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„Neues Gesetz drängt Religiöses aus öffentlichem Raum“

Frankreich will mit einem neuen Gesetz gegen Radikalisierung und islamischen Terrorismus vorgehen. Der Politikwissenschaftler Olivier Roy ist skeptisch, ob dieses sein Ziel erreicht. Er fordert stattdessen mehr Religion im öffentlichen Raum.
Von Johannes Blöcher-Weil
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Handyfoto vom Triumphbogen in Paris

Foto: Sebastien Gabriel, Unsplash

In Frankreich sind Staat und Kirche streng getrennt. Dies schadet der Gesellschaft, findet der Politikwissenschaftler Olivier Roy.

Emmanuel Macron möchte in Frankreich islamistische Parallelgesellschaften bekämpfen. Der französische Politikwissenschaftler Oliver Roy hält das dafür vom französischen Parlament verabschiedete Gesetz für nutzlos: „Es basiert auf der Idee, dass der Separatismus zum Terrorismus führt. Und das ist nicht wahr“, erklärt er im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).

Der Politikwissenschaftler wünscht sich, dass in der Gesellschaft ein religiöser Diskurs entsteht, an dem möglichst viele teilnehmen können. Ihm zufolge brauche es bekannte, sichtbare Imame, die in der Öffentlichkeit auftreten: „Das Problem des religiösen Radikalismus ist, dass es nicht genug Religion gibt. Es braucht mehr Religion“, betont Roy. Der Wissenschaftler befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Islam und Fragen der Radikalisierung.

Insgesamt habe sich die Zahl terroristischer Anschläge verringert. Aber der islamistische Terrorismus sei nie ganz aus Europa verschwunden. Die Anschläge würden von Einzelnen durchgeführt, deren Alter, Herkunft und individuelle Gründe immer heterogener würden. Während die erste Generation der Einwanderer noch in der Kultur des Herkunftslandes verwurzelt sei, befinde sich dritte Generation schon in der Kultur des Einwanderungslandes und übe ihre Religion im Kollektiv in einem europäischen Rahmen aus.

Die zweite Generation befinde sich dazwischen: „Sie hat keine Religion, die ihr kulturell übermittelt wurde. Das ist ihr Problem. Der Großteil hat seine Religion nicht an die Kinder weitergegeben.“ Hinzu komme, dass Frankreich von seinen Ankömmlingen verlange, die französische Lebensart anzunehmen, aber die Religion im Privaten zu belassen: „Wenn man aber die Religion im Privaten lässt, ist man weniger verbunden mit einer Gemeinschaft. Es führt dazu, dass die Betroffenen ihren Islam neu erfinden, manchmal auf radikale Weise.“

Entwicklung zum antireligiösen Laizismus

Die französischen Attentäter seien fast nie aus dem salafistischen Milieu gekommen. Viele von ihnen hätten sich in kleinen Gruppen oder im Internet radikalisiert. Die großen Orte der Radikalisierung sind aus Roys Sicht die Gefängnisse und nicht die Moscheen. Im Kampf gegen die Radikalisierung wünscht er sich positive statt negativer Massnahmen.

Der Professor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz bemängelt, dass Präsident Macron zunächst angekündigt habe, sich um die Banlieus zu kümmern, aber dann nichts davon umgesetzt habe. Das Gesetz ziele darauf, Religion noch mehr zu marginalisieren. „Das Gesetz schließt nicht nur den Islam, sondern das Religiöse an sich noch stärker aus dem öffentlichen Raum aus.“

Frankreich sei von einem „sehr guten“ juristischen Konzept zur Trennung von Kirche und Staat zu einem ideologischen Laizismus übergegangen, bemängelt er. Früher habe es Konflikte zwischen Republik und katholischer Kirche gegeben, heute spiele sich das zwischen Republik und Religion ab: „Heute ist der Laizismus antireligiös. Das Gesetz wird aus dem Säkularismus eine Ideologie des Staates machen.“

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