Der Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, Matthias Pankau, will vor dem biblischen Hintergrund die Wirklichkeit abbilden

Der Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, Matthias Pankau, will vor dem biblischen Hintergrund die Wirklichkeit abbilden

Matthias Pankau: „Die Kirche darf nicht an den Heilsfragen rütteln"

Seit Beginn des Jahres ist Matthias Pankau Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Am 1. Februar wird der Journalist und Pfarrer vom Landesbischof der sächsischen Landeskirche, Carsten Rentzing, als Nachfolger von Helmut Matthies offiziell eingeführt. Im Gespräch mit pro verrät Pankau, was er ändern will – und was bleibt. Die Fragen stellte Norbert Schäfer

Matthias Pankau wurde geprägt durch die Erfahrung in der ehemaligen DDR, als Christ Teil einer Minderheit zu sein. Pankau wurde 1976 in Leipzig geboren und wuchs dort auf. Die friedliche Revolution 1989 in der DDR hat er nach eigenen Worten als „Befreiungsschlag" erlebt. Denn weil er nicht bei den Pionieren war, sollte er 1990 nach dem Willen der damals Regierenden nach der 8. Klasse von der Schule abgehen. Für Pankau hatte die SED eine Ausbildung zum Uhrmacher oder Fleischer vorgesehen. Durch die Wiedervereinigung standen ihm plötzlich andere Türen offen. Nach dem Abitur volontierte er von 1995 bis 1997 bei idea. Anschließend studierte er Theologie in Oberursel, Heidelberg und Leipzig. Er hatte die Wahl, theologisch gebildeter Journalist zu werden oder ein journalistisch geschulter Pfarrer. Nach Studium und Vikariat entschied sich der Familienvater 2006 für idea und baute im Osten ein Regionalbüro am Standort Leipzig auf. Seit dem 1. Januar 2018 leitet er die Evangelische Nachrichtenagentur idea.

pro: Herr Pankau, Sie haben nach Ihrer Wahl angekündigt, idea werde „auch in Zukunft einen engagierten, christuszentrierten Journalismus betreiben“. Was ist das?

Matthias Pankau: Aufgabe der Medien ist es, Realität so abzubilden, wie sie ist, und zwar nüchtern und sachlich, wenn es um Nachrichten geht. Im Kommentar hingegen gilt es, Dinge sorgfältig einzuordnen und dem Leser Hintergründe zur Entscheidungsfindung zu eröffnen, vor allem auch theologische und historische. Als christliches Medium wollen wir Lesern neben nüchternen Informationen auch Orientierung an Jesus Christus bieten. Der christliche Blickwinkel auf die Welt darf sich nicht nur vom säkularen unterscheiden, mitunter muss er es sogar.

Zum Beispiel?

Nehmen wir das Thema des Flüchtlingszustroms, das bei vielen Bürgern nach wie vor obenauf liegt. Ein christliches Medium sollte ruhig auch die geistliche Frage in den Raum stellen: Hat Gott uns diese Menschen möglicherweise geschickt, damit wir uns auf unseren christlichen Glauben zurückbesinnen? Oder, dass wir lernen, diesen Glauben anderen gegenüber mutig zu bekennen und sie von der Wahrheit Jesu Christi zu überzeugen, wie das ja zum Teil auch geschieht, zum Beispiel in der lutherischen Dreieinigkeitsgemeinde in Berlin, deren Pfarrer Gottfried Martens 1.400 ehemalige Muslime getauft hat? Ob Migranten sich davon angesprochen fühlen, das entscheiden nicht wir. Das dürfen wir getrost dem Heiligen Geist überlassen.

Sie sind lutherischer Pfarrer und wir kommen vom Reformationsjubiläum. Welcher Eindruck ist geblieben bei Ihnen?

Ich habe das Jubiläumsjahr vor allem als eine Art großes Volksfest erlebt. Besonders im Osten hat die Kirche versucht, niedrigschwellige Angebote zu machen. Inwieweit das gelungen ist, wird man wohl erst in einigen Jahren beurteilen können. Blickt man allein auf die Teilnehmerzahlen, war das nicht zufriedenstellend. Zu viele Dinge sind parallel gelaufen – großer Kirchentag, kleine Kirchentage auf dem Weg, die Weltausstellung Reformation in Wittenberg. Da wollte man zu viel auf einmal, ohne viel zu erreichen.

Hat es die Kirche geschafft, Luther zum Thema zu machen?

Luther ja, seine Lehre nein. Viel Umsatz mit Luther-Keksen, Luther-Socken und Luther-Kondomen ja, aber die zentralen Leistungen Luthers nein. Denken Sie an seine Verdienste um die Bildung, Stichwort Schulpflicht, oder das Sozialwesen, Stichwort Leipziger Kastenordnung. Viel Banales wurde über Luther verbreitet, aber seine geniale Berufungslehre, die uns sagt, wie wir in der Welt zu leben haben, wurde unterschlagen: nämlich dass jeder von uns den göttlichen Auftrag hat, in unseren „Ämtern“ — als Journalist oder Putzfrau, Mutter, Polizist oder Schüler — dem Nächsten aus Liebe zu dienen. Das macht uns zu Priestern, sagt Luther: zu Priestern nicht auf der Kanzel, sondern im weltlichen Reich.

Wie viele Zeitgenossen sehnen sich nach geistlicher Orientierung. Leider wurde ihnen in diesem Jahr viel zu wenig davon gesagt, dass wir laut Luther aus Gnade und durch unseren Glauben an Christi Erlösungswerk am Kreuz dazu freigestellt sind, in der Welt unsere Ärmel hochzukrempeln und mitzumischen, ohne uns pausenlos fragen zu müssen: Sündige ich jetzt, wenn ich verstandesgemäß handele?

Das Reformationsjubiläum war geprägt vom Geist der Ökumene. Wie stehen Sie zur ökumenischen Bewegung?

Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Christen in der Minderheit waren. Da war es wichtig, auch über Konfessionsgrenzen hinweg zusammenzustehen. Eine ähnliche Entwicklung beobachte ich heute hierzulande und in anderen Ländern Westeuropas erneut. Die Zahl der Kirchenmitglieder geht zurück. Umso wichtiger wird die konfessionsübergreifende Brüderlichkeit und Zusammenarbeit.

Was meinen Sie konkret?

Die Fronten verlaufen heute nicht mehr schnurgerade zwischen Landes- und Freikirchlern oder zwischen Protestanten und Katholiken. Fromme Menschen, die an die Inhalte des Glaubensbekenntnisses glauben, gibt es unter evangelischen Christen ebenso wie unter katholischen oder orthodoxen. Deshalb halte ich eine solche Ökumene der Bekenntnistreuen, wie ich sie gern nenne, für zukunftsweisend.

idea ist die Nachrichtenagentur der evangelischen Welt. Wird sich das weiten?

Das hat es sich bereits. In den vergangenen Jahren haben wir deutlich mehr aus dem katholischen Bereich berichtet als zuvor. Mit ideaSpektrum wollen wir sowohl evangelischen als auch anderen Christen im deutschsprachigen Raum eine Stimme geben, namentlich auch Gliedern der Märtyrerkirchen, die zu uns geflohen sind, wie Kopten oder Syrisch-Orthodoxen.

Unter Helmut Matthies hat idea die Landeskirchen für ihre vermeintliche Anbiederung an den Zeitgeist gegeißelt. Welche Bedeutung hat für Sie die These: „Ecclesia semper reformanda est" – Die Kirche muss sich immer erneuern?

Zunächst: Wir bei idea verstehen uns ganz klar als Teil der Kirche. Es ist nicht unser Ziel, die Kirchen ständig nur zu kritisieren. Allerdings wir sehen unseren Auftrag auch darin, Fehlentwicklungen beim Namen zu nennen. Nehmen Sie die sogenannte Ehe für alle: Wie kann die Kirche etwas segnen, was Gott nicht gutheißt?

Nun zur sich ständig erneuernden Kirche: Die Institution Kirche war nie statisch. Das heißt, Formen ändern sich – Sprache, Musik, Predigtstil. Auch wenn ich als sächsischer Lutheraner eine gesungene Liturgie bevorzuge, ist mir sehr wohl bewusst, dass das keine Heilsfrage ist. Anders ist das bei den Inhalten. In der Confessio Augustana – dem wichtigsten lutherischen Bekenntnis – heißt es: Die wahre Kirche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden. Wenn Pfarrer also zentrale christliche Bekenntnisse wie die Jungfrauengeburt als Nebensächlichkeit abtun oder behaupten, Jesus sei gar nicht leiblich auferstanden, dann sind das keine Geschmacksfragen, sondern Heilsfragen. An denen darf die Kirche nicht rütteln.

Ein Schwerpunkt der idea-Berichterstattung liegt auf innerkirchlichen Themen. Sie berichten, dass die Kirchen siechen, schwinden, sich in Luft auflösen ... Setzten Sie nicht auf das falsche Publikum?

Im Gegenteil: Erstens müssen wir weitere Horizonte setzen: Nur bei uns in Europa siechen die Kirchen; in Afrika, Asien und Lateinamerika geschieht das Gegenteil. Dorthin müssen wir den Blick unserer manchmal verzweifelnden Leser wenden. Zweitens versuchen wir mit unserer Arbeit ja gerade, etwas gegen diesen Trend zu tun. Wir möchten, dass möglichst viele Menschen erfahren, dass Gott Mensch wurde, um uns ganz nahe zu sein und dass er am Kreuz starb und auferstand, um uns den Weg in den Himmel zu eröffnen. Dies ist das Licht des Evangeliums gerade für unsere düstere Zeit. Dieses Licht müssen wir strahlen lassen, statt auch noch von der Kanzel die Dunkelheit zu propagieren, die jeder von uns in den Abendnachrichten hört. Eine Herausforderung bleibt, neben unseren treuen Stammlesern auch neue zu gewinnen.

Welche Rolle spielen dabei die sozialen Medien?

Die sind der Marktplatz der Gegenwart. Er muss nur verantwortungsvoll benutzt werden. Der große Vorteil der sozialen Medien ist, dass man schnell informiert ist und miteinander in Kontakt treten kann. Der Nachteil ist, dass auch Dinge geschrieben werden, die man so am nächsten Tag oder über ein anderes Medium nicht veröffentlichen würde. Leider unterscheiden sich Christen hier nicht von anderen Social Media-Nutzern: Sie schimpfen, hetzen, beleidigen – besonders gern unter Decknamen. Sie lassen sich zu Äußerungen hinreißen, die sie einem anderen in einem persönlichen Gespräch so wohl nie ins Gesicht sagen würden.

Wie geht Matthias Pankau mit persönlichen Anwürfen um?

Ganz ehrlich: Sie prallen nicht einfach an mir ab – auch wenn mir klar ist, dass man sich nicht jede Anfeindung zu Herzen nehmen sollte. Angriffe gehen mir nahe. Auf der anderen Seite ist mir auch bewusst, dass man gerade in so einer Position zwischen Amts- oder Privatperson unterscheiden muss. Aber ich habe meinen Glauben und eine wunderbare Familie. Die wiegen alle Anfeindungen auf.

Was werden sie als Erstes bei idea abstellen und ändern?

Das klingt, als gäbe es riesigen Handlungsbedarf. Fest steht: Ohne Helmut Matthies stünde idea heute nicht so gut da. Vielleicht existierten wir gar nicht mehr, wie so viele andere Blätter. Inhaltlich stehe ich für Kontinuität. Wie bereits erwähnt, möchte idea evangelischen und anderen Christen, für die das Glaubensbekenntnis der Maßstab ihres Glaubens ist, eine publizistische Heimat bieten. Sicherlich habe ich einen anderen Führungsstil als Helmut Matthies; ich bin teamorientierter. Aber das ist eine Generationsfrage.

Was macht Sie gewiss, dass es mit Ihrem Vorgänger im Amt, der nun in den Vorstand wechselt, funktionieren kann?

Das ausführliche und sehr offene Gespräch, das wir miteinander hatten. Er hat mich offen und ehrlich gefragt, ob ich damit einverstanden wäre. Und ich habe unter gewissen Bedingungen – etwa, dass er sich nicht ins Tagesgeschäft einmischt – zugestimmt. Außerdem: Warum sollte man einen solchen Mann mit seinen Erfahrungen und Kompetenzen, die er noch einbringen kann, ziehen lassen?

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Die Stelle des idea-Leiters ist ja mehr als ein Job. Das ist — lutherisch gesehen — eine Berufung. Ich bin überzeugt davon, dass Gott Menschen beruft und sie an Orte stellt, an denen er sie haben möchte. Als solch einen Ruf habe ich die Anfrage des Vorstands samt allem, was dann folgte, empfunden. Dabei weiß ich wohl, dass nicht alles leicht werden wird und dass die Anfeindungen kommen werden.

Was soll nach zwanzig Jahren Leiterschaft von idea auf Ihrem journalistischen Grabstein stehen?

Wohl am liebsten: „Simul iustus et peccator – zugleich Gerechter und Sünder.“ Denn ich weiß, dass ich ein Sünder bin, der Fehler macht. Viel größer sind meine Gewissheit, meine Freude und mein Vertrauen, dass Christus mich gerecht spricht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Von: Norbert Schäfer

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