Der Spieler gerät in dem Computerspiel „One of the 500“ in den Konflikt zwischen Römern und aufständischen Zeloten zu Zeiten Jesu in Kapernaum

Der Spieler gerät in dem Computerspiel „One of the 500“ in den Konflikt zwischen Römern und aufständischen Zeloten zu Zeiten Jesu in Kapernaum

Mit Spielspaß die Bibel zocken

Das Computerspiel „One of the 500“ will von Jesus erzählen und gerade auch Spieler ohne christlichen Hintergrund anziehen. Der anspruchsvolle Spagat soll sieben Millionen Euro kosten.

„Die einzige Möglichkeit, dass wir uns mit biblischen Inhalten auseinandersetzen, wäre, wenn wir sie zocken könnten.“ Das sagten Jugendliche zu Amin Josua bei einer Gruppenarbeit in der Schule. Der heute 31-Jährige schrieb damals als Theologiestudent an seiner Dissertation und forschte zu Kommunikationswegen, junge Menschen für das Evangelium zu begeistern. Das war der Moment, wo es bei Josua Klick machte. Er selbst hatte in seiner Jugend leidenschaftlich gerne Computerspiele gedaddelt. „Warum gibt es weltweit noch kein einziges Produkt im Gaming-Bereich, mit dem man auf einem hohen Qualitätslevel die Bibel erkunden kann?“, fragte er sich. „Das ist eine total verpasste Chance, das muss irgendjemand mal machen.“

Am 4. März stellt Josua stolz den Innovationspreis des Kongresses christlicher Führungskräfte auf die Bar-Theke des Wizeman-Space in Stuttgart. In diesem Gebäude, wo seine Start-up-Firma Lightword Productions ihr Büro hat, teilen sich mehrere Unternehmen die Räumlichkeiten. Diese sehen halb nach Werkstatt, halb nach lässigem Hipster-Treffpunkt mit Retromöbeln aus. Den Preis haben er und sein junges Team gerade für das Computerspiel „One of the 500“ gewonnen. Der Protagonist des 3D-Rollenspiels ist der 15-jährige Fischersohn Benjamin. Die fiktive Figur wächst zu Zeiten Jesu in Kapernaum auf, wo er in den Konflikt zwischen Römern und aufständischen Zeloten gerät. Der Entwicklungsprozess des Spiels, dessen Name an einen Bibelvers (1. Korinther 15,6) angelehnt ist, befindet sich noch ziemlich am Anfang. Die Firma gibt es erst seit vergangenem Oktober.

Das Team um Josua, das inzwischen auf mehr als 20 Mitarbeiter angewachsen ist, denkt aber groß: Bis zu sieben Millionen Euro soll die Spielproduktion kosten. Sie haben nicht nur Christen, sondern vor allem Spieler im Blick, denen die Berührungspunkte mit der Bibel bislang fehlen. „Wir wollen einen niederschwelligen Einstieg in die Evangelien bieten. Deswegen muss das Spiel auch sehr viel Spaß machen“, sagt der 26-jährige Robin Zimmerman, der bei Lightword Productions als Spieleentwickler arbeitet.

Das Lightword-Productions-Kernteam (v.l.): Robin Zimmerman, Joel Meyer, Amin Josua mit Innovationspreis, Benjamin Schnabel, Anette Heydemann-Obradovic

Das Lightword-Productions-Kernteam (v.l.): Robin Zimmerman, Joel Meyer, Amin Josua mit Innovationspreis, Benjamin Schnabel, Anette Heydemann-Obradovic

Lügen oder lieber nicht?

Ein erster spielbarer Prototyp von „One of the 500“ bietet flüssige Bewegungen des Protagonisten Benjamin, der schon gehen, rennen, hüpfen und sich abrollen kann. Im Wasser hat er allerdings Probleme, weil die Physikeinstellungen des Programms noch nicht perfekt kalibriert sind. Der schwarzhaarige Wuschelkopf schwimmt nicht durch das Wasser, er spaziert lieber auf dem Boden des Sees Genezareth. Mit dem Joypad kann der Spieler den Fischerjungen, den er über die Schulter beobachtet, in alle Himmelsrichtungen schauen lassen.

Der Spieler kann sich frei entscheiden: Mischt er sich als Benjamin in den Konflikt zwischen Römern und Zeloten ein? Wie verhält er sich, wenn er den Hauptmann von Kapernaum trifft? Hilft er Menschen oder nutzt er sie aus? In Dialogen zu lügen und zu betrügen, bringt im Spiel weltliche Vorteile. An späteren Stellen können die Entscheidungen aber wie ein Bumerang negativ zurückkommen. Von den Taten Jesu erfährt der Spieler zuerst indirekt, indem er mit Menschen interagiert, deren Leben der Sohn Gottes berührt hat. Je länger das Spiel dauert, desto näher rückt aber auch eine mögliche persönliche Begegnung.

„Amin hatte genaue Vorstellungen, wie der fiktive Fischerjunge aussehen sollte“, erklärt die Concept-Art-Zeichnerin Anette Heydemann-Obradovic. Der Charakter sei ein Freigeist. Dementsprechend habe er auch eine Wuschelkopf-Frisur. Sie zeigt an ihrem Bildschirm die Entwürfe, wie sie den Jungen digital auf ihrem Computer-Pad gemalt hat. Ihre visuellen Umsetzungen schickt die 27-Jährige an das christliche Art-Studio Waouh nach Madagaskar, mit dem Lightword Productions zusammenarbeitet. Die Mitarbeiter bauen den Jungen als 3D-Figur zusammen und schicken ihn über das Internet zurück nach Stuttgart.

Göttliche Fügung

Heydemann-Obradovic war sich zuerst nicht sicher, ob das Studium der Audiovisuellen Medien das Richtige für sie ist. Jetzt ist sie hier für Concept- und 3D-Art des Spiels zuständig. „Wenn ich kein Vertrauen in Gott hätte, hätte ich das Projekt nie gemacht“, erzählt sie. Es sei „voll das Abenteuer“. „‚Zufall‘ ist ein säkulares Codewort für göttliche Fügung“, grinst Josua. Heydemann-Obradovics Orientierungsjahr nach dem Studium wirke im Nachhinein so, als ob sie mit ihren Qualifikationen auf Lightword Productions gewartet hätte.

Auch Kollege Zimmerman pflichtet bei: Alles, was er davor getan habe – sein Game-Development-Studium, seine vierjährige theologische Ausbildung –, sei ein Zeitschinden mit der Hilfe von Gott gewesen, damit er jetzt bereit für dieses Spieleprojekt sei. „Jesus Christus ist für uns alle im Team der Mittelpunkt des Lebens. Ich sehe mich als Multiplikator des Evangeliums und will das in der bestmöglichen Form tun“, sagt Josua. Zimmerman erzählt: „Amin ist ein Theologe, der an der Uni studiert hat, ich habe ein theologisches Seminar besucht. In unserem Team ist einer aus einer Pfingstgemeinde, ein anderer kommt aus einer Freien evangelischen Gemeinde, wieder ein anderer ist gläubig, aber noch nicht getauft – wir sind komplett ökumenisch aufgestellt.“ Die theologischen Unterschiede seien sogar hilfreich bei der Entwicklung des Spiels, weil so viele unterschiedliche Einflüsse und Perspektiven zusammenkämen.

Freie Wahl: Der Spieler kann Schafe hüten oder sie stehlen

Freie Wahl: Der Spieler kann Schafe hüten oder sie stehlen

Das Team zeigt einen gezeichneten Plan­entwurf von Grundmauern. „Wir bauen gerade mit Hilfe von theologisch relevanten Funden so detailgetreu wie möglich Kapernaum nach“, erklärt Zimmerman. Archäologen fanden am Ort, wo Jesus gelebt hat, verschiedene Schichten aus den unterschiedlichen Jahrhunderten. In ihrem 3D-Nachbau gibt es bereits einige Gebäude und viele Pflanzen. Aber natürlich werde es auch ein wenig Fiktion geben, weil gar nicht mehr klar sei, wie es damals genau ausgesehen habe.

„Die Spielmechanik soll bei uns eine religiöse Bedeutung bekommen“, hofft Josua, der bei anderen christlichen Spielen beobachtet hat, dass das fast nie erreicht wird. Spielmechanik und die zu überliefernde Botschaft korrespondierten selten. „Wenn ich dir eine Jacke gebe, ist das eine mechanische Handlung ohne große Bedeutung. Aber wenn die Jacke meine Jacke ist, und ich gebe sie einem Mann, der bei minus 20 Grad kurz vor dem Erfrieren ist, dann ist die gleiche Mechanik extrem aufgeladen.“

Defensives Kampfsystem

Gleichermaßen christliche und nicht fromme Spieler zufriedenzustellen, ist der anspruchsvolle Spagat, den die jungen Entwickler versuchen. Zum Start haben sie dafür 300.000 Euro Förderung von der Evangelischen Kirche in Würt-temberg erhalten. „Jugendliche wollen nicht missioniert werden. Wenn sie merken, dass das Spiel nur dazu da ist, entstehen Abwehrreflexe“, sagt Zimmerman. Das Team arbeitet gerade an einem Kampfsystem für das Spiel. Es soll defensiv orientiert sein. Körperlich sei der 15-jährige Protagonist den erfahrenen römischen Berufssoldaten unterlegen. Es gehe eher um die Vermeidung von Kämpfen. Wenn es doch zur Auseinandersetzung kommt, soll das Ausweichen und Ablenken im Mittelpunkt stehen. Damit besitzt „One of the 500“ zwar ein Alleinstellungsmerkmal. Aber im harten internationalen Konkurrenzkampf verlangen die Spieler gerade im Genre des 3D-Adventures nach Action.

Die angedachten sieben Millionen Euro Produktionsbudget klingen riesig, sind aber am weltweiten Markt orientiert. Lightword Productions strebt ein hybrides Finanzierungsmodell aus größeren Investoren und Crowdfunding von Interessierten an, die mit kleinen Beträgen das Projekt unterstützen. Josua will jetzt die zweite Finanzierungsstufe erreichen. Dann sollen die ersten beiden Spielepisoden, an deren Handlung der Schriftsteller Titus Müller mitgeschrieben hat, produziert und veröffentlicht werden. Diese Kapitel finanzieren im Idealfall durch ihre Einnahmen die nächsten Episoden.

Momentan gibt es bei Lightword Productions viele Träume: Dass zum Beispiel die erste Episode von „One of the 500“ bereits in diesem Weihnachtsgeschäft erhältlich sein wird oder dass das Team neben dem Fischerjungen Benjamin auch eine weibliche Hauptfigur entwickeln kann. Greifbar ist jetzt auf jeden Fall schon die Begeisterung des Teams für das verheißungsvolle Projekt.

Diesen Artikel finden Sie auch in der Ausgabe 2/2019 des Christlichen Medienmagazins pro. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/5667752, via E-Mail an info@pro-medienmagazin.de oder online.

Von: Michael Müller

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