Der frühere Bundespräsident Christian Wulff sprach auf der Konferenz „publicon“ vor Journalisten

Der frühere Bundespräsident Christian Wulff sprach auf der Konferenz „publicon“ vor Journalisten

Christian Wulff: „Pressefreiheit ist nicht die Freiheit, andere fertigzumachen“

Journalisten haben eine Verantwortung, sich für den Zusammenhalt der Gesellschaft einzusetzen. Das hat der frühere Bundespräsident Christian Wulff am Samstag bei der Tagung „publicon“ in Kassel gefordert. Er sprach sich gegen „pessimistische Miesmacher“ in den Medien aus.

„Die Stärkung des Zusammenhalts in unserer Gesellschaft ist die größte Aufgabe unserer Zeit“, sagte der frühere Bundespräsident Christian Wulff am Samstag in Kassel. Das sei auch die Aufgabe von Journalisten. Er sprach zum Thema „Herausforderungen für Medien und Demokratie in der globalisierten und digitalen Welt – und warum christliche Werte wichtig bleiben“.

Wulff sagte: „Ich mache mir Sorgen darüber, dass wir ein Missverhältnis haben zwischen der objektiv guten wirtschaftlichen Lage und der subjektiv empfundenen Verlustangst und Verunsicherung vieler Menschen.“ Er spüre eine große Unzufriedenheit, trotz guter allgemeiner Rahmenbedingungen in der Bundesrepublik. Als Beispiele nannte Wulff niedrige Arbeitslosigkeit, ein hohes Gesundheitsniveau und eine prinzipiell funktionierende Bürokratie. Die Unzufriedenheit habe sich beispielsweise durch die Pegida-Bewegung manifestiert. Politiker würden zu Verbrechern erklärt und Gewalt gerechtfertigt, beispielsweise gegenüber Lokalpolitikern, die sich für Flüchtlinge einsetzten.

„Alle suhlen sich in Negativem“

Wulff sagte, er habe ein „ungutes Gefühl: Sind sich alle bewusst, dass Demokratie etwas Brüchiges ist?“ Jeder Bürger sei gefordert, Demokratie immer wieder neu zu erkämpfen, zu verteidigen und zu schützen. Nationalismus sei „die Mutter vieler Probleme und taucht immer wieder im neuen Gewand auf“.

Journalisten sollten ebenfalls zur Demokratie beitragen, statt ausschließlich „aufzudecken und zu bemängeln“. Wulff stellte nicht infrage, dass Journalisten Kritik üben sollten. Er frage jedoch nach dem Wie. Skandale erzeugten mehr Aufmerksamkeit als positive Entwicklungen. Daher verbreite sich das Gefühl, mit dem Land ginge es bergab. Seiner Beobachtung nach hätten immer mehr Menschen den Eindruck, es gehe weniger um Lösungen, sondern Medien verbreiteten eher Negativität und Alarmismus. Journalisten sollten nicht „immer auf das Negative blicken“, sondern auch gute Entwicklungen beschreiben und kommentieren.

Als Ursachen für die zunehmende Unzufriedenheit vieler Bürger nannte er Verunsicherung durch den weltweiten Terrorismus, Globalisierung und „unbewältigte Digitalisierung“, die das „Vertrauen in die Steuerungsfähigkeit der Politik“ minimiert hätten. Über das Internet könne „heute jeder jeden Unsinn zu jeder Zeit rausposaunen“. Umso wichtiger seien verantwortungsvoll arbeitende Redaktionen, die als Mittler eine zuverlässige Berichterstattung ermöglichten. „Früher blieben die Verschwörungstheorien am Stammtisch, heute gehen sie um die Welt“, erklärte der frühere Bundespräsident. Auch Soziale Medien wie Facebook kritisierte Wulff als Datenkraken: „Facebook-Nutzer verlieren ihre Unabhängigkeit.“

„Die Zukunft ist für mich als Christ etwas, was ich beherzt angehen möchte.“

Wulff plädierte für ein Bekenntnis zur Vielfalt und zur internationalen Zusammenarbeit. In Abgrenzung zu Donald Trumps Wahlkampfslogan „America first“ sagte Wulff: „Vielfalt ist etwas, was Deutschland stark gemacht hat. Wir sind ein Land permanenter Ein- und Auswanderungsbewegungen.“ Wulff, der 2010 als amtierender Bundespräsident mit seiner Aussage, der Islam gehöre zu Deutschland, für Aufregung gesorgt hatte, sagte: „Moscheen, Synagogen und Kirchen kommen eigentlich ganz gut nebeneinander aus.“ Vielfältige Gesellschaften seien lebendiger und innovativer. Offenheit gegenüber Kulturen, Religionen und sexuellen Orientierungen spiele eine wichtige Rolle für die Entwicklung einer Gesellschaft. Zugleich bezeichnete Wulff „Multikulti, das reine Nebeneinander“, als gescheitert. Es müsse klare Bedingungen darüber geben, wer „hier leben darf und wer bleiben darf“. 

Sollte in Redaktionen hängen: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“

Wulff zog im Hinblick auf Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland das biblische Gleichnis vom Barmherzigen Samariter heran und erklärte: „Was bedeutet es für den anderen, wenn ich ihm nicht helfe?“ Der Blick von sich selbst weg, hin zum anderen, sei für ihn als Katholiken eine christliche Sicht auf die politische Frage.

Außerdem stellte Wulff fest, dass Respekt und Wertschätzung gegenüber Verantwortungsträgern zunehmend verloren gingen. „Heute haben Sie eine Garantie, dass Sie in der ‚heute-show‘ veräppelt werden, aber keine Aussicht, dass Sie im ‚heute journal‘ gelobt werden.“ Wulff war am 17. Februar 2012 als Bundespräsident zurückgetreten. Am Tag zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Hannover die Aufhebung seiner Immunität wegen Verdachts der Vorteilsannahme beantragt, woraufhin eine öffentliche Schlammschlacht um Wulff begann. 

Vor diesem Hintergrund erklärte der frühere Bundespräsident: „Verantwortungsträger verwalten heute statt zu gestalten. Heute will sich keiner mehr in Gefahr begeben und sich öffentlicher Häme aussetzen.“ Er empfahl, das Bibelwort „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ (Johannes 8,7) in Redaktionen aufzuhängen. Denn: „Es ist einfach, jemanden niederzumachen. Schwieriger ist es, es selbst besser zu machen.“ Pressefreiheit sei deswegen nicht die Freiheit, andere fertig zu machen.

Wulff war vom 30. Juni 2010 bis zu seinem Rücktritt am 17. Februar 2012 der zehnte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Zuvor war er von 2003 bis 2010 Ministerpräsident des Landes Niedersachsen. Am Samstag sprach er im Rahmen der Journalisten-Tagung „publicon“ in Kassel. „Publicon“ ist ein Projekt des Christlichen Medienverbundes KEP. Ziel ist es, Medienschaffende mit christlichem Hintergrund zu vernetzen.

Von: Stefanie Ramsperger

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