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Mehr Religion wagen

Wer Europa neu beleben will, kommt an den christlichen Werten nicht vorbei. Ein Kommentar von Andreas Kern. Der Text erschien zuerst beim Magazin The European (www.theeuropean.de). Wir danken für die Genehmigung, ihn ebenfalls zu veröffentlichen.
Von PRO
„Wer Europa Drive geben will, muss an seine eigentliche DNA heran: das Christentum!“, sagt Andreas Kern, Referent im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt, im „European“

Foto: Andreas Kern / The European

„Wer Europa Drive geben will, muss an seine eigentliche DNA heran: das Christentum!“, sagt Andreas Kern, Referent im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt, im „European“

Das Kloster St. Gabriel in Hainburg wird Werner Weidenfeld nicht kennen. Vielleicht sollte der Politikwissenschaftler genau da hingehen, um Impulse für Europa zu erhalten. Dort kann der Autor von „Europa. Eine Strategie“ sehen, wie religiöse Heimat leise aus dem Alltag verschwindet. Dabei gedeiht ohne Religion – zumindest ohne christliche Werte – kaum eine europäische Vision. Waren es doch über Jahrhunderte hinweg die christlich-jüdischen Wurzeln, die den Menschen Halt und Orientierung gaben.

„Wer Europa Drive geben will, muss an seine eigentliche DNA heran“

Die von Weidenfeld benannten Herausforderungen Energieversorgung, Demografie und Sicherheit indes sind politische Fragen. Eine übergreifende Identität – gar ein Gemeinschaftsgefühl – schaffen sie nicht. Selbst der vorbildhaft angeführte Binnenmarkt hätte nicht als Katalysator funktioniert, wenn nicht Protagonisten wie Kohl, Mitterand, Delors und Santer überzeugte Europäer gewesen wären.
Allerdings wurden sie von einschneidenden Kriegs- und Nachkriegserlebnissen geprägt. Diese Klammer ist passé; moderne Staatenlenker denken pragmatischer, rationaler – manche auch populistischer. Wer Europa Drive geben will, muss an seine eigentliche DNA heran: das Christentum!
Wie es um diese Werte bestellt ist, zeigt sich am Kloster St. Gabriel. Nur drei Karmelitinnen lebten zuletzt in dem Konvent in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens. Nach 66 Jahren schlossen die Nonnen im vergangenen Jahr die Pforten. Die Lokalpolitik trauerte um „eine Oase des Gebetes und eine Stätte der inneren Einkehr“. Nur nahm die Mehrzahl der Menschen die Schließung, wenn überhaupt, eher achselzuckend zur Kenntnis. Das Vermelden der Fußballergebnisse von Eintracht Frankfurt oder Kickers Offenbach löst in Südhessen mehr Emotionen aus.
Es gibt zwischen Karpaten und Atlantik viele Orte wie das Kloster St. Gabriel, wo sichtbar wird, wie christliches Abendland Stück für Stück diffundiert – ohne dass jemand auf die Straße geht (Demonstranten, die sich in bestimmten Regionen Deutschlands ohne größere konfessionelle Bindung auf das christliche Abendland berufen, können in der Regel die Bedeutung von Feiertagen wie Pfingsten oder Epiphanie nicht einmal ansatzweise erklären). Überhaupt werden Gotteshäuser meist nur besucht, wenn sich Menschen an Weihnachten oder zur Hochzeit „was fürs Herz gönnen wollen“. Nicht ohne Resignation stellte Welterklärer Peter Scholl-Latour fest, dass die Europäer den Sinn für die Religion verloren haben.

„Ist die Degeneration des Glaubens für unseren Kontinent nicht ein Menetekel?“

Die Statistik unterstreicht dies: Im Jahr 2013 gab es noch etwa 24 Millionen Katholiken in Deutschland. Beinahe 180.000 Frauen und Männer verließen die katholische Kirche – 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Und von denen, die überhaupt noch Mitglieder waren, besuchten nur 10,8 Prozent die Gottesdienste! Bei den Protestanten sieht es nicht besser aus. 2012 waren es fast 140.000 Frauen und Männer, die der evangelischen Kirche ihre Mitgliedschaft gekündigt haben. Gerade mal 28,9 Prozent der Deutschen gehören noch dazu. 1950 war die Hälfte der Bundesbürger evangelisch. Goodbye, Volkskirche!
John Lennon hätte es gefreut. Für ihn war eine Gesellschaft ohne Religion eine Verheißung. „Imagine, there’s no heaven … and no religion, too … and the world will be as one!“, sang der Beatle. Aber ist die Degeneration des Glaubens für unseren Kontinent nicht ein Menetekel? Für den französischen Schriftsteller und Politiker André Malraux stand fest: „Das 21. Jahrhundert wird religiös sein, oder es findet nicht statt.“
Zwar ist das Christentum nicht allein Basis unseres Kontinents. Der frühere Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, findet aber, dass antiker Humanismus, neuzeitliche Aufklärung und nicht zuletzt das Christentum in seiner byzantinisch/slawisch-orthodoxen, in seiner lateinisch-katholischen wie in seiner reformatorischen Ausprägung das Gesicht Europas unauslöschlich geprägt haben.
Und der langjährige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, erklärt in dem Aufsatz „Europa als Wertegemeinschaft“, dass Europa in stärkerem Maß kulturelle als geografische Größe ist – und in stärkerem Maß eine religiöse als eine ethnische Einheit: „Nur seine kulturelle und religiöse Geschichte begründet, warum wir Europa einen Kontinent nennen.“ Wenn Politikwissenschaftler Weidenfeld mahnt, neue Visionen zu entwickeln, müsste er nicht zuerst die Gretchenfrage stellen: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“

Rückkehr zu den christlichen Werten

Auch der Hype um Michel Houellebecqs „Die Unterwerfung“ zeigt die Aktualität des Sujets. Ist das Werk doch ein Abgesang auf eine von christlichen Werten entkernte, abgeschmackte westliche Konsumgesellschaft. Ihren Bürgerinnen und Bürgern, so Houellebecq, kann diese fade Masse keine wirkliche „raison d’être“ bieten. Mammon, pursuit of happiness und Fleischeslust – das sind Instant-Bedürfnisse, die niemals sinnstiftend sein können wie Gott.
Als Kronzeugen könnte Houellebecq den Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, ins Boot nehmen. Er warnt, dass eine „neoantike Welle“ und „primitiver Kapitalismus“ Arme, Kranke und Schwache an den Rand der Gesellschaft drängen. Spätestens wenn Weidenfeld fordert, dass Europa anstelle der USA den Menschen weltweit Orientierung geben muss, sollte er „mehr Religion“ wagen.
Die moralische Alternative zur Ökonomisierung der Welt ist für Marx das Christentum, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Daher kann Europas Antwort auf Finanzkapitalismus US-amerikanischer Prägung nur eine christlich fundierte soziale Marktwirtschaft sein. Nachhaltigkeit muss Vorzug vor kurzfristigem Denken in Cash-Flow-Strömen haben; sozialer Ausgleich muss über die gesellschaftlichen Grenzen hinweg möglich sein. Gemeinschaft muss wieder einen höheren Stellenwert haben als Konsum, ungehemmter Individualismus und Selbstverwirklichung.
Europa kann nach Meinung von Marx „im Tiefsten nur ein geistiges Projekt“ sein: „Wenn wir nur das Materielle in den Mittelpunkt stellen, ist Europa eine im Nirgendwo verlaufende Spätkultur, die den Weg des Niedergangs beschreitet.“ Polemischer könnte das selbst enfant terrible Houellebecq kaum formulieren. Gemeinsam müssten Gottesmann und Literat rufen: „Wir sagen ‚nein‘ zu einer weltanschaulich indifferenten Gesellschaft.“ Für eine religiöse und kulturelle Erneuerung Europas ist es spät, aber nicht zu spät. Bleibt zu hoffen, dass Denker wie Weidenfeld und die politischen Entscheider die „Rufe in der Wüste“ erhören. (pro)
Erschienen bei www.theeuropean.de
Andreas Kern ist Diplom-Volkswirt und arbeitet derzeit als Referent im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt. Kern war zuvor persönlicher Referent des Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er ist Mitglied der CDU und reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika und Südosteuropa.

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