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Mit W-LAN in die Kirche

Handys an zum Gottesdienst! Bei den interaktiven Online-Gottesdiensten, die Pfarrer Rasmus Bertram entwickelt hat, ist das nicht nur erlaubt sondern erwünscht: Jeder soll sich auf diesem Weg mit seinen Fragen und Gedanken einbringen. Das ist typisch evangelisch, meint Bertram. Auf die Liturgie braucht der Pfarrer trotzdem nicht zu verzichten.
Von PRO
Pfarrer Rasmus Bertram überträgt einen Großteil der Gottesdienste im Internet

Foto: pro/Jonathan Steinert

Pfarrer Rasmus Bertram überträgt einen Großteil der Gottesdienste im Internet

Als der Gottesdienst beginnt, weiß Pfarrer Rasmus Bertram noch nicht, was er in der Predigt alles sagen wird. Er hat sie zwar vorbereitet, Kerngedanken und Ziel formuliert, aber sie zu Hause gelassen. Nur ein paar Karteikärtchen für einen Drei-Minuten-Input hat er dabei und seinen Tablet-Computer. „Die Predigt“, sagt Bertram, „habe ich im Kopf. Ich erwarte, dass Gott uns im Gottesdienst führt.“ Mit „uns“ meint er nicht nur sich, den Organisten und die Lektorin, er meint damit alle Gottesdienstbesucher, die sich – sei es in der Kirche, zu Hause oder auf der Autobahn – daran beteiligen können, per Internet, Livestream und Chat. Mit ihren Fragen und Gedanken bestimmen sie, wohin die Predigt geht.

Bertram, Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Hessen und Nassau, hat dieses Konzept des Internet-Mitmach-Gottesdienstes entwickelt. Im vorigen Jahr haben es mehrere Gemeinden erstmals live ausprobiert: Ein ganz normaler liturgischer Gottesdienst, der ins Internet auf die Plattform sublan.tv übertragen wird. Dort kann, wer immer gerade im Netz unterwegs ist, reinschauen und mitmachen – mit eigenen Kommentaren und Fragen im Chat. Auch die Gottesdienstbesucher im Kirchenschiff dürfen zum Smartphone greifen und ihre Beiträge abschicken. Diese werden anonymisiert, von einer Software sowie einem kleinen Redaktionsteam geprüft und thematisch sortiert und an den Pfarrer, seine Co-Predigerin und die Moderatorin weitergeleitet. Sie greifen die Anregungen und Beiträge auf und bauen sie live in eine Art Predigtgespräch ein.

Mitmachen – das ist aus Sicht Bertrams zutiefst evangelisch: „Wir glauben, dass Gott zu allen Menschen spricht, nicht nur zum Pfarrer“, sagt er und verweist auf Luthers Lehre vom Priestertum aller Gläubigen. Das verändere den Blick auf den Einzelnen: Jeder sei wichtig. „Wie konnte sich der evangelische Gottesdienst eigentlich zu so einer One-Man-Show entwickeln?

Gemeinsam nach der Wahrheit suchen

Für ihn ist es nicht so entscheidend, in den Predigten Wissen zu vermitteln. „Die Menschen wollen wissen, was sich bewährt. Wie bekomme ich hin, was ich vorhabe? Wie gehe ich mit Scheitern um, wie mit einem Seitensprung?“ Dabei sei es für alle bereichernd, was jeder Einzelne einbringe. Dass er als Pfarrer dabei nicht jeden Gedanken so vertiefen kann, wie es nötig wäre, und dass die „Predigt“ auf diese Weise nicht immer einen durchgehenden roten Faden hat, nimmt Bertram in Kauf. Außerdem: Mit Improvisation kennt er sich aus, denn außer Theologie hat Bertram auch Schauspiel studiert und im Leipziger „Theater der neuen Welt“ Impro-Theater gemacht. Fähigkeiten, die er bei den interaktiven Gottesdiensten gut gebrauchen kann.

Dass die Kirche ein Ort ist, wo Menschen zusammen nach der Wahrheit suchen und wo es nicht schlimm ist, auch Fehler zu machen, war ein Grund für Bertram, Pfarrer zu werden. Geboren und aufgewachsen ist er in der DDR, in Sachsen-Anhalt. Das hört man ihm noch ein bisschen an, wenn er etwa „jeworden“ sagt oder „umjekehrt“. Als Teenie hat ihn die Kirche nicht interessiert. Zwar war er getauft, aber die Konfirmation hat er in der achten Klasse nicht gemacht – dafür mit 18 Jahren nachgeholt. Es habe nur Kirche oder Kommunismus gegeben, um sich gesellschaftlich zu engagieren. Die Kirche hat ihn überzeugt.

Die Idee für die interaktive Gottesdienstform entstand bei einem ganz profanen Anlass: einer LAN-Party. Diese Computerspiel-Partys hatten Anfang der Zweitausenderjahre ihren Höhepunkt, als das Internet noch langsamer war. Dafür trafen sich die Spieler in ausreichend großen Räumen, verkabelten ihre Rechner miteinander und zockten tagelang. So auch in der Frankfurter Jugendkirche St. Peter, wo Bertram Jugendpfarrer war. 2009 veranstaltete eine Gruppe von Jugendlichen namens „sublan“ dort die erste LAN-Party, die jungen Leute ballerten bei Spielen wie Counter Strike oder Call of Duty. Aber sie sollten auch eine Andacht von Bertram hören. Der stellte sich allerdings nicht zwischen die Computer: Er wurde über das Netzwerk aus der Kapelle zugeschaltet.

So konnten die Zocker den Pfarrer auf ihren Bildschirmen sehen und über einen Rückkanal darauf antworten: der erste interaktive „sublan“-Gottesdienst. Das Interesse an den Partys und den Gottesdiensten wurde immer größer, die Technik und die inhaltliche Umsetzung der Gottesdienste professioneller. 2012 entschied das Team um Pfarrer Bertram, die LAN-Partys sein zu lassen und sich nur noch der Weiterentwicklung des neuen Formats zu widmen. Weitere drei Jahre später beendete Bertram seinen Dienst in St. Peter und wurde von seiner Landeskirche zu 50 Prozent freigestellt, um das Projekt voranzutreiben, finanziert vom ökumenischen Verein „Andere Zeiten“. Mit der anderen halben Stelle ist Bertram seitdem Gemeindepfarrer in Kriftel bei Frankfurt.

Die ersten sublan-Gottesdienste wurden zunächst aus St. Peter, später aus dem Studio von ERF Medien übertragen, 2017 das erste Mal live aus einem normalen liturgischen Gemeindegottesdienst. Fünf Gemeinden haben das bisher gewagt. Bertram strebt an, dass es zukünftig pro Monat ein bis zwei solcher Gottesdienste gibt, ohne dass er jedes Mal selbst anwesend sein muss – auch über die Grenzen der hessen-nassauischen Landeskirche hinaus. Mehr als etwas Wagemut und eine stabile Internetverbindung braucht eine Gemeinde dafür nicht. Die Technik stellt das Evangelische Medienhaus in Frankfurt zur Verfügung. „Manche Pfarrer haben Sorge, dass sich nicht genug Menschen beteiligen“, sagt Bertram. Das sei aber noch nie ein Problem gewesen. Bei den bisherigen Internetgottesdiensten live aus einer Gemeinde waren online noch einmal so viele dabei, wie im Kirchenschiff saßen. Beim ersten Anlauf in seiner Gemeinde in Kriftel grüßten die Online-Besucher aus dem Italienurlaub, von der Autobahn oder auch aus dem Nachbarort.

Ein Jahr fördert Andere Zeiten sublan.tv noch, dann wird das Projekt als gemeinnütziges Unternehmen weitergehen. Bert­ram betont, dass nicht jeder Gottesdienst dazu geeignet ist, ihn online-interaktiv zu gestalten. Er sieht die interaktiven Predigtgespräche als Ergänzung zur klassischen Gottesdienstform, ein niedrigschwelliges Angebot, Kirche kennenzulernen und mitzumachen, aber auch ein Angebot für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in die Kirche gehen können. Senioren rät er deshalb: „Wünscht euch ein Smartphone zum Geburtstag und nutzt es für den Gottesdienst!”

Den Text können Sie auch in der aktuellen Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro nachlesen, das Sie kostentlos unter der Telefonnummer 06441/915-151 bestellen können.

Von: Jonathan Steinert

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