Wann haben Sie zuletzt bewusst etwas weggelassen, abgesagt oder beendet, sodass Platz für Erholung oder etwas Neues entstanden ist? Vielleicht denken Sie dabei an einen Termin, eine Verpflichtung oder auch eine Gruppe. Überlegen Sie kurz für sich selbst.
Eine Person, die gründlich über diese Frage nachgedacht hat, ist Josef Zotter. Er ist der Gründer der Zotter-Schokolade. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass Kakao mit vielerlei Aromen verbunden wird und meist mit farbenfrohen Verpackungen geschmückt ist. Da gibt es neben Klassikern wie „Salzkaramell“ auch „Hibiskus und Minze“ oder „Felsenbirne auf Butterbrot“. Jedes Jahr entstehen in einem kreativen Prozess mit viel Herzblut neue Sorten. Mit der Zeit ist somit ein ganzer Berg von mehreren hundert unterschiedlichen Schokoladen entstanden.
Es können aber nicht alle gleichzeitig produziert und verkauft werden. Daher gehört es zur Unternehmensphilosophie, dass regelmäßig Schoko-Kreationen aus dem Sortiment genommen werden, um Platz für neue zu schaffen. Die aussortierten Produkte werden aber nicht einfach im System gelöscht, sondern wertschätzend „beerdigt“. Tatsächlich gibt es sogar einen richtigen Schokoladen-Friedhof, an dem die alten Sorten ihren Platz finden.
Auch in mancher Kirchengemeinde haben sich über die Jahre viele wertvolle Formate und Traditionen angesammelt, seien es Angebote für bestimmte Generationen, diakonische Projekte, Gesprächs- und Gebetskreise, Musikgruppen oder besondere Gottesdienste. Jede einzelne hat ihren Wert und ihre Einzigartigkeit. Und doch sind es manchmal zu viele geworden. Sie beanspruchen jede für sich Zeit und Aufmerksamkeit. Da bleibt nicht viel Raum und Kraft für neue Ideen oder Projekte. An vielen Stellen zeigt sich, dass es die bewusste Entscheidung zum Beenden einer Sache braucht, damit ein neues Projekt wirklich gut laufen kann.
Es gibt dafür sogar einen Fachbegriff: „Exnovation“. Damit gemeint ist „jede Idee oder Praxis […], die entfernt oder angepasst werden muss, damit Raum für neue Innovation(en) eröffnet wird“, wie es Jonny Holbek und Harald Knudsen definieren. Im Wort „Exnovation“ steckt das Neue immer noch im Wortstamm. Es weist darauf hin, dass die Veranstaltung oder das Format, von dem man sich jetzt trennt, auch einmal neu gewesen ist. Es war eine wunderbare Sache für eine bestimmte Situation und Zeit.
Worauf verzichten?
Wie kann man nun aber die Entscheidung treffen, auf welches Format zukünftig in der Gemeinde verzichtet werden soll, um Raum für die neuen Ideen zu machen? Dafür gibt es viele hilfreiche Methoden, die den Prozess begleiten können. Eine Methode ist, die Gemeinde mit einem Garten zu vergleichen. Er hat eine bestimmte Fläche und damit einen klaren Rahmen, zum Beispiel zehn mal zehn Meter. In diese Fläche passen nur eine bestimmte Anzahl von Pflanzen hinein. Damit sie gedeihen können, brauchen sie genügend Platz, Sonne und Nährstoffe. Der Garten muss regelmäßig gepflegt werden. Dazu gehört es, neben dem Düngen und Gießen auch manche Pflanzen zurückzuschneiden oder zu entfernen.
Um gut entscheiden zu können, wie die Gartenpflege erfolgen soll, ist folgende Frage grundlegend: Was soll in unserem Garten wachsen? Was für eine Art Garten stellen wir uns vor? Übertragen Sie diese Gedanken nun auf Ihre Gemeinde und besprechen Sie Ihre Vorstellungen mit anderen Gemeindegliedern oder im Kirchenvorstand.
Wenn klarer ist, welche Art von Garten die Gemeinde sein möchte, fällt es auch leichter, sich die Fragen nach dem Weglassen zu stellen: Welche „Gemeindepflanzen“ müssen zurückgeschnitten, umgesetzt oder ausgepflanzt werden, damit wieder neue Fläche im Beet frei wird und der Garten – die Gemeinde – die Blüten hervorbringt, die sie sich wünscht?
Bewusst Abschied nehmen
Bei aller Einsicht in die Notwendigkeit, sich von einer bestimmten Schokolade oder einer bestimmten Gottesdienstform zu trennen, fällt der Schritt des Loslassens dennoch vielen Menschen schwer. Daher ist es gut und wichtig, diesen Abschied und Übergang nicht sang- und klanglos vorbeiziehen zu lassen, sondern ihn ganz bewusst zu gestalten. In dieser Hinsicht bietet die christliche Tradition einen großen Reichtum an Worten und Ritualen. So kann eine Gruppe, die sich zum letzten Mal trifft, beispielsweise eine Abschiedsandacht feiern und dabei nochmal die besonderen Höhepunkte und auch Schmerzliches aus der gemeinsamen Zeit zusammentragen.
Dabei können auch Zeichenhandlungen wie das Anzünden einer Kerze oder das Ablegen einer Blume oder eines Steins diesem Schritt eine sprechende äußere Form geben. Manche Gruppen feiern ein Abschiedsfest mit einer Festrede, die vielleicht gemeinsam von allen Beteiligten vorbereitet wurde. Was auch immer für eine Gruppe passend erscheint – am Ende ist es hilfreich, den Blick in die Zukunft zu richten.
Am Anfang des Artikels haben Sie sich die Frage gestellt, was Sie in letzter Zeit bewusst weggelassen oder beendet haben. Nehmen Sie diese Frage doch auch mal in die nächste Gremiensitzung oder in den Vorbereitungskreis mit. Wenn diese Frage regelmäßig gestellt wird, dann kann sich daraus eine Kultur entwickeln, in der es leichter fällt, Dinge nicht nur zu beginnen, sondern auch leichteren Herzens wieder zu beenden.
Dr. Katharina Freudenberg forscht zu Fragen der Kirchenentwicklung am Center for Empowerment Studies (CES) in Halle und begleitet Innovationsprojekte (Kirche Kunterbunt) in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Der Beitrag erschien zuerst in der Ausgabe 1/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO. Hier können Sie das Heft kostenlos bestellen oder online lesen.