Karikaturen-Streit erreicht Deutschland

B e r l i n (KEP) - Der Streit um die Mohammed-Karikaturen einer dänischen Zeitung vor vier Monaten weitet sich aus. Nun erreicht die stürmische Auseinandersetzung auch Deutschland.

Am 30. September 2005 hatte die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" aus dem dänischen Århus zwölf Karikaturen über den moslemischen Propheten Mohammed abgedruckt. Weltweit fühlen sich seitdem Moslems provoziert, boykottieren dänische Produkte, drohen skandinavischen Bürgern und organisieren Massenproteste.

Die Redaktion der auflagenstärksten Zeitung Dänemarks hatte eine Entschuldigung bis vor kurzem abgelehnt. Feuilleton-Chef Flemming Rose hatte bewusst zur Einsendung von Mohammed-Karikaturen aufgerufen, weil er testen wollte, wie es um die Meinungsfreiheit in Dänemark steht. "Wenn Menschen sich nicht länger trauen, sich öffentlich zu äußern, ist eine Grenze überschritten - dann sind wir wieder bei Salman Rushdie und dergleichen", so Rose.

Der arabische Fernsehsender "Al-Dschasira" berichtete über die Karikaturen und brach damit eine Protestwelle in der islamischen Welt los. Elf Botschafter aus islamischen Ländern schrieben Protest-Briefe an den dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen, an die EU, die OSZE und an UN-Generalsekretär Kofi Annan. In Kopenhagen demonstrierten 3.500 Moslems. Islamisten in Pakistan setzten ein Kopfgeld von rund 6.000 Euro für die Ermordung der Karikaturisten aus.

Eine dänische Lebensmittelkette erklärte, der Boykott ihrer Produkte sei ein ernstes Problem. Das Außenministerium in Kopenhagen riet von Reisen in mehrere arabische Länder ab. Skandinavier sollten den Gazastreifen verlassen.

"Die haben gewonnen"

Am Montag ruderte die Zeitung "Jyllands-Posten" zurück. Chefredakteur Carsten Juste sagte, angesichts von Straßenprotesten, Boykottaktionen und Angriffen aus arabischen Ländern müsse er " zutiefst beschämt zugeben, dass die anderen gewonnen haben". Er hätte vor vier Monaten niemals die Zustimmung zum Abdrucken der Zeichnungen gegeben, wenn ihm die Folgen damals schon klar gewesen wären. Die Zeitung veröffentlichte am Montag eine Entschuldigung. Man wolle sich bei Moslems entschuldigen, die sich durch die Zeichnungen beleidigt gefühlt hätten.

Auch Ministerpräsident Rasmussen, der bislang auf die Meinungsfreiheit in seinem Land verwies, zeigte sich erschüttert über die Reaktionen der Moslems. Sein Land müsse es nun "mit nicht steuerbaren Kräften" aufnehmen, sagte Rasmussen gegenüber der dänischen Zeitung "Berlingske Tidende". Er kündigte eine umfassende diplomatische Initiative zur Beruhigung in den islamischen Ländern an. Das dänische Außenministerium ließ über seine Botschafter in islamischen Ländern ausrichten, dass man "Verständnis" für den "Zorn und die Betroffenheit" von Muslimen wegen der Zeichnungen habe.

Entschuldigung abgelehnt

Die Entschuldigung wird nicht überall angenommen. Am Mitwoch gab es erneut Massendemonstrationen in islamischen Ländern. In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa demonstrierten 80.000 Frauen gegen die dänische Zeitung. Wütende Studentinnen verbrannten dänische Fahnen. Sie trugen Transparente mit Aufschriften wie "Eine Beleidigung unseres Propheten ist eine Beleidigung für uns" und "Unterstützt den Islam durch den Boykott dänischer Produkte". In Tunis forderten 17 Innenminister aus den Ländern der Arabischen Liga von der dänischen Regierung die Bestrafung der Verantwortlichen für die Karikaturen. Wie der "Spiegel" berichtet, begrüßte die islamische Glaubensgemeinschaft in Dänemark die Erklärung der Zeitung zunächst. Nach einem von Treffen von 27 islamischen Gruppen hieß es jedoch, die Formulierung sei nicht eindeutig, und die Zeitung entschuldige sich nicht klar für die Beleidigungen.

Bombendrohungen gingen am Dienstag in den Büros der "Jyllands-Posten" in Kopenhagen und im Westen Dänemarks ein. Die Häuser mussten geräumt werden. Die Polizei fand jedoch keine Sprengsätze. In Internet-Foren rufen Islamisten dazu auf, die Server der Zeitung lahmzulegen. "Spiegel Online" zitiert aus einem Forum: "Brüder, heute werden wir, mit Gottes Erlaubnis, damit beginnen, die Website der dänischen Zeitung lahm zu legen, die sich über unseren ehrenwerten Propheten lustig gemacht hat." Ein Autor erklärt, wie man einen Internet-Server angreift.

In Paris trat die Zeitung "France-Soir" die Flucht nach vorne an. Sie druckte am heutigen Mittwoch alle zwölf umstrittenen Karikaturen auf der Titelseite ab. Dazu schrieb sie den Satz: "Ja, man hat das Recht, Gott zu karikieren." Daneben stellte sie eine Karikatur, auf der Buddha, der christliche und jüdische Gott sowie Mohammed zu sehen waren. Gott sagt zum islamischen Propheten: "Beklag Dich nicht, Mohammed, wir alle werden hier lächerlich gemacht." Auch eine norwegische Zeitung druckte die zuerst von "Jyllands-Posten" veröffentlichten Karikaturen nach.

Pressekodex schützt "sittliches und religiöses Empfinden"

Am Mittwoch zogen nun auch deutsche Zeitungen nach. Die "Berliner Zeitung" druckte auf der zweiten Seite einige der Karikaturen ab, und die "Welt" brachte die Geschichte mit einer Zeichnung auf die Titelseite. Andere Karikaturen fanden sich im Innenteil

Der Deutsche Journalistenverband (DJV) kritisierte den Schritt der deutschen Zeitungen. DJV-Sprecher Hendrik Zörner verwies auf den Pressekodex, in dem es unter Ziffer 10 heißt: "Veröffentlichungen in Wort und Bild, die das sittliche oder religiöse Empfinden einer Personengruppe nach Form und Inhalt wesentlich verletzen können, sind mit der Verantwortung der Presse nicht zu vereinbaren." Der Presserat habe in ähnlichen Fällen bereits Rügen erteilt, hieß es weiter, dabei wurde das christliche Empfinden verletzt.

Zörner räumte ein, dass die Zeitungen mit der Chronistenpflicht argumentieren könnten. Dafür hätte sich die "Welt" jedoch auf eine einzige Karikatur beschränken können.

Der Presserat reagierte bislang zurückhaltend. Wenn Beschwerden über die Abdrucke eingingen, werde man prüfen, ob sie gegen den Pressekodex verstoßen, sagte Arno Weyand vom Presserat gegenüber der "Netzeitung". Die beiden deutschen Zeitungen seien jedoch nicht die Urheber der Karikaturen, daher könne man ihnen nichts vorwerfen.

Im islamistischen Internet-Forum "al-Hisba" schrieb laut "Spiegel Online" ein Teilnehmer: "Die deutsche Zeitung 'Die Welt' hat keinen anderen Weg gefunden, sich mit dem Thema der Bilder vom Propheten zu befassen, als diese Bilder zu verbreiten - auf ihrer Titelseite!" Ein anderer ruft auf: "Wir müssen ihnen Widerstand entgegensetzen, dem ganzen Westen."

Von: js

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