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Nicht nur der Mond ist aufgegangen

Als Redakteur gekündigt, als Liederdichter wohlbekannt: Am 21. Januar vor 200 Jahren ist der Lyriker und Journalist Matthias Claudius gestorben. Eine aktuelle Biografie macht sein facettenreiches Werk und Leben lebendig. Eine Rezension von Walter Hilbrands
Von PRO
Journalist, Gelehrter, Familienvater, Hobbymusiker, Dichter: Matthias Claudius war eine facettenreiche Persönlichkeit. Vor 200 Jahren ist er gestorben. Im August würde er seinen 275. Geburtstag feiern

Foto: Seidel/pro

Journalist, Gelehrter, Familienvater, Hobbymusiker, Dichter: Matthias Claudius war eine facettenreiche Persönlichkeit. Vor 200 Jahren ist er gestorben. Im August würde er seinen 275. Geburtstag feiern
Dass das Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius stammt, wissen die meisten. Aber Hand aufs Herz: Was ist Ihnen sonst über den Liederdichte bekannt? Zu dessen 200. Todestag hat Martin Geck, seit 2001 emeritierter Professor für Musikwissenschaft an der Universität Dortmund, eine beeindruckende Claudius-Biografie vorgelegt. Wie Gecks Musikerbiografien hat auch dieses neue Werk das Zeug zu einem Bestseller. Gecks Werke sind zugleich gut lesbar wie gründlich recherchiert. Seine Biografien lassen Geschichte lebendig werden und gelangen zu teils originellen Deutungen der zeitgenössischen Quellen. Dass Biografien nicht trocken sein müssen, macht schon das einleitende Kapitel seines neuen Buches deutlich, in dem Geck von seinen persönlichen Erfahrungen mit den Dichtungen von Claudius erzählt. Er will kein Erbauungsbuch schreiben, sondern auch den „launigen“ Claudius und den „intellektuellen Diskurs der Goethe-Claudius-Ära“ darstellen. Dies gelingt ihm vortrefflich. Die Kapitel sind nicht einfach chronologisch angeordnet, sondern entfalten das Leben des Liederdichters unter jeweils neuer Perspektive.

Goethe schrieb für Claudius‘ Zeitung

Der historische Hauptteil umfasst 250 Seiten. Schnell wird deutlich, dass Claudius (1740 – 1815), Pastorensohn aus dem holsteinischen Reinfeld, zwischen Romantik und Aufklärung anzusiedeln ist und sich keiner „Schublade“ zuordnen lässt. Geck nimmt ihn gegenüber sentimentalen Interpretationen seines Wirkens in Schutz. Zahlreiche eingestreute Anekdoten bringen den Liederdichter dem Leser näher, beispielsweise wenn Geck Claudius in einem als „Interview“ dokumentierten Gespräch mit dem Kirchenmusiker Carl Philipp Emanuel Bach „harmlose Flunkerei“ unterstellt. Claudius‘ Korrespondenz mit damaligen Geistesgrößen der Theologie und Philosophie wie Lessing, Herder, Hamann und Jacobi wurden auf seine Veranlassung verbrannt. Dennoch lässt Geck Claudius in Zitaten aus den erhaltenen Briefen, Gedichten und anderen Werken ausführlich, nicht selten seitenlang, zu Wort kommen. Der geneigte Leser kann sich auf diese Weise selber ein Bild machen. Der vier Jahre andauernden Tätigkeit des Liederdichters als umtriebiger Redakteur des berühmten Wandsbecker Bothen sind zwei weitere Kapitel gewidmet. Claudius gelang es, namhafte Autoren wie Goethe, Lessing oder Bürger für die viermal pro Woche erscheinende Zeitung zu gewinnen, bis er 1775 gekündigt wurde. Mit vielen Beispielen illustriert Geck die Rolle Claudius‘ und dessen unbegrenzt scheinendes Spektrum an Themen und literarischen Gattungen anschaulich.

Vom Tod bedroht

1772 heiratet Claudius die 17-jährige Anna Rebekka Behn. Der Leser erfährt, dass er gar nicht stromlinienförmig und trotz aller Loyalität nicht immer obrigkeitshörig war: Einerseits tritt er 1774 in die Hamburger Freimaurerloge ein, andererseits lehnt er die kritische Bibelforschung ab und bewahrt sich einen natürlichen und künstlerischen Zugang zur Bibel. Besonders spricht ihn der Evangelist Johannes mit seiner Redeweise von Licht und Finsternis an. Immer wieder schreibt Claudius über „Freund Hain“, eine euphemistische Redensart vom personifizierten Tod. Einige Ausführungen in der Biografie scheinen von Claudius abzulenken, wenn beispielsweise anhand von dem Initiator der Zeitung, für die Claudius arbeitete, Heinrich Graf von Schimmelmann, Themen wie der Sklavenhandel und die rigide Strafjustiz jener Zeit besprochen werden. Andererseits wird so die zeitgeschichtliche Einordnung Claudius‘ deutlich. Geck verleugnet seine Profession nicht, wenn er regelmäßig musikwissenschaftliche Bezüge herausarbeitet und Notenbeispiele einstreut.

Brotlose Kunst

Claudius‘ Darmstädter Intermezzo, das zwischen 1776 und 1777 nur ein Jahr währte, wertet Geck als Misserfolg. Durch Vermittlung des Schriftstellers Johann Gottfried von Herder wird Claudius Mitglied einer Kommission für die Landesreform und begleitet seine Aufgabe als Redakteur der Hessen-Darmstädtischen privilegirten Land-Zeitung. Claudius kann sich jedoch in die Verhältnisse der Residenzstadt nicht einfinden. Eine lebensbedrohliche Krankheit tut das Ihrige dazu, den Aufenthalt dort vorzeitig zu beenden. Dass seine Kreativität in dieser Zeit keinen Schaden genommen hat, zeigt Geck anhand einiger Dichtungen Claudius’. Ganz nebenbei lernt Claudius die tahitianische Sprache, die zur polynesischen Sprachfamilie gehört. Wie sehr Claudius von 1778 bis 1789, aber wohl auch grundsätzlich, zwischen Anerkennung und Ablehnung gelebt und gewirkt hat, zeigt Geck gegen Ende der Biografie. Bis 1785 leidet Familie Claudius ständig unter finanziellen Engpässen. Erst durch den Ehrensold als Buchprüfer des dänischen Kronprinzen Friedrich entspannt sich die Lage. Zeitweise verdingt sich Claudius durch Übersetzungen aus dem Französischen, insbesondere von esoterischen Büchern. Seine eigenen Werke zeugen von Witz, Charme und Originalität, sind aber zugleich tiefgründig und weit persönlicher als die der großen Dichterfürsten seiner Zeit. Die Lyrik ist oft volksliedartig, voller Lebensweisheit und tiefer Frömmigkeit. Ab 1775 bringt Claudius unter dem Pseudonym „Asmus“ seine eigenen Werke in unregelmäßigen Abständen heraus. Schließlich beschreibt Geck die späten Wandsbeker Jahre ab 1789. Im konservativen „Emkendorfer Kreis“, der die Aufklärung und den Rationalismus seiner Tage bekämpft, findet Claudius eine geistige Heimat. Geck gelingt es, das Profil von Claudius auf dem Hintergrund der philosophischen Zeitgeschichte herauszuarbeiten. Zudem erfährt der Leser rührige Geschichten aus dem Alltag der Familie Claudius, aber auch die Herausforderungen der Kriegsereignisse.

Urteil: lesenswert

Das abschließende Kapitel „Mein Claudius – heute“ beschließt das Buch so persönlich, wie es begonnen hat. Geck ordnet die schillernde Figur des Claudius zwischen seinen Zeitgenossen ein, macht Ausflüge in die Rezeptionsgeschichte und schlägt die Brücke in die Gegenwart. Endnoten, Bibliografie sowie ein Werk- und Personenregister helfen, das lesenswerte Buch zu erschließen. Nach der Lektüre weiß man nicht nur, wer Matthias Claudius war, sondern hat quasi beiläufig über Politik, Geschichte, Musik, Philosophie und Theologie dazugelernt – und das auf unterhaltsame Weise. (pro) Martin Geck: „Matthias Claudius: Biographie eines Unzeitgemäßen“, Siedler, 2014, 320 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-88680-986-8 Anlässlich Claudius‘ Jubiläums ist pro den Spuren des Dichters in Hamburg-Wandsbek gefolgt. Davon lesen Sie ab Mitte Februar in der nächsten Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro. Diese können Sie kostenfrei unter 06441/915 151 bestellen; per E-Mail: info@pro-medienmagazin.de oder online.
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