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Mit der Muslima in den Hindu-Tempel

Unter dem Titel „Zeig mir Deine Welt“ hat ein Berliner Kirchenkreis Muslime, Juden oder auch Atheisten zu religiösen Stadtführern ausgebildet. Seit Juni zeigen sie Touristen Hindu-Tempel, Synagogen-Reste oder die Neuköllner Moschee-Meile.
Von PRO
In Berlin entsteht ein Hindu-Tempel. Auch ihn besichtigen die Teilnehmer einer interreligiösen Stadtführung

Foto: pro

In Berlin entsteht ein Hindu-Tempel. Auch ihn besichtigen die Teilnehmer einer interreligiösen Stadtführung
„Es gibt 6.000 Hindus in Berlin“, sagt Ariel Nil Levy. „Bald können die hier ihre Hochzeiten feiern!“ Mit seinem bunt-gestreiften Regenschirm zeigt der Israeli in Richtung eines Baugerüsts. Wie ein religiöses Gebäude sieht die Zement- und Steinansammlung dahinter noch nicht aus. Nur ein Schild am Eingang des Geländes verrät, was hier entstehen soll: Ein Tempel, gewidmet dem Hindu-Gott Ganesha, der auf Abbildungen aussieht wie eine Mischung aus Mensch und Elefant. Der Jude Levy packt seinen Schirm etwas fester und schreitet voran, runter vom Gelände des Tempels, nach rechts, an der dicht befahrenen Neuköllner Straße „Hasenheide“ entlang. Hier, zwischen Aldi und Spielothek, zwischen Obdachlosen und Burka-Trägerinnen, zeigt er seinen Gästen das religiöse Berlin – und zwar auch jene Teile davon, die von seinem eigenen Glauben weit entfernt sind. Begleitet wird er von Lamiya Nadir, einer Muslima aus Aserbaidschan. In den kommenden eineinhalb Stunden werden die beiden ihre Touristen-Gruppe zu Gemeinden von Sufis und Siebenten-Tags-Adventisten führen. Sie werden ihnen zeigen, wo einst Synagogen standen, bevor die Nazis sie niederbrennen ließen. Und sie werden ihnen erklären, wo sich im Stadtteil die meisten Moscheen finden lassen – ganze 28 sind es, rund um die Flughafenstraße, die deshalb auch Moschee-Meile genannt wird. Denn Levy und Nadir sind interreligiöse Stadtführer. Ausgebildet wurden sie dazu ausgerechnet von einer Kirche, genauer genommen vom Kirchenkreis Berlin Stadtmitte.

Mission unerwünscht

„Es geht uns darum, dass wir in dieser Stadt gut zusammenleben“, erklärt Pfarrerin Silke Radosh-Hinder, die für das Projekt „Crossroads“ mitverantwortlich ist. Unter diesem Titel zeigt der Kirchenkreis Touristen schon seit längerem das religiöse Berlin, der Schwerpunkt lag bisher immer auf Kirchen und christlichen Einrichtungen. Seit Juni ist das Projekt interreligiös geworden. Seitdem führen religiös interessierte Menschen, nachdem sie einen speziellen Workshop absolviert haben, Touristen nicht mehr nur zu Kirchen oder Friedhöfen. Bunter soll es bei Crossroads nun zugehen. Und im wohl buntesten Stadtteil Berlins zeigt sich beispielhaft, wie eine solche Führung aussehen kann. 165.000 Menschen leben in Neukölln, etwa die Hälfte von ihnen hat einen Migrationshintergrund. Jeder fünfte Neuköllner ist Ausländer, rund 150 Nationalitäten sollen hier vertreten sein. Wer durch die Straßen nahe des Hermannplatzes flaniert, entdeckt Shisha-Läden und Graffitis, afrikanische Kultureinrichtungen und Gemeinden der Zeugen Jehovas. „Selbst wenn ich das alles nicht verstehe, ist es mir wertvoll“, sagt Pfarrerin Radosh-Hinder und formuliert damit das Motto der interreligiösen Stadtführungen. Mission ist hier ausgeschlossen. Der andere Glaube soll so stehen bleiben, wie er ist.

Stadtführer bekennen sich zu Menschenrechten

Und doch kann es zu Problemen kommen, wenn Muslime, Juden und zum Beispiel Christen gemeinsam ein Projekt dieser Art stemmen wollen, das wissen auch die Initiatoren. Deshalb müssen alle Stadtführer bei Crossroads eine freiwillige Selbsterklärung unterschreiben, in der sie sich zu den Menschenrechten bekennen. Denn: Mitmachen kann erst einmal jeder. Es gibt ausdrücklich keine Beschränkungen, was den religiösen Hintergrund der Stadtführer angeht. „Wir haben hier auch Atheisten, die Gruppen übernehmen. Wichtig ist uns nur, dass die Führungen immer im Tandem laufen. Es arbeiten immer zwei Menschen mit unterschiedlichem Glaubenshintergrund zusammen“, sagt Radosh-Hinder. Die Gruppe hat vor einer roten Backsteinmauer Halt gemacht, die Rückseite einer alten Berliner Brauerei. Levy deutet auf ein gelbliches Wohnhaus, an dessen Front eine silberne Gedenktafel an eine Synagoge erinnert. Sie stand einst im Innenhof dieses Hauses, bis die Nazis den Ort jüdischen Glaubens in der Reichsprogromnacht in Brand setzten. Heute ist nur die Eingangstreppe zur Synagoge übrig geblieben. Nun ist die Muslima Nadir an der Reihe. Sie berichtet von dem Leid der Juden im Berlin der 30er Jahre, gibt den Touristen einen Einblick in das Leben des Rabbiners Georg Kantorowsky, der 1940 nach Shanghai auswandern konnte und so das Dritte Reich überlebte. „Heute wohnen 17.000 junge Israelis in Berlin“, sagt Levy, als die Gruppe ein Stück weiter gegangen ist. „Das ist es, was wir euch mitgeben wollen: Die Zukunft ist das Miteinander.“ (pro)
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