In dem geleakten Clip propagiert Google die Idee, dass Nutzerdaten nicht dem User, sondern der Gesellschaft gehören und immer weitergegeben werden sollten

In dem geleakten Clip propagiert Google die Idee, dass Nutzerdaten nicht dem User, sondern der Gesellschaft gehören und immer weitergegeben werden sollten

„Verschreckend“: Video zeigt, wie Google die Gesellschaft umgestalten will

Ein nun geleaktes Video von Google, das nur für den internen Gebrauch gedacht war, zeigt eine Zukunft, wie sie sich der IT-Konzern vorstellt. Durch immer größer werdende Datensammlungen will das Unternehmen Nutzerverhalten vorhersagen – und die Gesellschaft steuern.

Was wäre, wenn unsere Online-Nutzerdaten die DNA unseres Verhaltens sind? Und Google benutzt diese, um langfristig die Gesellschaft zu verändern? Es klingt nach einem Sciencefiction-Film, aber genau dieses Konzept verfolgt der Software-Riese in seinem Video „The Selfish Ledger“ (Das egoistische Hauptbuch/Journal). Es war vor Kurzem unfreiwillig an die Öffentlichkeit gekommenen. Der 2016 produzierte fast neunminütige Clip war eigentlich allein für den internen Gebrauch gedacht.

Nicht die Eigentümer unserer Daten?

In dem Video sieht der Zuschauer, dass Google durch ständiges Datensammeln und den Einsatz von künstlicher Intelligenz die Probleme eines jeden einzelnen Menschen mit einer auf ihn angepassten Strategie lösen will. Zugleich will es der Konzern auch mit den Problemen und Herausforderungen der gesamten Menschheit aufnehmen. Der freie Wille bleibt bei diesem Konzept auf der Strecke. Auch ethische Aspekte sind in dieser Zukunftsversion des Konzerns komplett außen vor.

Das amerikanische Technikportal The Verge veröffentlichte das Google-Video Mitte Mai. In dem geleakten Clip propagiert der Softwarekonzern seine Idee zu Nutzerdaten: „Was ist, wenn wir uns selbst nicht als die Eigentümer dieser Informationen sehen, sondern als die Hüter, als vergängliche Boten oder Verwalter?“ Breche man dieses Google-Konzept herunter, bedeute dies, unsere Daten gehörten uns nicht, sondern stattdessen der Gesellschaft und den Gesellschaften, die noch kommen.

Google: „Video soll besorgniserregend sein“

Jake Kastrenakes, ein Redakteur der Tech-Seite The Verge, sieht das Video sehr kritisch und beschreibt es online als „besorgniserregend“ und „merkwürdig“. Auf eine Anfrage des Portals antwortete Google: „Wir verstehen, dass es besorgniserregend ist – es wurde dafür entworfen, genau das zu sein. Dies ist ein Gedanken-Experiment des Konzipierungsteams und ist einige Jahre alt. Es nutzt eine Technik, die bekannt ist als ,spekulatives Design‘, um unangenehme Ideen und Konzepte zu entdecken, und daraufhin Diskussionen und Debatten zu provozieren.“ Weiter sagte Google: „Es hat keine Verbindung zu irgendwelchen aktuellen oder zukünftigen Produkten.“

Das Video reist durch unterschiedliche evolutionsbiologische Theorien. Schließlich erklärt es, dass bei der Nutzung moderner Technologien Daten entstehen. Werden diese analysiert, zeigen sie konkrete Handlungen, Entscheidungen, Präferenzen, Bewegungen und Beziehungen. „Diese kodifizierte Version davon, was wir sind, wird immer komplexer, entwickelt sich, verändert und verformt sich – basierend auf unseren Handlungen“, heißt es in dem Clip. Alle diese Informationen gehörten in ein sogenanntes „Ledger“, eine Art persönliches Journal oder auch Geschäftsbuch, und seien damit „eine sich konstant entwickelnde Repräsentation von dem, was wir sind“. Der Journalist Michael Moorstedt schreibt in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung: „Dieser Ledger jedenfalls soll nicht weniger sein als ein Buch des Lebens.“

„Immer akkuratere Vorhersagen über zukünftiges Verhalten“

Google möchte die Verantwortung übernehmen für die Herausforderungen, die Ziele und Probleme des individuellen Nutzers und ihm Vorschläge zur Lösung bieten. Egal ob es darum geht, sich gesünder zu ernähren, die Umwelt zu schützen oder lokale Firmen zu unterstützen. Wenn dem System bestimmte Daten fehlen, um den User besser zu verstehen, sucht es nach einer Möglichkeit, diese zu bekommen. Ist etwa das Gewicht des Nutzers unbekannt, – das ist ein Beispiel in dem Film –, bietet das „Selfish Ledger“ etwa dem User eine Waage zum Kauf an. Um allerdings das Interesse konkret zu wecken, ist dieses Gerät nach dessen bereits bekanntem Geschmack entworfen und gebaut. Kauft sich der Nutzer die Waage und wiegt sich, könne Google seine Wissenslücke schließen – und „sein Modell des menschlichen Handelns verfeinern“, heißt es in dem Video.

Die Benutzerdaten hätten laut Google die Fähigkeit, über die biologischen Grenzen hinweg zu überleben. Sehe man Benutzerdaten als „multigenerational“ an, ergebe sich die Möglichkeit und der Nutzen für zukünftige Generationen, von dem Verhalten und Entscheidungen zu profitieren. Mit der Datensammlung werde es Google stetig besser möglich, „immer akkuratere Vorhersagen zu machen über Entscheidungen und zukünftiges Verhalten“.

Google will „Richtung angeben“

Das Video propagiert Nutzen für zukünftige Generationen. „Speziesweite Probleme“ wie Depressionen, Gesundheitsprobleme und Armut sollen mit dem System angegangen werden. Der Effekt sei multiplizierbar und immer neue Vorhersagen würden möglich. Das ganze Video ist untermalt von sich wiederholenden, sanften Klavierklängen, die wirken, als sollten sie den Zuschauer zum Meditieren bringen und ihn beruhigen. Ein Kontrast zu dem besorgniserregenden Google-Video, das keinen Platz kennt für den freien Willen.

Das Google-System soll irgendwann einmal nicht mehr nur das Verhalten verfolgen, „sondern die Richtung angeben für entsprechende gewünschte Resultate“. Schließlich heißt es, dass wir „erst am Anfang dieser Reise sind“. Und natürlich gehe es stets um den Nutzen für die Menschen – für diese Generation, für die zukünftige Generation und für „die Spezies als Ganzes“. Kastrenakes, ein Journalist der Internetseite, die das Video online gestellt hat, sagt: „Diese Daten sind allerdings nicht repräsentativ für alle Menschen. Es geht nur um Google-Nutzer.“ Beängstigend sei das Konzept aber trotzden, erklärt er, weil es keine weltweiten ethischen Standards gibt, die Technikfirmen verbieten, nicht im Leben ihrer Kunder „zu pfuschen“.

Von: Martina Blatt

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