Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtet nicht immer neutral, kritisiert der Journalist Michael Voß

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtet nicht immer neutral, kritisiert der Journalist Michael Voß

„Kommentar und Nachricht gehören getrennt“

Der Journalist Michael Voß möchte mit einem „Prüfpfad“ auf seiner Internetseite dazu anleiten, Quellen von Nachrichten zu überprüfen. Im Interview erklärt er, warum das wichtig ist, was der Staat gegen Fake News tun kann und was Mediennutzer über Journalisten wissen sollten.

pro: Was ist Ihr Anliegen mit quellencheck.de?

Michael Voß: Ich habe mich immer geärgert, dass man im Internet so viele Informationen und Nachrichten finden kann, in denen nicht belegt wird, wo die Nachricht herkommt. Auf meiner Quellencheck-Seite kann jeder Nutzer auf einem Prüfpfad mit den Mitteln, die Journalisten auch nutzen, die Quelle einer Nachricht überprüfen. Das Programm erledigt das nicht selber, sondern der Nutzer entscheidet danach: Die Quellenlage in dem Beitrag ist gut oder eher unsicher. Dafür gebe ich Tipps, wie man das macht. Es ist ein bisschen Medienerziehung.

Der Nutzer soll auf Ihrem Prüfpfad Informationen über Quellen zusammentragen. Wie kann er diese dann sinnvoll auswerten?

Der Nutzer kann sich zum Beispiel fragen: Sind Quellen genannt? Werden alle Behauptungen und Aussagen belegt? In manchen Artikeln steht ja nicht, wo die Information her ist. Oder es heißt „sagte ein Polizist“. Aber da steht nicht, welcher Polizist, und die Information ist nicht offiziell von der Pressestelle. Dann: Gibt sich der Autor des Textes zu erkennen, ist das ein Pseudonym oder steht überhaupt kein Name darunter? Gehört der Autor zu einer Interessengruppe oder gibt es Abhängigkeiten, ist er etwa Mitglied in einer Partei? Das muss nicht heißen, dass er lügt, aber dass er bestimmte Interessen hat. Das sollte man im Hintergrund wissen.

Das Ergebnis, ob man einen Beitrag glaubwürdig findet oder nicht, ist für den Nutzer also subjektiv.

Ja, natürlich. Wenn er herausfindet, dass der Autor zum Beispiel in der AfD aktiv ist, würde das bei mir etwa anders ankommen als bei einem, der der AfD nahesteht – der setzt dann vielleicht eher Vertrauen in diesen Autoren. Es kann durch die Recherche bei jedem ein anderer Eindruck entstehen. Das geht auch Journalisten so. Ein Journalist der eher linken Tageszeitung taz hat sicherlich andere Eindrücke als ein Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, weil sie einen anderen Hintergrund haben. Deshalb ist es mir wichtig, dass jeder diese Fragen durchgeht.

Michael Voß ist Redakteur bei MDR Aktuell. Privat betreibt er die Seite quellencheck.de. Dort gibt er Hinweise, wie Mediennutzer die Quellen und Glaubwürdigkeit von Beiträgen untersuchen können. Er lebt in Halle/Saale und gehört einer Pfingstgemeinde an.

Michael Voß ist Redakteur bei MDR Aktuell. Privat betreibt er die Seite quellencheck.de. Dort gibt er Hinweise, wie Mediennutzer die Quellen und Glaubwürdigkeit von Beiträgen untersuchen können. Er lebt in Halle/Saale und gehört einer Pfingstgemeinde an.

Was sollte der Staat angesichts unwahrer Berichte tun?

Die Diskussion über Fake News finde ich gut, weil es dadurch bekannt wird. Wenn die Bundesregierung selber besser informieren und besser auf Kritiker eingehen will, sollte sie das machen. Man sollte den Leuten beibringen, wie sie selber recherchieren können, ihnen Handwerkszeug anbieten, wie man an die Quellen rangeht. Da müsste viel geschehen. In Schulen in Sachsen etwa – darüber habe ich gerade einen Beitrag gemacht –, findet das Thema fast nicht statt, weil die Lehrer oft gar nicht dafür ausgebildet sind.

Was sollte man als mündiger Nutzer über die Funktionsweise der Medien wissen?

Erst einmal sollte man wissen, dass Journalisten Menschen sind wie jeder andere. Es gibt welche, die arbeiten gut, und andere, die arbeiten schlecht. Wir sind in Deutschland nicht irgendein zentral gesteuertes, gesammeltes Medium, wo jeder weiß, was er zu schreiben hat. Wir haben ein paar hundert unabhängige Zeitungsredaktionen, wir haben so viele Radio- und Fernsehsender und man kann über das Internet Medien aus der ganzen Welt nutzen. Wir haben hier ein System von Medien, das überhaupt nicht kontrollierbar ist. Journalisten sind oft querdenkende Leute, die von Berufs wegen sehr vieles hinterfragen. Die lassen sich nicht einfach etwas vorgeben. Wenn man das als Nutzer weiß, kann man da etwas lockerer rangehen und sollte nicht unterstellen, dass Journalisten andauernd vorhaben, Sachen zu fälschen.

„Lügenpresse“ meint ja nicht immer nur Lüge, sondern auch tendenziöse Berichterstattung. Wie viel Haltung darf ein Journalist in die Berichterstattung hineinbringen?

Ich folge da der traditionellen Linie: Wenn ich berichte, dann tue ich das neutral. Wenn ich eine Meinung zu Dingen habe, dann gibt’s die Form des Kommentars. Das Problem sehe ich darin, wenn man Berichte nimmt, um Meinungen weiterzugeben. Deshalb habe ich zum Beispiel mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel große Schwierigkeiten, auch wenn ich ihn gerne lese; aber man muss wissen, da stecken meistens politische Gedanken dahinter. Journalisten sind sehr oft politisch denkende Menschen. Deshalb werden sie immer nur so neutral sein können wie möglich, und wenn sie gut sind, lassen sie Kommentare aus Nachrichten und aus Moderationen von Nachrichtensendungen raus. Das wird nicht überall gemacht. Diese Kritik kann ich verstehen. Aber am wenigsten wird das im Lager der Kritiker gemacht.

Haben Sie schon einmal eine Geschichte nicht gebracht, weil Sie gemerkt haben, dass die Quelle nicht vertrauenswürdig ist?

Vor einem Jahr war ich mit einem Team des MDR auf der Balkanroute unterwegs. Da hat uns einmal ein Flüchtling eine ganz tragische Geschichte erzählt. Ein Kollege hat dann auf dessen Face­bookseite Fotos entdeckt, wo dieser Mensch vor einem ganzen Waffenlager stand. Es gab auch noch andere Indizien dafür, dass er in schmutzige Geschäfte verwickelt sein könnte. Das passte alles nicht zu der Geschichte. Wir konnten ihm nichts beweisen. Aber die Gefahr, dass wir jemanden hatten, der offenbar dort eine falsche Rolle spielte, war zu groß. Deshalb haben wir entschieden, nicht über ihn zu berichten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Jonathan Steinert. (pro)

Von: jst

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