "Als ich den Eltern gegenüber saß, weinte die Mutter erst einmal fünfzehn Minuten. Später erzählte sie mir ihre Lebensgeschichte." Was genau, das kann Pastor Hagge aufgrund seiner Schweigepflicht nicht sagen, aber in Gerichtsreportagen klingt durch, was dass die Mutter selbst eine von Missbrauch und Gewalt geprägte Kindheit hatte. Eine Entschuldigung für ihre Tat ist das nicht. Am 25. November 2005 werden die Eltern vor dem Landgericht Hamburg zu lebenslanger Haft verurteilt.

"Jetzt wollen Jessicas Eltern auch noch den Beistand Gottes!", schreibt "Bild" danach in großen Lettern. "Unverschämt", heißt es in den Artikeln. Und dennoch fragt die Redaktion den Pastor, warum er ausgerechnet diese Menschen besucht, die einem Kind das Grauen auf Erden zugefügt haben. Von Johannes B. Kerner wird Hagge in seiner Talkshow gefragt, ob die Eltern das wirklich verdienten. Und er antwortet: "Ich gehe doch nicht zu ihnen ins Gefängnis, weil ich so ein guter Mensch bin. Ich besuche die Eltern, weil ich ein Nachfolger Jesu bin und der erste, der mit Christus in den Himmel gegangen ist, war ein Mörder. Ob es Vergebung für die Eltern von Jessica gibt, hat nicht ein Boulevardblatt zu entscheiden, das behält sich Gott vor."

Bis heute weiß er: "Wenn sich Christen auf die Medien, auch die Boulevardpresse,  einlassen, gibt es immer wieder Chancen, das Evangelium in aller Klarheit zu sagen – nicht in kirchlichen Phrasen, sondern sehr elementar." Natürlich ist er kritisch, wenn Zeitungen alle Details ausbreiten, sich auf das Leid von Menschen stürzen, in Schlagzeilen verurteilen. Doch sich als Pastor zurückzuziehen, kommt für Hagge nicht in Frage, schon damals nicht.

Im "Stern" las er im Mai 2005 eine Reportage über ein Projekt, in dem Kinder aus sozial benachteiligten Familien ein Zuhause finden: die "Arche" in Berlin-Hellersdorf. Von dem Projekt hatte er bis dahin noch nie gehört. Einige Tage später nimmt er Kontakt zu Bernd Siggelkow auf, der die "Arche" ins Leben gerufen hatte. Bei einem ersten Besuch in Berlin erlebt Hagge, dass in der "Arche" die Anliegen der Kinder die oberste Priorität haben, ihnen nicht nur mit einer warmen Suppe, sondern ganzheitlich geholfen werden soll. "Das brauchen wir in Hamburg-Jenfeld auch", sagt Pastor Hagge zu Bernd Siggelkow. Denn Thies Hagge ist überzeugt, dass die "Arche" ein Symbol für eine Hoffnung ist, die selbst die größte Tragik in sich birgt.

Noch im gleichen Jahr, am 3. Advent, wurde die "Arche" in Jenfeld mit einem Gottesdienst in der Friedenskirche eröffnet. Im Januar 2006 begann die Arbeit mit den Kindern. Viele nehmen seitdem das tägliche kostenlose Mittagessen in Anspruch, Hunderte Kinder kommen mit ihren Eltern zu den Angeboten, nehmen an den Kindergottesdiensten teil und spielen mit den hauptamtlichen Betreuern. Bei einem Hoffest zu Beginn der "Arche" waren 1.000 Kinder mit ihren Müttern und Vätern dabei. Im Dezember 2007 wurde der Neubau der "Arche" eingeweiht, ein moderner, heller Bau, in dem Kinder toben und leben können.

Boxtraining mit dem Profi

Immer wieder kommt neue Bewegung in das Angebot: Vor etwa zwei Jahren meldete sich der ehemalige Europameister im Schwergewicht, Jürgen Blin, bei Pastor Hagge. Er hatte von der "Arche" in Jenfeld gehört und bot ihm an, Kinder ehrenamtlich im Boxen zu trainieren. Mittlerweile kommen etwa 200 Jugendliche pro Woche in ein Trainingszentrum. Dabei geht es nicht um das Kämpfen, sondern um Anti-Aggressionstraining, Bewegung und Begegnung. Und noch um viel mehr. Die Kinder und Jugendliche werden von der Straße geholt, sie lernen Menschen kennen, die ihnen mit Respekt und Liebe begegnen, die sie nicht als nutzlos und ungewollt abschieben, ihre eigenen Verletzungen nicht an anderen ausleben. Genau das wurde vor fünf Jahren einem kleinen Mädchen angetan.

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