Benjamin Piel, 36, hat als Journalist bereits mehrere Preise erhalten, unter anderem den Theodor-Wolff-Preis (2014), dessen Jury er mittlerweile angehört. 2011 bekam er den Nachwuchsjournalistenpreis der Christlichen Medieninitiative pro. Seit Juni 2018 ist er Chefredakteur des Mindener Tageblatts.

Benjamin Piel, 36, hat als Journalist bereits mehrere Preise erhalten, unter anderem den Theodor-Wolff-Preis (2014), dessen Jury er mittlerweile angehört. 2011 bekam er den Nachwuchsjournalistenpreis der Christlichen Medieninitiative pro. Seit Juni 2018 ist er Chefredakteur des Mindener Tageblatts.

„Es wird immer schwieriger, sachlich über Corona zu diskutieren“

Benjamin Piel ist Chefredakteur des Mindener Tageblattes. In der Corona-Krise erlebt er stärker als zuvor, wie Journalisten wegen ihrer Berichterstattung angefeindet werden. Im pro-Interview erklärt er, wie seine Redaktion damit umgeht und wo er die journalistischen Herausforderungen in der Pandemie sieht.

pro: In Minden wurde Ende Oktober eine Schaufensterpuppe an einer Brücke aufgehängt – mit Strick um den Hals und Schild vor der Brust, auf dem „Covid-Presse“ stand, sowie einer Augenbinde mit der Aufschrift „blind“. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon erfahren haben?

Benjamin Piel: Natürlich war ich einigermaßen fassungslos. Ich war gerade auf der Rückfahrt aus dem Urlaub und habe das auf Facebook entdeckt. Man gewöhnt sich an die verrücktesten Dinge. Aber das hätte ich bis dahin nicht für möglich gehalten – jedenfalls nicht in Minden.

Haben Sie sich mit Ihrer Redaktion betroffen gefühlt?

Wir haben schon versucht, uns zu sagen: Davon lassen wir uns nicht beeindrucken. Es stand ja kein Name von einem unserer Redakteure drauf oder das Mindener Tageblatt, sondern nur „Presse“. Aber wenn man für die Presse arbeitet, bezieht man das auch ein Stück auf sich selbst oder einen Kollegen. Da hängt ein ganzer Berufsstand am Galgen. Letztendlich ist die Botschaft, die ich und auch viele andere in der Redaktion daraus gezogen haben, doch eine sehr persönliche. Und da fällt es schwer zu sagen: Das hat nichts mit uns zu tun. Leider verfehlt solche Symbolik ihre Wirkung nicht.

Wie gehen Sie in der Redaktion nun damit um?

Schon lange beschäftigt mich der Gedanke, ob wir – und auch der Journalismus insgesamt – Supervision in Anspruch nehmen sollten. Wir sehen bei Unfällen Verletzte, die noch auf der Straße liegen, führen bei Facebook sehr unschöne Diskurse und werden auch beschimpft. Da gibt es vielfältige Punkte, die einen mitnehmen können und die man reflektieren sollte. Als ich die Puppe gesehen habe, dachte ich: Jetzt ist es wirklich an der Zeit, das anzugehen. Das habe ich dann auch getan.

Wie sind die Erfahrungen bisher?

Wir stehen da ganz am Anfang und es ist noch viel zu früh, um Bilanz zu ziehen. Allerdings war das Interesse in der Redaktion recht groß und daraus lässt sich schließen, dass es Bedarf gibt. Es würde mich sehr freuen, wenn es den Kollegen eine Hilfe ist.

Sie haben eben auch Facebook angesprochen – was erleben Sie da?

Auf Facebook wird oft sehr persönlich, sehr scharf kommentiert, regelmäßig überschreiten Nutzer Grenzen. Kollegen, die das den ganzen Tag betreuen und moderieren, sagen mir immer häufiger: Nach solchen Tagen bin ich immer richtig durch! Bei diesen Facebook-Kommentaren könnte man theoretisch sagen: Das ist immer das gleiche, kennen wir schon, nicht so ernst nehmen. Aber wir sind eben keine Maschinen.

Wie äußern sich solche Angriffe konkret?

Auf Social Media verhalten sich die Leute besonders aggressiv, weil sie sich durch die Anonymität mehr trauen. Ein Nutzer hat zum Beispiel – sogar unter seinem Klarnamen – geschrieben: „Wenn nochmal so eine Puppe gelyncht werden soll, dann meldet euch bei mir, da bin ich gerne dabei.“ Das finde ich schon wirklich krass. Solche Auswüchse erleben wir vor allem auf Facebook, bei Twitter nicht so sehr. Das Thema ploppt auch auf vielfältigen anderen Kanälen auf, in Leserbriefen, als Leserkommentare auf der Internetseite. Ich habe gerade wieder eine Abo-Kündigung bekommen, in der eine Frau schrieb: „Ihre Lügen sind unerträglich und jetzt möchte ich mit Ihnen nichts mehr zu tun haben.“

Auf der Straße erleben wir kaum Angriffe. Aber wenn jemand von uns mal bei einer Corona-Demo ist, was nur ab und zu der Fall ist, dann sprechen die Demonstranten einen schon auch persönlich an. Das ist nicht so grenzüberschreitend, dass man es nicht ertragen könnte. Aber für die Kollegen ist das trotzdem unangenehm, weil es oft verächtlich geschieht mit einer unterschwelligen Abneigung. Aber nicht so aggressiv, dass wir Angst um Leib und Leben haben müssten.

Über die Corona-Krise und die Maßnahmen lässt sich aber auch streiten ...

Es ist immer die Frage: Ist das sachlich formuliert? Man kann Corona-Maßnahmen kritisieren und in Frage stellen. Aber es kippt eben sehr häufig auf eine unsachliche Ebene der Verschwörungstheorien. In der Debatte entsteht schnell der Eindruck, es gebe nur zwei Positionen: Entweder man ist komplett für die Corona-Maßnahmen oder man ist Verschwörungstheoretiker. Natürlich muss es dazwischen eigentlich einen großen Bereich geben, über den man sachlich diskutieren kann. Aber das wird in meiner Wahrnehmung immer schwieriger. Leider! Denn die Diskussion selbst finde ich wertvoll.

Ist das ein spezielles Phänomen im Kontext von Corona oder haben Sie das schon vorher erlebt?

Mich erinnert das stark an 2015 und die Flüchtlingswelle. Aber ich finde es diesmal ausgeprägter. Weil die Krankheit und die Einschränkungen das eigene Leben so stark betreffen und es verändern. Das ist meine Hypothese. Und weil große Unsicherheit herrscht, habe ich den Eindruck, dass immer mehr Leute so misstrauisch werden. Das ist kein schönes Gefühl. Ich bin traurig darüber, dass uns Journalisten so stark die Rolle zugeschrieben wird: Ihr seid die, die diese Maßnahmen verteidigen. So sehe ich uns gar nicht. Aber es ist unheimlich schwer, das zu vermitteln: Auf der einen Seite müssen wir erklären, welche Regeln gerade gelten; auf der anderen Seite aber müssen wir hinterfragen, ob sie sinnvoll sind und wo sie zu großen Problemen und zu wirtschaftlichem Niedergang führen. Es wird immer schwieriger, da eine sachliche Position zu vertreten, ohne gleich verurteilt zu werden, wir würden mit dem Staat unter einer Decke stecken.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen bei der Berichterstattung über die Corona-Krise?

Die besondere Herausforderung ist, dass wir über Dinge berichten müssen, für die wir keine Experten sind. Wenn ich diese und jene Maßnahme kritisiere oder wenn ich die Zahlen der positiv Getesteten nenne, kann ich sie als Nicht-Experte, als Nicht-Virologe nicht richtig einordnen. Ich kann mich nur schlau machen und unterschiedliche Stimmen dazu recherchieren, die das bewerten. Aber wir haben hier keine Medizinredaktion und können auch nicht, wie das viele Leser erwarten, in tiefe virologische Diskussionen einsteigen; sondern wir stellen die Entwicklungen und Zahlen dar.

Ein zweiter Punkt: Wir reden hier über eine potentiell gesundheitsgefährdende Situation, von der ich durchaus denke, dass sie aus dem Ruder laufen kann. Und wenn das passiert und das Gesundheitssystem in die Knie geht, ist das kein Spaß. Je nachdem, wie ich handle, beeinflusse ich die Situation. Wenn ich kommentiere: Masken tragen ist nicht gut, bringt eh nichts – dann muss ich mir vorwerfen lassen, dafür zu sorgen, dass sich die Situation vielleicht verschlechtert. Das ist anders als bei einem politischen Kommentar, wo ich mir schneller eine Meinung gebildet habe, und der dann vielleicht durchaus den einen oder anderen ärgert, aber keine so gravierenden Auswirkungen hat.

Sehen Sie Defizite in der Berichterstattung über Corona, auch in überregionalen Medien?

In der ersten Phase ganz bestimmt. Als Journalisten mussten wir uns erst einmal wochenlang orientieren: Wie hoch sind die Sterbezahlen? Wie gravierend ist das Ganze? Wie wird sich die Epidemie weiterentwickeln? Das kann man ja nur aus der Situation heraus beurteilen. Da finde ich es ein bisschen einfach, im Nachhinein zu sagen: Da wart ihr ja am Anfang sehr unkritisch. Was hätte man tun sollen? Worauf hätte in dem Moment fundierte Kritik fußen sollen? Das war für alle in der Gesellschaft und genauso auch für die Medien ein Lernprozess.

Es gibt auch Zahlen, die belegen, dass das Vertrauen in die Medien in dieser Zeit gewachsen ist, was sich zum Beispiel auch an Zugriffszahlen zeigt. Wie haben Sie das beim Mindener Tageblatt erlebt?

Am Anfang war das sehr stark der Fall. Am 18. März, dem Tag, als Angela Merkel ihre Fernsehansprache hielt, waren die Online-Zugriffszahlen und auch die digitalen Abo-Abschlüsse so hoch wie niemals zuvor. Das war auch eine Phase, die ich genossen habe, weil wir als Presse mal nicht für alles Mögliche kritisiert wurden. Viele Leser dankten uns, dass wir in dieser Phase unsere Arbeit gemacht haben, dass die Zeitungsproduktion und die Verteilung weiterliefen. Mir war aber damals schon klar, dass die Stimmung kippen kann. Und so ist es dann auch gekommen. Inzwischen hat sich vieles wieder normalisiert. Ich habe meine Zweifel, dass der Journalismus in der Corona-Krise langfristig an Vertrauen gewinnen kann – auch wenn er es verdient hätte.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Jonathan Steinert

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