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“Mit Gott ist bei uns nichts”

Jedes achte Kind in einer deutschen Kindertagesstätte stammt aus einer muslimischen Familie. Dazu kommen Kinder mit jüdischem, buddhistischem oder hinduistischem Hintergrund. Unterschiedliche Feste und Nahrungsvorschriften gehören zum Alltag der Kinder – Glaube ist nicht nur zu Weihnachten in Kindertagesstätten ein Thema. Eine Studie ergab, dass sich der Großteil der Erzieherinnen beim Thema Religion überfordert fühlt.
Von PRO

Foto: Remus Pereni (Flickr)

Seit Jahren untersuchen Wissenschaftler der Universität Tübingen die interreligiöse und -kulturelle Bildung in Kindertagesstätten. Sie befragten über 2.800 Erzieherinnen an 487 Kitas, interviewten Eltern und Kinder und entwickelte Empfehlungen für Praxis und Politik. Diese Woche wurden die Ergebnisse der repräsentativen Studie bei der Fachtagung "Mein Gott, Dein Gott – kein Gott?" vor 150 Verantwortlichen aus Kita-Trägerorganisationen, Bildungs-, Sozial- und Jugend-Politik sowie der Forschung präsentiert. Eingeladen hatten sowohl die Tübinger Wissenschaftler als auch die Stiftung Ravensburger Verlag, die die Studie gefördert und begleitet hat. "Die Bevölkerungsstrukturen in Deutschland haben sich stark gewandelt. Integration und Toleranz gehören zu den wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit, um das friedliche Zusammenleben zu sichern", mit diesen Worten eröffnete Stiftungsvorsitzende Dorothee Hess-Maier die Tagung.  Schon Vorschulkinder sollten deshalb andere Kulturen und Religionen wahrnehmen, fremde Gewohnheiten und Rituale kennen lernen.

Religion als Ressource betrachten, nicht als Problemfaktor


"Nur 3,91 Prozent der befragten Erzieherinnen in konfessionellen Einrichtungen fühlen sich überhaupt noch ausreichend kundig in der christlichen Erziehung, bei der islamischen Erziehung sind es nicht mehr als 1,73 Prozent", berichtet  die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) in dem Artikel "Weihnachten, Ramadan, Chanukka". Bei Einrichtungen in kommunaler Trägerschaft sieht es nicht besser aus: "Mit Gott ist bei uns nichts", hörte der katholische Religionspädagoge Albert Biesinger, einer der Leiter der Studie, wenn er nach Religion im Kindergartenalltag fragte. Kindergärten in kommunaler Trägerschaft hätten Bedenken, gegen das Gebot der religiösen Neutralität zu verstoßen, erklärte der evangelische Religionspädagoge Friedrich Schweitzer. Häufig hätten die Träger Angst vor religiösen Fragen und befürchteten Konflikte. Laut der Studie berichten Erzieher allerdings, dass das Verschweigen der Religion oder deren Verdrängung erst recht zu Schwierigkeiten führten.

"Wir dürfen nicht aus Angst vor Konflikten die Religionen aus den Kitas verbannen, sondern Religion als positive Ressource, nicht als Problemfaktor betrachten", mahnt Religionspädagoge Schweitzer. Weder Erzieherinnen noch Eltern seien auf die Herausforderungen interreligiöser Bildung in Kitas vorbereitet, obwohl bereits drei- und vierjährige Kinder religiöse Fragen stellen. "Neben den üblichen Ausflügen zur Feuerwehr, in eine Backstube und auch in eine Kirche sollte deshalb ein Moschee- und Synagogenbesuch ebenso selbstverständlich sein", forderte der katholische Religionspädagoge Professor Dr. Albert Biesinger.

Religion erfahrbar machen – Eltern einbeziehen

Die Tübinger Religionspädagogen plädierten dafür, das Bildungsangebot bereits in der frühkindlichen Erziehung so zu gestalten, dass Kinder Wissen über andere Religionen erwerben können. Erfahrungen mit religiösen Festen wie Advent, Weihnachten, Ramadan und Opferfest sollten thematisiert werden. Kinderfragen nach Gott, Tod und Sterben müssten im pädagogischen Alltag bewusst aufgenommen werden. Interreligiöse Bildung stelle eine Zukunftsaufgabe dar, die in der Praxis noch entdeckt werden müsse.

In der 20seitigen Broschüre "Empfehlungen zur interreligiösen Bildung in Kindertageseinrichtungen" empfehlen sie, Religion durch vorgelesene oder erzählte Geschichten aus Bibel und Koran erfahrbar zu machen. Dabei könne auch sichtbar werden, dass wichtige Personen sowohl in der Bibel als auch im Koran vorkommen. Wichtig sei auch die Elternarbeit. Mütter und Väter sollten im Erstgespräch auf religiöse Fragen und familiäre Prägungen angesprochen werden. Aber Erzieher sollten auch die religiöse Kompetenz von Eltern nutzen und diese in den Kindergartenalltag einbeziehen.

Die Frage eines Erziehers, ob Kinder nicht eine "gefestigte religiöse Identität" benötigen, bevor sie sich mit anderen Religionen auseinandersetzen, beantwortete der Berliner Religionssoziologe Hans Joas. Seiner Ansicht nach helfe Kindern der intensive Kontakt mit anderen Religionen, das Wissen über die eigene Religion zu festigen. Unter dem Titel "Religiöse Vielfalt in der Kita" erscheint im Februar 2012 das Praxusbuch zu dem Thema. Darin werden 17 deutsche Kitas vorgestellt, in denen vorbildliche interreligiöse und interkulturelle pädagogische Arbeit geleistet wird. (pro)

http://www.ravensburger.de/ueber-ravensburger/stiftung/aktuelles/deutschlands-kitas/index.html
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