Medienpädagoge Stefan Piasecki: „Medienbildung darf kein Spartenfach sein von Freaks"

Medienpädagoge Stefan Piasecki: „Medienbildung darf kein Spartenfach sein von Freaks"

„Smartphones dürfen nicht zum Fetisch werden"

Immer mehr Kinder verbringen immer mehr Zeit mit mobilen Geräten wie Smartphones oder Tablets. Bei vielen stehen sie auf dem Wunschzettel ganz oben. Im pro-Interview erklärt Medienpädagoge Stefan Piasecki, warum das schnell zur Sucht werden kann und wie Kinder einen verantwortungsvollen Umgang mit den Geräten lernen können.

Smartphones, Tablets und Computer werden für Kinder in Deutschland immer wichtiger. Das belegt eine Studie über das Konsumverhalten von Heranwachsenden. Bei 41 Prozent der befragten Vier- bis 13-Jährigen steht ein Smartphone ganz oben auf dem Wunschzettel. Die Gefahr, dass aus der Nutzung eine Sucht wird, ist groß. Eine Untersuchung der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen zeigt, dass 5,7 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 24 Jahren von der Sucht, nach dem Smartphone zu greifen, betroffen sind. Der Internet- und Technologiekonzern Google rüstet sein neues Betriebssystem „Pie" für Smartphones mit einer Software aus, die das Nutzungsverhalten dokumentiert. Die App soll vor dem exzessiven Gebrauch der Geräte warnen und damit die Suchtgefahr verringern. pro hat mit dem Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW, Stefan Piasecki, gesprochen. Bis Januar dieses Jahres hatte er den Lehrstuhl für Soziale Arbeit und Medienpädagogik an der CVJM-Hochschule Kassel inne.

pro: Herr Piasecki, wie oft greifen Sie täglich zum Smartphone?

Stefan Piasecki: Ich nutze mein eigenes mobiles Endgerät, wie die Dinger ja auch heißen, recht oft. Ich sende und empfange aber vor allem Nachrichten. Immerhin lehre ich neben meiner Professur auch im Rahmen meiner Privatdozentur an der Uni sowie lehre und publiziere international. Von daher ist es für mich vor allem ein Arbeitswerkzeug und kein Ersatz für soziale Kontakte oder realweltliche Erlebnisse.

Reglementieren Sie sich selbst?

Wie Sie das sagen, klingt das fast nach Selbstkasteiung. Aber Sie haben schon recht. Ich reglementiere mich gezwungenermaßen wirklich selbst, sonst würde ich meine Arbeit gar nicht schaffen. Ich muss aber auch zugeben, dass ich nach konzentrierten Arbeitsphasen das Smartphone schon auch zur Ablenkung nutze. Wenn man einen komplizierten Gedanken zu Papier gebracht oder eine anstrengende Thematik in einer Lehrveranstaltung integriert hat, dann schaue auch ich kurz auf Ebay nach oder sehe mir die Nachrichtenschlagzeilen an. Eine Ablenkung hin und wieder ist nicht schlecht, sie inspiriert ja auch. Aber das Smartphone sollte ein Werkzeug bleiben und nicht zum Fetisch werden.

Wie bewerten Sie die Wirksamkeit technischer Hilfsmittel zur Suchtprävention auf Smartphones?

Mit „Menthal" ist bereits 2014 eine von den Kollegen an der Uni Bonn entwickelte App erschienen, die die Nutzungszeit bei Smartphones aufgezeichnet hat. Das hat vielen Nutzern erstmals die Augen geöffnet, nicht nur, wie sehr sich bereits ihr Freizeit-, Unterhaltungs- oder Einkaufsverhalten geändert hat, sondern auch, wie viel Zeit dafür wirklich aufgewandt wird. Technische Vorkehrungen sind mit Sicherheit ein vernünftiges Hilfsmittel, denn letztlich wird jeder die Entscheidung selber treffen müssen, ob man die Funktion aktiviert oder nicht. Ich sehe diese eher als ein Puzzleteil dabei, den Menschen dabei zu helfen, ihren Alltag selbstbestimmt zu gestalten.

Wichtiger als alles andere ist aber das Bewusstsein von Nutzern, womit sie da umgehen. Viel zu lange wurde in den Schulen die Vermittlung von Medienkompetenz vernachlässigt. Menschen, jungen wie auch älteren, zu verdeutlichen, dass ihr Smartphone viele Nutzungsmöglichkeiten bereit hält, ist das eine. Sie weiterhin für die Realwelt zu interessieren, für Menschen und witzige wie auch ängstigende Themen, bekommt man aber nicht über eine Sperre im Android oder iOS hin, sondern nur durch ein Gesamtlebenskonzept, in dem Smartphones ihren wichtigen Platz zwar beibehalten, aber dennoch nicht verabsolutiert werden. Kennen Sie den Begriff der „autogenen Langeweile“? Als Sie und ich jünger waren, irgendwann in den 70er oder 80er Jahren, gab es maximal drei TV-Programme, die nicht vor 18 Uhr sendeten. Was haben wir bei Langeweile getan? Diese gestaltet: Geschichten geschrieben, Brettspiele erfunden, Streiche ausgeheckt – und damit Kompetenzen entwickelt, von denen wir heute noch zehren. Selbst aktiv werden muss heute niemand mehr, der das nicht will. Diese Möglichkeit wieder zu erspüren, Lust auf den doofen, tollen, wahnwitzigen oder öden Alltag zu kriegen, darum sollte es gehen.

Sollte die Verweildauer der Kinder am Smartphone nicht besser an die Eltern gemeldet werden? Den Kindern ist eine Statistik doch egal, oder?

Gegenfrage: Können Eltern mit Statistiken was anfangen? Eltern, die ihre Kinder sonst vor dem Fernseher, der Playstation etc. parken, wird das nicht besonders wichtig sein. Wenn sie überhaupt selber zuvor über ihren eigenen Medienkonsum nachgedacht haben. Vor allem: Viele Eltern müssen selbst erst einmal ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Kinder Zukunftskapital sind, das zu entwickeln ist. Wertvolle Pflanzen, Kunstwerke mit Bewusstsein, die Aufmerksamkeit und Pflege brauchen – in jedem Alter. Ich gebe zu, dass ich diese Einsicht erst durch eigene Kinder, ein gewisses Lebensalter und die wissenschaftliche Beschäftigung mit Medien entwickelt habe. Früher habe ich als Jugendlicher viele Nachmittage durchgespielt, was mir heute ein Stück weit verschwendet vorkommt. Spiele sind Kulturgüter, ich wende mich nicht grundsätzlich dagegen. Aber sie sind eben auch wie Schokolade, die leichter verfügbar als eine Stulle ist: den Schokoriegel werfe ich ein, das Butterbrot muss ich erst machen, es sind mühsame Entscheidungsvorgänge notwendig. Habe ich an einem Nachmittag nichts vor, kann ich mich also selbstwirksam betätigen und dennoch unterhalten lassen; alternativ müsste ich die Mühe auf mich nehmen, irgendwo hinzugehen und Leute zu treffen. Diese Entscheidung wird meistens unterbewusst gefällt. Man macht, was einfacher erscheint.

Sie sind auch Jugendmedienschutzgutachter der FSK. Sollten im Sinne der Medienkonvergenz solche Funktionen generell greifen, oder sich auf die Nutzung von Facebook und YouTube beschränken? Was spricht für das eine, was für das andere?

Wenn wir Ihren Gedanken weiter verfolgen, wird ein Wettrüsten der Beschränkungen absehbar. Bereits jetzt können ja iTunes, Amazon, Spielekonsolen etc. so eingestellt werden, dass nur bestimmte Inhalte, etwa gemäß Altersfreigaben, gezeigt werden oder man nur eine bestimmte Zeit schauen kann. Bei Fernsehern ist das auch möglich. Wenn jetzt noch die Firmen oder sogar der Gesetzgeber angerufen würden ... ich ahne Schlimmes. Geben Sie dem Menschen Kontrolle, wird er sie nutzen. Wir haben ja bereits jetzt an so vielen Stellen staatliche Beschränkung und Bevormundung zu berücksichtigen, dass man die freiheitliche Gesellschaft langsam suchen muss. Und wollen wir die Firmen noch dazu ermutigen, uns noch mehr zu kontrollieren, zu „tracken“ oder Profile von uns anzulegen darüber, was wir „nicht“ sehen wollen?

Ich habe das Thema vor wenigen Wochen in einem großen Aufsatz für die Uni Istanbul bearbeitet. Datensammler jubeln über jeden guten Grund zum Zugriff! Wenn ich als Data Miner erfahre, dass ein Nutzer nur zwei Stunden am Tag für Datenströme verfügbar sein will, muss ich als nächstes noch herausfinden, was er im Rest der Zeit tut – denn dafür gibt es viele tolle Angebote, die ich unterbreiten kann. Nichts gegen Apple und Google. Was deren Ingenieure leisten und der Wagemut ihres Managements sind beispiellos. Denken wir mal daran, dass vor einigen Jahren Fahrzeuge von Google die Straßen der Welt abgefahren haben und wir heute ohne jeden Gedanken daran diese Arbeitsergebnisse für die Navigation oder zur Orientierung im Stadtbild nutzen – und zwar zunächst kostenlos. Aber wir leben auch im Kapitalismus. Alle Daten sind verwertbar. Auch eine Zeitbeschränkung kann kommerzialisiert werden. Umschrieben mit dem harmlosen Begriff des „Nudgings“ werden wir doch längst manipuliert: von der Wirtschaft, den Medien, der Politik. Jeder kocht sein Süppchen mit unseren Daten und bringt uns dazu, dass wir es umso dankbarer auslöffeln. Nein, was wir dringend brauchen, ist eine Gesellschaft, die das selbst bestimmte Individuum wieder wertschätzt. Und wir brauchen Individuen, die wieder wissen, dass sie nicht nur Bots sind, die auf die Kommandos anderer warten und dann reagieren. Womit wir wieder bei dem Thema Medienbildung sind ...

Was ist aus Ihrer Sicht als Medienpädagoge zu tun, damit Kinder und Jugendliche nicht durch Smartphones in eine Abhängigkeit abrutschen?

Medienbildung darf kein Spartenfach sein von Freaks oder von Interessierten – oder als solches angesehen werden von Leuten, die vielleicht in Leitungspositionen in Bildungseinrichtungen sind, aber dennoch vollkommen planlos durch die Welt schreiten, was ich für äußerst verantwortungslos halte. Medienkompetenz gehört generell überall auf den Lehrplan. Und zwar als Hauptfach. Hochprofessionell Medienthemen zu besetzen ist wichtig für jeden, der mit Menschen arbeitet, und man sollte als Kunde nachdenklich und kritisch werden, wenn es an einer Bildungseinrichtung nachrangig besetzt oder nicht offensiv angeboten wird. Was wohl gerade im christlichen Sektor eher die Regel sein dürfte und sich aus vielen Faktoren erklärt: überaltertes Personal, Technikangst, Weltfremdheit, vielleicht auch Desinteresse ...

Haben Ihre Kinder ein Smartphone?

Unsere Tochter hat eines, aber sie geht als Jugendliche sehr verantwortungsbewusst damit um. Unser Sohn als Grundschüler natürlich noch nicht, aber er kapert leidenschaftlich gerne das iPad meiner Frau. Sie ist Erzieherin und dass beide Kinder Medien verantwortungsbewusst nutzen, ist vor allem ihr Verdienst.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Norbert Schäfer

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