Jürgen Mette hat selbst seine Erfahrungen mit einseitiger Berichterstattung gemacht

Jürgen Mette hat selbst seine Erfahrungen mit einseitiger Berichterstattung gemacht

Man kann sich über unfaire Medien ärgern, man muss aber nicht

Der jüngste Spiegel-Beitrag über die Evangelikalen ist zu Recht wegen schlechter journalistischer Arbeit kritisiert worden, sagt unser Kolumnist. Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass konservative Christen in großen Zeitungen, im Hörfunk, TV und den sozialen Medien verzerrt und undifferenziert vorgeführt wurden. Jürgen Mette hat es vor zwei Jahren selbst erlebt.

Ein freier Journalist, der für diverse ARD-Landessender Hörfunk-Features produziert, hatte mit mir telefonisch Kontakt aufgenommen. Er verwies auf Empfehlungen Dritter und lobte ein bestimmtes Buch aus meiner Feder und bat mich um ein Radiointerview über die Evangelikalen. Der Journalist war total nett und vertrauenswürdig. Ich wurde in das HR-Studio nach Kassel zur Aufnahme meines Parts gebeten. Bis dahin wusste ich nicht, wer außer mir noch befragt wurde. Bevor der Beitrag gesendet wurde, hatte ich Gelegenheit, meinen Part – als Abschrift – kritisch gegenzulesen. Obwohl sich das Gespräch bald in eine Richtung gedreht hat, zu der ich mich nicht äußern wollte. Aber ich konnte nicht wissen, wer sonst noch als Talkgast mit von der Partie war, auch nicht, dass die Sendung mit Predigtausschnitten von Olaf Latzel aus der Bremer St. Martini-Gemeinde eingeleitet wurde. Da spätestens war mir klar, wohin die Reise gehen soll. Ich sollte mich von Olaf Latzel distanzieren, auch von Hartmut Steeb und von Andreas Malessa. Und das wollte ich nicht.

Ich hatte im Interview beklagt, dass die Evangelikalen in der Öffentlichkeit immer nur mit einem Thema wahrgenommen würden: Ihrem Bibelverständnis und der daraus abgeleiteten Haltung zur Homosexualität. Das Thema Homosexualität sei der Auslöser für eine „schwelende Krise“ und eine Lagerbildung in der evangelikalen Szene. Dabei hätten die Evangelikalen auch etwas zu friedens-, wirtschafts- und sozialethischen Themen zu sagen. Auf die Frage, ob ich den Eindruck habe, dass die Nachrichtenagentur idea der AfD zu viel Raum gebe und zu positiv berichte, habe ich geantwortet: „Der Eindruck drängt sich auf, besonders in den Monaten vor Bundes- und Landtagswahlen.“ Idea habe jedoch gute Gründe, sich im konservativen Klientel weiter zu behaupten. Ich hatte in der ungekürzten Variante einiges Gutes über die Evangelikalen gesagt. Aber das wurde weggelassen.

Viel schlimmer wäre, wenn man bei uns nichts Erwähnenswertes mehr finden würde. Medienschelte hat uns etwas zu sagen. Wer nicht mehr vorkommt, ist schon auf dem Rückzug, zumal ich ja einer von ihnen bin. Eine Woche später wurde ich in zwei bitterbösen Leserbriefen als „Nestbeschmutzer“ attackiert. Und das von zwei Kollegen, die ich bis dahin sehr geschätzt habe. Ich konnte mich damals wegen einer schweren Gehirn-Operation nicht dagegen wehren. Meine Söhne hatten mich für die Zeit in der Klinik auf Medienenthaltsamkeit gesetzt.

Genauso verhält es sich mit den Überschriften. Wenn ein Gesprächspartner eine Nebenbemerkung fallen lässt, kann es ihm passieren, dass diese Bemerkung zur Überschrift avanciert. Das ist Usus in den Medien. Beim Leser kann die Überschrift aber bereits solch eine Empörung befeuern, dass er den an sich differenzierten Artikel gar nicht mehr aufnimmt. So kürzlich geschehen: Ein Theologie-Professor wird nach der Ursache des Pastorenmangels gefragt. Seine Antwort: Der Pastorenberuf hätte keinen „Sexappeal“ mehr! Das Zitat hatte der Interviewte freilich autorisiert. Und wo ist dieser inzwischen zum Jargon gehörende Begriff gelandet? Richtig, in der Überschrift. Jeder unvorbelastete Leser würde das Wort mit „anziehend“ oder „attraktiv“ oder mit „Ausstrahlung“ übersetzen und sich nichts Böses dabei denken.

Ich habe mich über den Artikel im Spiegel geärgert. Wem nützt das? Keinem.

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