"SWR-Forum": Sind Evangelikale gefährlich?

Evangelikale schränken die Weltanschauungsfreiheit durch ihre Meinungen ein, sagen die einen. Evangelikale müssen sich wie alle anderen frei äußern dürfen, glauben andere. Im Radiosender SWR2 diskutierten Journalisten, Kirchenvertreter und Experten darüber, wie gefährlich fromme Christen wirklich sind.

Wann sind Evangelikale fundamentalistisch? Unterwandern sie die Volkskirchen und diskriminieren sie Andersgläubige? Diese Fragen behandelte die Hörfunk-Sendung "SWR2-Forum" am vergangen Dienstag mit dem Thema "Christlicher Fundamentalismus – Die wachsende Popularität der Evangelikalen". Im Studio waren Reinhard Hempelmann, Leiter der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin, Rolf Hille, Vorsitzender des Arbeitskreises für evangelikale Theologie und ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), und Oda Lambrecht, Journalistin und Mitautorin des Buchs "Mission Gottesreich".

Totschlagbegriff Fundamentalismus

"Evangelikale vertreten sehr fundamentalistische Positionen." Mit diesem Rundumschlag eröffnete Lambrecht die Diskussion. Rolf Hille stellte wenig später passend fest: "Fundamentalismus ist zu einem Totschlagbegriff geworden." Sei damit aber die Gewaltbereitschaft Gläubiger gemeint, so könne man den Begriff keinesfalls auf die Evangelikalen in Deutschland anwenden. Die, so der Theologe, zeichneten sich durch die Ausrichtung an traditionellen Werten aus. Evangelikal zu sein, bedeute, sich bewusst dem Glauben an Jesus Christus zuzuwenden.

Während Oda Lambrecht in einer evangelikalen Glaubensausrichtung die abwertende Haltung gegenüber Andersgläubigen impliziert sieht, betonte Hempelmann, in einer pluralistischen Welt sei es das Recht jeder Religionsgemeinschaft, eigene Profile zu entwerfen. Er warb für eine Differenzierung des Begriffs "evangelikal". Derzeit seien darunter etwa sowohl pfingstlerisch-charismatische Bewegungen als auch die DEA zusammengefasst, obwohl sich deren Ausrichtungen stark unterschieden.

Lambrecht kritisierte eine Intoleranz aller Evangelikalen gegenüber Muslimen oder Homosexuellen. Letztere würden als "krank oder pervers" bezeichnet. Zudem müsse man in einer modernen Gesellschaft glauben dürfen, an was man wolle, die Bibel auslegen dürfen, wie man wolle und Regeln dürften nicht "bis ins Schlafzimmer hinein festgezurrt" werden. Hille hingegen hob die Wichtigkeit der biblischen Sexualethik und der Berufung auf die Schöpfungstradition hervor. "Da sitzen wir in einem Boot mit der katholischen und orthodoxen Kirche", erklärte er. Dass eine homosexuelle Lebensweise als nicht erstrebenswert angesehen würde, habe aber nichts mit dem Umgang mit den betroffenen Menschen zu tun. "Werden die Menschen deshalb in ihrer Persönlichkeit angegriffen?", müsse man sich fragen. Der Respekt vor dem anderen dürfe niemals verloren gehen. Werde das nicht eingehalten, könnten fundamentalistische Strömungen Raum gewinnen.

"Was ist falsch daran, mitgestalten zu wollen?"

Den Erfolg charismatischer Bewegungen erklärt sich Lambrecht vor allem durch den "Event"-Charakter der Gottesdienste und der zunehmenden Beachtung und Akzeptanz in der Öffentlichkeit. In modernen Veranstaltungen werde suggeriert, der Glaube löse alle Probleme, und Gebete könnten Krankheiten heilen. Dahinter aber steckten "reaktionäre" Positionen. Zudem versuche etwa die DEA, das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken, indem sie ein öffentliches Vorgehen gegen Gotteslästerungen fordere. Hille betonte, das Recht darauf, Respekt einzufordern, stehe jeder Religionsgemeinschaft zu. "Ich kann nicht erkennen, was nicht legitim daran sein soll, politisch mitgestalten zu wollen", so Hille.

Eine Unterwanderung der Volkskirchen durch Evangelikale sieht auch Reinhardt Hempelmann im Gegensatz zu Lambrecht nicht. Der Dialog zwischen den Konfessionen und Denominationen müsse gepflegt werden, da waren sich die beiden Kirchenvertreter einig. (PRO)

Von: aw

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