Mark Galli diskutierte bei einer Tagung des Obama-Instituts der Universität Mainz mit Wissenschaftlern und Journalisten über Strategien gegen Fake News

Mark Galli diskutierte bei einer Tagung des Obama-Instituts der Universität Mainz mit Wissenschaftlern und Journalisten über Strategien gegen Fake News

„Unser Bestes für guten Journalismus“

Datenflut, Bedrohung durch Fake News und Donald Trump: Wie gehen christliche Medienmacher in den USA mit diesen publizistischen Herausforderungen um? pro sprach mit Mark Galli, Chefredakteur von Christianity Today, einem der einflussreichsten christlichen Journalisten.

pro: Die amerikanische Zeitschrift Christianity Today (CT) richtet sich einerseits an christliche Führungskräfte, andererseits mischt sie in den gesellschaftlichen Debatten in Amerika mit – welchen Einfluss hat Ihre Stimme in Amerika und darüber hinaus?

Mark Galli: Wir beeinflussen evangelikale Leiter in den Kirchen, überkonfessionellen Gemeinden, Unternehmen und Non-Profit-Organisationen. Wir helfen, sie sprachfähig zu machen. Und sie wiederum wirken in ihrer Umgebung, wo sie leben, arbeiten, ihren Dienst verrichten – somit gestalten sie Amerika mit und sogar ein bisschen die Welt. Früher hatten wir einen Slogan, dass CT „die Menschen verändern möchte, die die Welt verändern“. Wir wollen einen Beitrag leisten zu einem guten Wandel in dieser Welt.

Geht das heute überhaupt noch, christliche Werte in die Medien zu bringen?

Die journalistische Ethik gründet auf der jüdisch-christlichen Ethik. Wenn wir also guten Journalismus praktizieren – faire, akkurate Berichterstattung, wenn wir Interessenkonflikte vermeiden, ehrlich sind –, dann wenden wir einige christliche Werte an. Darüber hinaus loben uns viele Menschen dafür, dass wir unseren Kritikern und ideologischen Gegnern höflich und nicht mit Angriffen und Beleidigungen begegnen. Ich denke, das wird letztendlich einen Unterschied machen, wenn nicht überall, dann doch in einigen Bereichen.

Was bedeutet das konkret für Sie und Ihr Team?

Ganz einfach: Wir müssen der Versuchung widerstehen, auszuholen oder zurückzuschlagen. Insbesondere dann, wenn unsere Ansichten falsch dargestellt oder verunglimpft werden. Als Team stärken wir uns gegenseitig den Rücken. Das heißt: Jeder Redakteur hat im Produktions­prozess einen Redakteur an der Seite. Jederzeit kann sich jemand einschalten und sagen: „Ich denke, das können wir wohlwollender ausdrücken.“

Immer wieder wird berichtet, dass Präsident Trump auch deshalb gewählt wurde, weil so viele konservative und evangelikale Christen ihn gewählt haben. CT sieht sich als christlich-konservative Stimme in den USA. Aber wenn man Sie liest, hat man nicht den Eindruck, Sie seien die größten Fans von Trump ...

CT-Leser zählen eher zu den gemäßigten amerikanischen Evangelikalen, die insgesamt überwiegend politisch konservativ sind. Etwa 70 Prozent der Evangelikalen unterstützen Trump weiterhin, was nicht wirklich überraschend ist. Denn ungefähr der gleiche Prozentsatz hat bei früheren Präsidentschaftswahlen die Republikaner gewählt. Und in etlichen Politikfeldern erscheint Trump wie ein „normaler“ Republikaner. Aber viele, die seine Politik unterstützen, sind in der Tat besorgt über seine Charakterschwächen. Und darüber, wie er sich gegenüber dem Kongress und der ganzen Welt verhält.

Was genau meinen Sie?

Er versucht Menschen zu schikanieren, er ist eine Quelle von Fehlinformationen, und er ist über viele entscheidende Themen nicht gut informiert. Diese Charaktereigenschaften sind keine Ermessenssache, sondern offenkundige Tatsachen. CT findet diese Art von Verhalten schlecht für das Land und für die Welt – daher die fehlende Begeisterung für unseren derzeitigen Präsidenten.

Die Medienforschung hat analysiert, dass gerade in deutschen Medien Trump und die US-Politik in bis zu 98 Prozent der Berichte ausschließlich negativ dargestellt werden. Falls wir es nicht mitbekommen haben: Hat Trump auch schon mal etwas richtig gemacht?

Sicherlich. Viele hoffen, dass er zwei konservative Richter am Obersten Gerichtshof durchsetzen wird und somit einen Teil des moralischen Progressivismus, der unsere Gesellschaft sehr prägt, in Schach halten wird. Ebenso macht er sich stark für die pro-life-Initiative, wo es um unseren Umgang mit dem Beginn und dem Ende des Lebens geht. Er und Vizepräsident Mike Pence haben konkrete Schritte unternommen, um die Verfolgung der Christen in der ganzen Welt stärker in den Blick zu rücken – das ist überfällig.

Eines der größten Streitthemen in Amerika ist die Mauer, die Donald Trump an der Grenze zu Mexiko hochziehen will. Sie selbst haben als Pastor in Mexiko gelebt. Wie denken Sie über eine solche Mauer – gibt es bessere Wege, um unkontrollierte Einreise einzudämmen und Drogenschmuggel zu verhindern?

Ich glaube, es ist ein schwerwiegendes Problem, wenn ein Land eine Mauer bauen muss. Egal, ob es darum geht, Menschen im Land zu halten oder Menschen davon fernzuhalten. Mit der „Trump-Mauer“ senden die USA ein armseliges Signal im Hinblick auf die grundsätzlich großzügige Haltung des Volkes und einen wichtigen Grundwert unseres Landes: Immigranten willkommen zu heißen.

Dass es Probleme an dieser Grenze gibt, sagen auch viele Demokraten ...

Sichere Grenzen zu schaffen ist in der Tat eine entscheidende Aufgabe jedes Staates. Ebenso wie eine vernünftige und effektive Einwanderungspolitik. Sie hat nicht nur Kriminelle und Terroristen auszusortieren, sondern viele, viele Menschen willkommen zu heißen und sie in die amerikanische Gesellschaft zu integrieren. Ich bin kein Experte, aber angesichts des technologischen Know-hows Amerikas vermute ich, dass es effektive Möglichkeiten gibt, unsere Grenzen zu kontrollieren, ohne eine Mauer zu errichten. Und angesichts unseres Reichtums kann ich kaum glauben, dass wir nicht das Geld für solche Maßnahmen hätten, wenn dies wirklich eine nationale Priorität hätte.

Bei einer Tagung des Obama-Instituts der Universität Mainz haben Sie mit Journalisten und Wissenschaftlern über die Gefahren von Fake News diskutiert. Wie geht CT mit dieser Herausforderung um?

Indem wir unser Bestes geben, um guten Journalismus zu praktizieren. Das heißt auch, gefälschte Nachrichten zu widerlegen, besonders dann, wenn sie Christen und christliche Organisationen betreffen. Wichtig ist uns auch, einfühlsam zu sein und zu verstehen, warum viele Menschen gefälschten Nachrichten glauben wollen. Es geht darum, diese Menschen nicht als ignorant abzustempeln, sondern deren Beweggründe zu verstehen.

Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel hat ein Desaster erlebt. Einer seiner Autoren hatte viele seiner Reportagen frei oder teilweise erfunden. Ein schlimmer Einzelfall oder ein Krisen-Symptom des seriösen Journalismus?

In der Welt des Journalismus, mit diesem gewaltigen Druck und Wettbewerb, ist dies eine ernsthafte Versuchung. Um es sinngemäß mit Jesus zu sagen: Betrügerisches wird immer in eurer Nähe sein. Aber das ist kein Grund zu resignieren. Wir sind mehr denn je dazu aufgerufen, in unserem Journalismus gewissenhaft zu sein. Das heißt, dass wir so viel wie möglich in die Überprüfung der Fakten inves­tieren, um solch einen Betrug auf ein Minimum zu reduzieren. Fehler, die passieren, müssen wir korrigieren.

Was sind im Zeitalter der Datenflut, der beschleunigten Kommunikation und der Fake-News-Bedrohung die wichtigsten Werte, Ziele und Aufgaben für Journalisten und für Christen, die als Medienprofis arbeiten?

Die Leser immer wieder daran zu erinnern, dass wir einem Gott dienen, der die Geschichte kontrolliert. Dass alle Dinge dem zum Besten dienen, der glaubt. Dass, egal, wie verwirrend und konfus das Leben wird, unser Auftrag grundlegend einfach ist: Gott zu lieben und uns an ihm zu erfreuen. Und unseren Nächs­ten lieben wie uns selbst. Auch wenn wir manchmal nicht wissen, was die richtige Position in konfessionellen oder religiösen Debatten ist – wichtig ist doch: Wir alle kennen Menschen in unseren Netzwerken, die die Liebe und Hoffnung von Jesus Christus brauchen.

Lohnt es sich heute noch für junge Talente, die Christen sind, in die Medien zu gehen?

Ja! Aber sie müssen wissen, dass es eine Berufung ist, die anspruchsvoller denn je ist. Es erfordert außergewöhnliche Fähigkeiten: kritisches Denken, Schreiben und exzellentes Editieren „on demand“ – also den Bedürfnissen unserer Leser folgend. Man benötigt auch die Kenntnis, wie alle Medien funktionieren: eine fast unmögliche Kombination. Aber dies alles kann man lernen. Dazu muss man nicht nur Talent mitbringen, sondern auch ein überdurchschnittliches Engagement.

Mark Galli, Jahrgang 1952, ist Chefredakteur des US-amerikanischen evangelikalen Magazins Christianity Today. Der gebürtige Kalifornier war vor seiner Tätigkeit als Journalist zehn Jahre lang als Pastor der Presbyterianischen Kirche tätig. Heute gehört er den Anglikanern an, ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Mark Galli, Jahrgang 1952, ist Chefredakteur des US-amerikanischen evangelikalen Magazins Christianity Today. Der gebürtige Kalifornier war vor seiner Tätigkeit als Journalist zehn Jahre lang als Pastor der Presbyterianischen Kirche tätig. Heute gehört er den Anglikanern an, ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Die Fragen stellte Christoph Irion

Dieser Text ist in der Ausgabe 1/2019 des Christlichen Medienmagazins pro erschienen. Sie können es kostenlos online bestellen oder telefonisch unter 06441 5 66 77 00.

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