Stein des Anstoßes: In einer Sendung des Lokalsenders "OS1.tv" vom 6. Mai sagten Mitglieder einer Osnabrücker Freikirche, Homosexualität sei laut Bibel eine Sünde

Intolerant gegen Intoleranz

Die freikirchliche Gemeinde „Lebensquelle“ in Osnabrück möchte auf dem ehemaligen Güterbahnhof ein neues Gemeindezentrum bauen. Als Anfang Mai der Pressesprecher in einer Fernsehsendung dazu befragt wurde, kamen die Beteiligten auf das Thema Homosexualität zu sprechen. Eine Welle der Empörung brach los, die mittlerweile in Gewalt gegen die Gemeinde gipfelt. Jetzt meldet sich die Freikirche zu Wort.

Am Donnerstag veröffentlichte die „Lebensquelle“ erstmals eine offizielle Stellungnahme zur Debatte, die entbrannt war. Darin heißt es: „Auch Christen haben das Recht ihre Meinung frei zu äußern. (...) Wir verurteilen andere Glaubensrichtungen oder Lebensweisen nicht, sondern begegnen ihnen mit Toleranz. Jeder Mensch ist bei uns herzlich willkommen.“ In der Gemeinde seien seit Ausbruch des Streits Fensterscheiben eingeschlagen, Fahrzeuge demoliert, Wände beschmiert, Reifen zerstochen und Steinen geworfen worden, teilt die Gemeinde mit. Dies zeige, das den Christen gegenüber keine Toleranz entgegengebracht werde, obwohl diese doch von ihnen gefordert werde.

Weiter heißt es: „In Bezug auf Homosexualität und Sünde unterscheidet sich unsere Ansicht nicht wesentlich von der katholischen Kirche“, dies hatte auch der Journalist Rainer Lahmann-Lammert in seinem Kommentar der Neuen Osnabrücker Zeitung festgestellt. „Wir streben eine friedliche Koexistenz am alten Güterbahnhof an. Zudem verfolgen wir auf diesem Grundstück das Ziel die Kultur zu erweitern und nicht abzuschaffen.“

Was war oorpassiert?

Bereits Ende des vergangenen Jahres hatte die Immobilienfirma „Zion GmbH“ ein 22 Hektar großes Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Osnabrücks von der Stadt gekauft, um für die Freikirche „Lebensquelle“ ein modernes Gemeindezentrum zu errichten. Die Freikirche teilte mit, dass auch die Stadt oder andere nichtkirchliche Veranstalter die Räumlichkeiten mieten können.

Für eine halbstündige Sendung des Fernsehsenders „OS1.tv“, der im Großraum Osnabrück über Kabel und im Internet zu sehen ist, lud sich der Moderator Marcel Trocoli Castro zwei Gäste aus der  ein, um über das neue Gemeindezentrum zu sprechen. Immerhin soll die geplante Halle 1.500 Menschen Platz bieten und größer werden als die Osnabrücker Stadthalle. In der Sendung mit dem Titel „Was zum Teufel ist die Lebensquelle, und was wird aus dem Güterbahnhof?“ standen der Pressesprecher von „Lebensquelle“, Günter Strunk, sowie der Chef der Immobilienfirma „Zion GmbH“, Ralf Gervelmeyer, der selbst Mitglied der Gemeinde ist, Rede und Antwort. In der Sendung sprachen die beiden Christen auch über ihren Glauben. Strunk, der selbst Pastor ist, hatte für den Moderator sogar eine Bibel mitgebracht und sagte: „Wir wollen der Stadt dienen mit dem Evangelium, der Botschaft von Jesus Christus.“ Der Moderator hingegen betonte, dass er Atheist sei, wohl aber die Bibel schon einmal in der Hand hatte, etwa während seines Studiums der Kunstgeschichte.

Als der TV-Journalist Trocoli wissen wollte, ob die Kirche ihr neues Zentrum auch Schwulen und Lesben für ihre Veranstaltungen zur Verfügung stelle, erklärte Gervelmeyer, dass die Bibel Homosexualität als Sünde bezeichne, wohl aber den Sündern Liebe zuspreche. Es sei eher nicht denkbar, dass Homosexuellen-Vereine die Gemeinderäume nutzen könnten. Auch der Autohersteller Mercedes würde seine Räume nicht für die Präsentation des neuen VW Golf zur Verfügung stellen.

Empörung bei Grünen und Homosexuellen

Die Äußerung Gervelmeyers im Zusammenhang mit Homosexualität, dass Gott die Sünde hasse, den Sünder aber liebe, löste Kritik aus. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen vom Stadtverband Osnabrück, Michael Hagedorn, und der Kandidat der Partei zur Oberbürgermeisterwahl, Thomas Klein, erklärten öffentlich: „Wir machen uns große Sorgen um die weitere Entwicklung auf der für die Stadt wichtigen und zentrumsnahen Fläche. Homophobie hat in unserer Stadt keinen Platz“. Die in dem Fernseh-Interview geäußerte Haltung der Freikirchler zur Homosexualität „ist mit der in Osnabrück gepflegten Toleranz nicht in Einklang zu bringen“, sagte Klein. Die Grünen erwarten von der Gemeinde „eine Klärung“, heißt es weiter. „Es wäre gut, man würde ein Zeichen der Toleranz senden.“

Kultusdezernentin Rita Maria Rzyski erklärte laut der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ), Menschen mit einer bestimmten sexuellen Orientierung dürften nicht ausgegrenzt werden. Sie tue sich schwer mit den Äußerungen Gervelmeyers, akzeptiere sie aber als Ausdruck der Religionsfreiheit. Als Katholikin sei sie persönlich fest überzeugt, dass Gott niemanden wegen seiner sexuellen Orientierung verurteile.

Auch die Initiative „Gay in May“, die Anfang Mai in Osnabrück die „Kulturtage“ mit zahlreichen Veranstaltungen durchführte, veröffentlichte eine Stellungnahme, in der sie sich dagegen verwehrten, dass Homo-, Bi- und Transsexualität als „hassenswerte Sünde“ bezeichnet wird. Es sei stattdessen  „eine natürliche Veranlagung“, und die Menschen mit dieser Veranlagung seien ein wesentlicher Bestandteil der Gesellschaft.

Gervelmeyer erklärte anschließend auf Anfrage der NOZ: „Wir haben überhaupt keinen Anlass, Menschen, die anders leben, in irgendeiner Weise zu kritisieren, sie zu beurteilen oder zu verurteilen.“ Als Christ stehe es ihm jedoch frei, eine persönliche Meinung gegenüber der Homosexualität zu haben.

„Auch Katholiken sehen Homosexualität als Sünde“

Auch die Neue Osnabrücker Zeitung selbst kommentierte die Debatte. Deren Autor Rainer Lahmann-Lammert kommentierte am gestrigen Donnerstag: „Stellen wir uns mal vor, auf dem Güterbahnhof sollte eine Moschee gebaut werden, und dagegen formierte sich Protest. Dann würden einige, die jetzt den Mund aufmachen, Political Correctness einfordern und die Gegner der Islamophobie oder gar des Rassismus bezichtigen.“ Er machte zudem darauf aufmerksam, dass auch die katholische Kirche Homosexualität als Sünde sehe, „und der Islam sicherlich auch“. Lahmann-Lammert weiter: „Eine fragwürdige Äußerung ist kein Grund, die ‚Lebensquelle‘ als Ganzes abzustrafen. Es gibt Menschen, denen diese Art von Glauben wichtig ist. Darüber sollte sich niemand erheben.“ (pro)

Von: js

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