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Mit Druck zur Reformation

Martin Luther machte die Reformation zum Weltereignis. Doch ohne modernste Drucktechnik von Johannes Gutenberg wäre die rasante Verbreitung von Luthers Schriften gar nicht möglich gewesen. Ein Beitrag von Anne Klotz zur Themenwoche Reformation
Von PRO
Vor dem Mainzer Dom steht das Gutenberg-Denkmal
Vor dem Mainzer Dom steht das Gutenberg-Denkmal

Sie sind grundlegender Bestandteil der Reformation: die 95 Thesen Martin Luthers. Damit wollte der Augustiner-Mönch die Bevölkerung aufrütteln – und den Ablasshandel der Kirche kritisieren, durch die sich die sündigen Menschen Vergebung käuflich erwerben konnten. Diese Art der Sündenvergebung hatten zahlreiche Menschen schon lange als Missbrauch und falsche Lehre empfunden. Die Vervielfältigung von Luthers Flugschriften durch das Druckverfahren verhalf dem Mönch zu großer Öffentlichkeit – und damit auch seinem Gedankengut.

Mainz um 1450: Johannes Gutenberg experimentiert in seiner Druckwerkstatt. Er will Schriften vervielfältigen und dabei den Umweg über handschriftliche Kopien vermeiden. Schon in den 40er Jahren hat er während seiner Zeit in Straßburg immer wieder Blei eingekauft und sich am Bau einer Druckerpresse versucht. In Mainz will er jetzt sein Vorhaben professionalisieren. Und tatsächlich, wenige Jahre vor seinem Tod gelingt Gutenberg der Coup. Er entwickelt eine ausgefeilte Technik zur Letternherstellung. Mit einem Handgießverfahren kann er exakt die gleichen Buchstaben in beliebiger Zahl produzieren – und damit Schriftstücke auf einfache Weise vervielfältigen. Unter vielen Historikern gilt die Einführung des Drucks mit beweglichen Lettern als „mediale Revolution“.

Wandel durch die „Unsterblichkeitsmaschine“

Doch neu ist das Druckverfahren nicht, wenngleich Gutenberg unter amerikanischen Wissenschaftlern als „der Mann des Jahrtausends“ gilt. Die Gutenberg-Bibel ist nicht das älteste überlieferte gedruckte Buch. In Ostasien druckte man bereits im 13. Jahrhundert mit beweglichen Schriftzeichen. In der Pariser Nationalbibliothek liegt ein Exemplar des koreanischen „Jikji“ vor, das 1377 mit dieser Methode hergestellt wurde. Doch die Deutung beider Ereignisse unterscheidet sich grundlegend: Sie macht den Buchdruck Gutenbergs zum revolutionären Ereignis, zum Geniestreich, wohingegen die ost­asiatische Erfindung eher als eine lang­fristige, leise Entwicklung zu sehen ist.

In den frühen Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts sind die Folgen der medialen Entwicklung zu spüren. Gesellschaftlich, ökonomisch, politisch, sozial und kulturell kommt es zu einem Wandel. Die Wissensvermittlung und -speicherung geschieht nun durch gedruckte Texte und Bilder anstelle der bloßen mündlichen Weitergabe. Der Medientheoretiker Marshall McLuhan bezeichnete die Druckpresse 1968 sogar als „Unsterblichkeitsmaschine“. Schriftliche Kommunikation kann somit in die Kataloge von Bibliotheken aufgenommen werden. Durch die Drucktechnik lassen sich Textformen vereinheitlichen, es entstehen festgelegte Schriftarten und Abbildungen, sogar Wörterbücher erscheinen auf dem Markt. Tatsächlich hilft der Buchdruck, den Analphabetismus zu verringern.

Die Kirche scheut die neuen Medien

Mitten in diesen Prozess fällt die Reformation. Luther profitiert von den Entwicklungen und zieht einen Nutzen daraus. Zwar sind weder das handschriftliche Dokument noch der erste Druck der 95 Thesen heute noch erhalten, doch weiß man, dass er zahlreiche Flugschriften mit der neuesten Technik drucken ließ – und schließlich konnten auf die Weise auch seine Thesen verbreitet werden. Zweifelsohne prägten die neuen Medien die Reformation, und die Reformation prägte die neuen Medien. Denn ohne die Nachfrage nach gedruckten Inhalten hätten sich diese Techniken nicht so schnell etablieren und ausbreiten können.

Martin Luther, der ohnehin der erfolgreichste Autor seiner Zeit ist – immerhin können ihm heute 219 Flugschriften zugeordnet werden, auch der Druck von 100.000 Exemplaren des kleinen Katechismus ist auf ihn zurückzuführen –, gelingt mit der Bibelübersetzung schließlich ein Meisterstück. Es ist nicht die erste deutschsprachige Bibelübersetzung dieser Zeit, aber sicher die professionellste. Der Erfolg seiner Übersetzung hängt jedoch auch mit dem Zustand der Katholischen Kirche zusammen. Viele Menschen sind auf Sinnsuche. Daraus macht die Kirche einen ganzen Wirtschaftszweig. Denn zu kaufen gibt es nicht nur Ablassbriefe, sondern auch Rosenkränze, Andachtsbücher, Statuen, Kreuze. Eine allgemeine Frömmigkeitswelle schwappt über den deutschen Boden – und für Luther, der über die Freiheit eines Christenmenschen schreibt, ist dies ein fruchtbarer Boden.

Die Kritik des Wittenberger Theologen an der Kirche und ihren fragwürdigen Praktiken trifft mitten in den Alltag der Bevölkerung. Religion ist kein Randthema. Das begünstigt, dass Luther nicht nur Gehör findet, sondern seine Schriften auch gelesen werden. Er verfolgt ein Kommunikationsprinzip, dessen Aspekte sich gegenseitig bedingen: die Verbindung von Text und Sprache. Die Basis bilden seine Schriften. Deren Inhalte werden sowohl von Befürwortern als auch Kritikern mündlich verbreitet: Luther ist in aller Munde.

Er schafft einen Zugang zum Glauben für jedermann. Seine Predigten sind volksnah, verfasst in deutscher Sprache, seine theologischen Einsichten eindrucksvoll und verständlich. Der Druck förderte auch einen Visualisierungsschub: Luthers Botschaften schlugen sich in kunstvollen Abbildungen nieder, die nun mit wenig Aufwand in hoher Zahl gedruckt werden konnten. Gemälde zu kopieren dauerte mitunter Jahre. Kanzel und Druckwerkstatt werden zu den wichtigsten Brutstätten der Reformation. 1517 kommt es gar zu einer enormen Auflagensteigerung.

Medienereignis Reformation

Für Zeitgenossen sprengt die Reformation den Rahmen des Denkbaren. Der Anklang, den Luthers Gedanke findet, ist enorm. Es entwickelt sich rasch eine sogenannte „reformatorische Öffentlichkeit“, die immer mehr an Dynamik gewinnt. Selbst Laien diskutieren die Texte des Augustiner-Mönchs, im alltäglichen Austausch haben sie ihren Platz. Die Kirche sieht sich damit einer großen Herausforderung ausgesetzt, so wenig kann sie die Reformation eindämmen. Selbst mit bisher vollzogenen Ketzerprozessen kommt sie hier nicht weiter. Zwar kontert sie mit bildlichen Darstellungen, der Empfängerkreis beschränkt sich allerdings nur auf Gläubige. Mit gedruckten Publikationen reagiert sie bis zum Trienter Konzil 1563 kaum. Das begünstigt den reformatorischen Prozess, der die komplette Bandbreite der medialen Vielfalt auskostet.

Warum gilt die Reformation als mediales Ereignis? News is what‘s different – das Ungewöhnliche macht die Nachricht, lautet ein journalistischer Grundsatz. Ein Ereignis wie die Reformation führt aus der Routine heraus, überwindet die Grenzen der alltäglichen Erfahrung, ist bis heute äußerst ungewöhnlich. Im Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit gilt sie als ein epochales Ereignis, das nur im Zusammenspiel mit der technischen Entwicklung seine Bedeutung bekommt. Erst mit der Möglichkeit des Druckens erreicht Martin Luther eine Öffentlichkeit besonderen Ausmaßes. Zwar avanciert der Mönch regelrecht zum Medienstar, aber es geht nicht um die Inszenierung seiner Person, wenngleich er unverzichtbar für die historischen Ereignisse ist. Die Reformation ist ein Zusammenspiel aus einer fast geniehaften Nutzung neuer Medien und der reformatorischen Botschaft an sich, die die Gemüter erregte: Nämlich die aus der Bibel abgeleitete Freiheit.

Von: Anne Klotz

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