Neben Björn Höcke in der Kirchenbank?

Der Theologe Ralf Frisch hält die Brandmauerkirche für einen Irrweg. Er plädiert für eine Kirche, in der nicht die Politik, sondern Gott die letztentscheidende Wirklichkeit ist. Seine Sorge: Die Kirche könnte an ihrer Politisierung zerbrechen.
Von Norbert Schäfer
Theologieprofessor Ralf Frisch

Würde Ralf Frisch in der Kirche neben Björn Höcke sitzen wollen? Der Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg zögert nicht lange: „Die Kirchenbank ist der einzige Ort der Welt, an dem ich mir vorstellen könnte, neben Björn Höcke zu sitzen.“

Frisch versteht diesen Satz keineswegs als Sympathiebekundung für den Thüringer AfD‑Politiker. Und zwar deshalb, weil er die Kirche „ganz anders versteht als die kirchlichen Kulturkämpfer unserer Zeit“, wie er sagt. „Die Kirche ist weder Rathaus noch Parlament. Sie ist ein Raum, in dem andere Maßstäbe gelten als in der politischen Auseinandersetzung“, sagt Frisch im Gespräch mit PRO. „Ein Raum, in dem Menschen nicht auf ihre politischen Überzeugungen reduziert werden dürfen. Und in dem selbst politische Feinde gemeinsam vor Gott stehen können, wenn sie diesen Raum nicht für politische Zwecke instrumentalisieren.“

Frisch hat zum Thema AfD jüngst einen Gastbeitrag für „Die Welt“ verfasst. Sein Artikel wurde unter der Überschrift „In einer echten Volkskirche müsste auch Platz für AfD-Anhänger sein“ veröffentlicht. Mit dieser plakativen Zuspitzung ist Frisch allerdings nicht ganz glücklich, gibt er zu verstehen. Außerdem gehe es letztlich ja nicht nur um die AfD. „Die Überschrift hätte ebensogut die Forderung enthalten können, dass in einer echten Volkskirche auch Platz für Anhänger der Linken sein müsse“, sagt er augenzwinkernd.

Frisch geht es vielmehr um das Selbstverständnis der Kirche. Er registriert, dass politische Überzeugungen inzwischen zum entscheidenden Kriterium kirchlicher Zugehörigkeit, also zur Bekenntnisfrage geworden sind. „Sag, wie hast du‘s mit der AfD? Das ist die neue Gretchenfrage der evangelischen Kirche“, sagt er.

Am Tisch des Herrn sitzen auch politische Feinde

„Aber die Kirche lebt eben nicht von richtigen politischen Identifikationen“, betont der Theologe. Entscheidend sei vielmehr, ob Menschen in der Kirche sich vor Gott verantwortlich wissen und demütig und bußfertig auf Vergebung, Barmherzigkeit und Gnade hoffen. Die Kirche müsse einen Unterschied zwischen Person und Gesinnung machen, auch wenn es schwerfalle. „Kein Mensch ist kein Mensch. Das gilt auch für den, den andere Menschen für einen Unmenschen halten. Und vielleicht sieht Gott selbst einen Unmenschen nicht nur als einen Unmenschen an, sondern als jemanden, der noch zu retten ist.“

Das schließe harte politische Auseinandersetzungen in der Kirche keineswegs aus. Im Gegenteil. Frisch hält ausdrücklich jede Form menschenfeindlicher Rhetorik für „verheerend“, unabhängig davon, ob sie von rechts oder links komme.

Als ein Kollege ihm unlängst empört entgegengehalten habe, nach dieser Logik müsse man dann ja auch mit einem AfD-Wähler zum Abendmahl gehen können, was ja doch undenkbar sei, habe er erneut gemerkt, wie himmelweit unterschiedlich Kirchenverständnisse sein können. „Jesus jedenfalls saß mit Menschen am Tisch, mit denen wir uns niemals an einen Tisch setzen würden. Sogar mit seinem Verräter.“

Die Vorstellung, dass nur die politisch Korrekten und moralisch Richtigen in der Kirche Platz haben dürften, widerspreche dem Evangelium zutiefst. „Der politische Feind muss mit am Tisch des Herrn sitzen und das Mahl zur Vergebung der Sünden empfangen dürfen, wenn er das möchte. „Ja, was denn sonst? Wir feiern im Abendmahl doch nicht nur die Gemeinschaft der Makellosen!“ Aber dieses gemeinsame Sitzen am Tisch des Herrn, sagt Frisch, sei natürlich trotzdem kein Freibrief für die Tolerierung politischer Unsäglichkeiten.

Die Kirche und ihr blindes linkes Auge

Besonders deutlich wird Frischs Kritik an der Politisierung der Kirche, als die Frage auf den unterschiedlichen Umgang der Kirchen mit rechten und linken Parteien kommt. Während gegenüber der AfD klare Grenzen gezogen würden, vermisst der Theologe eine vergleichbare kritische Distanz zur politischen Linken.

Ist die Kirche auf dem linken Auge blind? Frisch antwortet geradeheraus: „Und wie!“ In Teilen ihrer öffentlichen, theologischen und kirchenleitenden Präsenz sei die Kirche „ein Stoßtrupp von Rot-Rot-Grün“. Es gebe insbesondere innerhalb des Protestantismus eine geradezu unwiderstehliche Tendenz, christliche Vorstellungen vom Reich Gottes mit sozialistischen Gesellschaftsentwürfen zu identifizieren. Vor allem seit den 1960er- und 1970er-Jahren beobachtet Frisch eine Entwicklung, in deren Verlauf sich die Kirche zunehmend über gesellschaftspolitische Ziele definiere. „Aus dem christlichen Glauben an einen gnädigen Gott ist vielerorts das Projekt geworden, die Welt durch menschliches Handeln moralisch und politisch zu verbessern. Aus einer Volkskirche, die die gesellschaftliche Vielfalt widerspiegelte, ist eine Gemeinschaft der vermeintlich moralisch und politisch Gerechten geworden.“

Wenn Politik zur Ersatzreligion wird

Das theologische Problem dahinter beschreibt Frisch mit einem Bild: Die „Vertikale“, also das Verhältnis des Menschen zu Gott, werde in die „Horizontale“ gesellschaftlichen und politischen Handelns gekippt. Gott verschwinde als eigenständiges Gegenüber.

Wo aber der Mensch selbst zur letzten Instanz werde, verwandle sich dieser Mensch zwangsläufig auch zum Richter über andere. „Und zwar zum moralistischen Richter, der kein Erbarmen und vor allem keine Feindesliebe mehr kennt.“

Dabei werde eine zentrale Erkenntnis reformatorischer Theologie vergessen: „Die Trennlinie zwischen Gut und Böse verläuft nicht einfach zwischen politischen Lagern, sondern mitten durch jeden Menschen.“ Ihm gehe es daher um eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Politik und Religion. Um diese Unterscheidung sei es übrigens auch 1934 bei der Synode von Barmen gegangen, sagt er. Dort habe sich die Bekennende Kirche gegen den Versuch gestellt, die Kirche dem nationalsozialistischen Staat gleichzuschalten. „Interessanterweise nahmen auch Nationalsozialisten an einer Bekenntnissynode teil, die gegen die politische Funktionalisierung der Kirche protestierte und kompromisslos betonte, dass nicht Adolf Hitler, sondern Jesus Christus der Herr der Kirche ist.“

Frisch rechnet mit dem Einwand, selbst auf dem rechten Auge blind zu sein und die AfD zu verharmlosen oder gar auf raffinierte Weise eine Lanze für sie zu brechen. „Aber das ist kompletter Schwachsinn“, sagt er. „Ich habe mit der AfD überhaupt nichts am Hut. Ich weiß allerdings hundertprozentig, dass ihre Dämonisierung sie nur stärken wird.“

Frisch macht keinen Hehl aus seinen eigenen Vorbehalten gegenüber der AfD. Die Vorstellung einer absoluten Mehrheit der Partei löse bei ihm erhebliche Befürchtungen aus. Ebenso wenig möchte er allerdings von der Linkspartei regiert werden. Weder ein völkisches noch ein kommunistisches Gesellschaftsideal dürfe an die Stelle der Hoffnung auf Gottes Reich treten.

Wie die Kirchen zur AfD stehen

Katholische Kirche
Im Februar 2024 erklärten die deutschen Bischöfe einstimmig: „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar.“ In der AfD dominiere inzwischen eine völkisch-nationalistische Gesinnung. Rechtsextreme Parteien seien für Christen „nicht wählbar“. Wer rechtsextreme Parolen verbreite, könne kein kirchliches Amt ausüben. Zugleich betonen die Bischöfe ihre Bereitschaft zum Gespräch mit Menschen, die für solche Positionen empfänglich, aber dialogbereit sind.

Evangelische Kirche
Die EKD-Synode erklärte 2023, menschenverachtende Positionen rechtsextremer AfD-Kräfte seien mit dem christlichen Glauben unvereinbar. In ihrem 2026 veröffentlichten Papier „Extremistisches politisches Engagement und kirchliche Ämter“ gibt die EKD Empfehlungen zum Umgang mit Extremisten in haupt- und ehrenamtlichen Funktionen. Maßgeblich seien das konkrete Verhalten und die Vereinbarkeit mit dem kirchlichen Auftrag; eine bloße Parteimitgliedschaft rechtfertige nicht automatisch einen Ausschluss. Verbindliche Regelungen treffen die Landeskirchen.

Die Brandmauer als Gefahr für die Kirche

Was die Zukunft der Kirche angeht, so fürchtet Frisch eine weitere Polarisierung zwischen links und rechts, die zum Untergang der politischen und kirchlichen Mitte und im schlimmsten Fall sogar zu einer Kirchenspaltung führen könne. Auch deshalb brauche es eine „Kirche jenseits politischer Frontstellungen“. Die besondere Aufgabe der Kirche liegt für Frisch in Zeiten der Polarisierung darin, Menschen dort eine gemeinsame Wirklichkeit zu eröffnen, wo politische Verständigung kaum mehr möglich erscheint. Kirche sei, sagt Frisch, „ein Safe Space und nicht ein brandmauerbewehrtes Refugium der Guten, die sich vor dem Volk verschanzen und sich ein anderes Volk wünschen“.

Aber sollten AfD-Mitglieder kirchliche Ämter übernehmen dürfen? Und wie ist mit Beschäftigten kirchlicher Einrichtungen umzugehen, die für die Partei kandidieren? Frisch will dafür keine pauschalen Regeln aufstellen. Das müsse man von Fall zu Fall und im Blick auf die Überschreitung roter Linien entscheiden. Dass Menschen allein wegen ihrer politischen Zugehörigkeit ausgegrenzt oder entlassen werden, betrachtet er jedoch äußerst kritisch. „Man muss mit den Betroffenen reden und streiten und gegebenenfalls Konsequenzen aus ihrem konkreten Verhalten ziehen. Die Parteizugehörigkeit allein darf aber nicht das entscheidende Kriterium sein. Dann müssten wir auch alle Freunde der Linken aus der Kirche ausschließen – vielleicht, weil wir der Ansicht wären, dass alle Linken Antisemiten sind.“

„Schämt euch verdammt nochmal des Evangeliums nicht“

Die Kritik an der politischen Schlagseite der Kirche führt schließlich zu einer grundsätzlichen Frage: Was hat die Kirche der Gesellschaft eigentlich noch zu sagen?

Viele öffentliche Verlautbarungen kirchlicher Vertreter seien politisch erwartbar, moralisch angepasst und theologisch wenig überraschend, konstatiert Frisch. Statt von Gott zu sprechen, werde die christliche Botschaft in allgemeine Appelle an Menschlichkeit, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung übersetzt.

Auf die Frage, was er sich von Verantwortlichen in der Kirche wünscht, antwortet er: „Schämt euch verdammt nochmal des Evangeliums nicht! Traut dem Herrn der Kirche etwas zu. Zeigt, dass ihr den Menschen nicht für das höchste Wesen haltet!“

Die Kirche müsse erkennbar machen, dass sie sich nicht mit Diesseitsvertröstung begnügt. „Sie lebt aus einer Wirklichkeit, die über politische Mehrheiten, gesellschaftliche Stimmungen und moralische Programme hinausreicht und größer und mächtiger ist als wir selbst.“

Dafür brauche die Kirche „inspirierende Persönlichkeiten und eigensinnige, mutige, aus dem Vollen Gottes schöpfende Querköpfe“. Die Kirche werde nur überleben, wenn sie ihre spirituellen Ressourcen wiederentdecke.

Frisch befürchtet, dass die großen Volkskirchen immer mehr Mitglieder verlieren und sich das christliche Leben zunehmend in unterschiedlichen freikirchlichen Gemeinschaften fortsetzt. Und am Ende sagt er: „Ich fürchte, dass die großen kirchlichen Institutionen wie die Titanic an einem Eisberg zerschellen werden – dem Eisberg ihrer Selbstsäkularisierung, der Verramschung ihrer Botschaft und nicht zuletzt ihrer selbstgerechten Hyperpolitisierung“.

Zur Person

Ralf Frisch (58) ist seit 2011 Professor für Systematische Theologie und Philosophie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Zuvor war er unter anderem Gemeindepfarrer, Militärdekan und theologischer Referent der bayerischen Landessynode. Der gebürtige Oberfranke veröffentlicht regelmäßig pointierte Beiträge zu Kirche und Gesellschaft.

Im Juni 2026 sorgte Frisch für Kontroversen: Nach einem epd-Interview über sein Buch „Mehr Opium fürs Volk“, das Kolumnen aus dem „Sonntagsblatt“ versammelt, distanzierte sich seine Hochschulleitung öffentlich von seinen Positionen. Diese seien nicht repräsentativ für die dort gelehrte Theologie. 32 Studierende kritisierten die Distanzierung in einem offenen Brief und mahnten Meinungsfreiheit und Streitkultur an.



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