Der US-Präsident nutzte das Gebetsfrühstück, um seinen Freispruch im Amtsenthebungsverfahren zu feiern

Der US-Präsident nutzte das Gebetsfrühstück, um seinen Freispruch im Amtsenthebungsverfahren zu feiern

Die beten doch nicht etwa?

Jährlich treffen sich hochrangige US-Politiker zum National Prayer Breakfast – auch für Präsidenten ein Pflichttermin. Die ARD-Sendung Weltspiegel vermutet hinter dem Gebetstreffen eine Geheimverschwörung, offenbart aber vor allem mangelndes Verständnis für den Glauben in den USA. Eine TV-Kritik von Nicolai Franz

Das National Prayer Breakfast (nationales Gebetsfrühstück) gehört zu den USA wie Burger, Cowboys und Hollywood. Eliten aus Politik und Wirtschaft treffen sich dort zum Frühstück, hören kurze Vorträge – natürlich auch vom Präsidenten – und beten gemeinsam. Seit Dwight D. Eisenhower 1953 hat jeder Präsident an dem Gebetstreffen teilgenommen.

Dieses Jahr war es am 5. Februar wieder soweit. Ein sichtlich zufriedener US-Präsident Donald Trump reckte eine Ausgabe der Washington Post in die Höhe, die ein großes Foto von ihm mit der Überschrift „Trump acquitted“ („Trump freigesprochen“) zeigte. Trump hatte kurz zuvor das Amtsenthebungsverfahren gegen ihn überstanden – mit Hilfe der republikanischen Mehrheit, die ihm bis auf Senator Mitt Romney folgte. Der Mormone gab an, aus religiösen Gründen für die Amtsenthebung Trumps wegen Amtsmissbrauchs gestimmt zu haben. Er habe vor Gott geschworen, unparteiisch zu urteilen. Er sei „zutiefst religiös“, der Glaube sei das „Herzstück“ dessen, was ihn ausmache. Deswegen habe er nicht anders gekonnt, als gegen Trump zu votieren.

Durchaus interessante Beziehungen von Glaube und Politik haben sich im und um das Gebetsfrühstück herum also ergeben. Das interessierte die Verantwortlichen des ARD-Magazins Weltspiegel aber kaum. Stattdessen nahmen sie das diesjährige Gebetsfrühstück zum Anlass, um die dahinter stehende Organisation investigativ zu hinterfragen: „The Family“. In einem Actionfilm läge es nahe, hinter dem dubiosen Namen eine Art Mafia-Organisation zu vermuten, und auch der Weltspiegel spielt bewusst mit diesen Klischees. So ist es sicher kein Zufall, dass „The Family“ im siebenminütigen Beitrag durchweg in der Übersetzung „Die Familie“ vorkommt, was für deutsche Ohren reichlich dubios klingen muss.

Amerikanische Frömmigkeit durch deutsche Brille

„The Family“ sei eine kaum sichtbare, aber umso mächtigere Institution, die wie kaum eine andere Einfluss auf die globale Weltelite habe. Dazu kommt der Buchautor Jeff Sharlet zu Wort, für den „The Family“ ein „Geheimbund christlicher Fundamentalisten“ ist, „der die amerikanische Politik beeinflusst“. Ist das National Prayer Breakfast, von dem es zahlreiche Ableger in allen möglichen Ländern der Welt, auch in Deutschland, gibt, also in Wahrheit eine machthungrige Sekte, die einen Politiker nach dem anderen auf ihre verborgene politische Agenda einschwören will?

Sharlet berichtet, dass „The Family“ bewusst auf Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft setze, die sich dann in kleinen Gruppen, „Zellen“, zum Gebet träfen, um „Jesus von Mann zu Mann zu begegnen“. Aus dem Off kommentiert der Sprecher: „Für das, was zunächst klingt wie eine Verschwörungstheorie, hat Sharlet Beweise gesammelt.“ Damit offenbart sich ein Grundproblem des ARD-Beitrags: Er versucht, amerikanische Frömmigkeit durch eine deutsche Brille zu deuten. Dass Christen sich, auch in einflussreichen Kreisen, zum persönlichen Gebet und geistlichen Austausch treffen, ist in den USA nicht einmal sonderlich evangelikal. Dafür braucht es auch keine knallhart investigativ recherchierten „Beweise“, stattdessen ist es für jeden offensichtlich, der die amerikanische Christenheit kennt – und die trägt den Glauben nun mal auf der Zunge (und mit ins Büro). Auch die Katholikin Nancy Pelosi, demokratische Chefin des Repräsentantenhauses, nahm am Gebetsfrühstück teil. Während des Gebetes stand sie Hand in Hand mit den anderen Teilnehmern, mit geschlossenen Augen, und sie beendete das Gebet wie alle anderen mit einem kräftigen „Amen“. In Deutschland wäre das so wohl kaum denkbar, in den USA sind solche öffentlichen Glaubensbezeugungen hingegen völlig normal.

Verfeindete Parteien zusammenbringen

Einen weiteren Vorwurf Sharlets gibt der Weltspiegel wieder: „The Family“ hofiere weltweit Diktatoren und vermittle ihnen Kontakte zu hochrangigen Entscheidungsträgern. In Uganda habe ein Mitglied der Organisation, David Bahati, sogar ein Gesetz vorangebracht, das die Todesstrafe für Homosexuelle vorsah. Das stimmt zwar, und es gibt Hinweise, dass es auch problematische Verbindungen gab, zumindest in der Vergangenheit. Das zu kritisieren, ist wichtig. Was der Zuschauer jedoch nicht erfährt, ist, dass „The Family“ Bahatis Gesetz ablehnt – so zumindest gab es das Organisationsmitglied Bob Hunter an.

Dafür, dass es sich bei „The Family“ um einen fundamentalistischen Geheimbund handle, zeigt sich deren Leiter Doug Burleigh im Interview mit den Weltspiegel-Reportern ziemlich offen. Er streitet nicht ab, dass es früher Kontakte zwischen seiner Organisation und Diktatoren gegeben habe. Als Grund gibt Burleigh an, den Frieden Gottes verbreiten zu wollen. Dazu müssten nun einmal beide Konfliktparteien an einem Tisch sitzen. „Wie soll man Probleme lösen, wenn man nicht miteinander spricht? Wir möchten, dass Palästinenser und Israelis am selben Tisch sitzen, Inder und Pakistani, Russen und Ukrainer.“ Kommunikation sei wichtig, um Barrieren von Hass und Misstrauen einzureißen. Er bitte Politiker, auch die Präsidenten, nicht direkt darum, etwas zu tun. Stattdessen würden deren Meinungen sich aus der Bibel ableiten. Er bete aber für Politiker, das stehe schließlich in der Bibel. Wie ein intriganter Strippenzieher klingt Burleigh dabei nicht.

Der Evangelist Billy Graham (links) mit US-Präsident Ronald Reagan und dessen Frau Nancy beim Gebetsfrühstück 1981

Der Evangelist Billy Graham (links) mit US-Präsident Ronald Reagan und dessen Frau Nancy beim Gebetsfrühstück 1981

Im weiteren Gespräch wird allerdings erneut deutlich, wie tief der Graben zwischen Deutschland und den USA ist, was schon alleine die religiöse Sprache angeht: Wenn Burleigh unbekümmert gegenüber seinem deutschen Gesprächspartner formuliert, ein Kongressabgeordneter habe „Jesus getroffen“ („he met Jesus") oder dass Trump ein „Ebenbild Gottes“ sei, gar ein „Sohn des Königs“, zeugt das auch von fehlender kultureller Sensibilität: Die meisten Deutschen dürften solche Aussagen irritieren – die kirchendistanzierten unter ihnen sowieso.

Und so dokumentiert der kurze Beitrag (Titel: „USA: Die geheime religiöse Gemeinschaft“) vor allem die kulturellen Unterschiede zwischen dem freikirchlich geprägten Christentum der USA und dem Amtskirchentum in Deutschland. Hierzulande zieht der Staat Kirchensteuern ein und zahlt „Staatsleistungen“ als Entschädigung für frühere Enteignungen. Für die meisten amerikanischen Christen dürfte das eine schlimme Verquickung zwischen Staat und Kirche sein. Doch weder dies noch das National Prayer Breakfast taugt deswegen zum Skandal.

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