Mehrere Millionen Male twitterten Nutzer #JeSuisCharlie
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Mitte Juli postete der im Irak lebende Amerikaner Jeremy Courtney den Hashtag #WeAreN auf Twitter, um sich mit verfolgten Christen zu solidarisieren
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Michelle Obama unterstützte die Social-Media-Kampagne #BringBackOurGirls
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Solidarität, aber nicht für alle

Der Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo löste in den sozialen Netzwerken eine Welle von Solidaritätsbekundungen aus. Das Attentat auf eine kenianische Universität zu Ostern, bei dem über 150 Menschen getöten wurden, fand in denselben Medien fast keine Beachtung. Woran liegt das?

Paris, 7. Januar 2015: Die Attentäter Saïd und Chérif Kouachi stürmen in die Redaktionsräume des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo und töten zwölf Menschen. Mit dem Hashtag #JeSuisCharlie (Ich bin Charlie) solidarisierten sich laut Twitter France allein in den ersten 24 Stunden nach dem Anschlag Twitter-Nutzer in über 3,4 Millionen Tweets mit den Opfern.

Garissa, 2. April 2015: Terroristen der somalischen Miliz Al-Shabaab greifen den Campus des staatlichen Garissa University College in der kenianischen Stadt an und töten 148 Menschen, zudem sterben die vier Attentäter. Unter dem Hashtag #JeSuisKenyan (Ich bin Kenianer) reagierte die Twitter-Gemeinde vom Morgen des Anschlags, Gründonnerstag, bis zum darauffolgenden Morgen im Vergleich zu Paris sehr zurückhaltend: Knapp 7.000 Tweets zählte die französische Nachrichtenseite rtl.fr.

Die Terroranschläge in Paris und in Kenia waren beide grausam, blutig und tödlich. Während das Attentat in Frankreich eine enorm große Berichterstattung in den westlichen Medien hervorrief, gingen die Gräueltaten in Garissa mit zwölf mal mehr Opfern fast unter. Dieser Unterschied ist beispielhaft für die Nutzung von Nachrichten.

An Katastrophennachrichten gewöhnt

Die Gründe dahinter sind vielschichtig. Oliver Quiring, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Mainz, erklärt: „Frankreichs kultureller Hintergrund ist ein ähnlicher wie der deutsche. Es ist ein befreundetes, nahes Land, von dem wir dazu nicht gewohnt sind, dass tatsächlich ein Anschlag in dieser Größenordnung passiert.“ Zwar beachteten Nutzer negative Nachrichten mehr als positive. Aber: Bei Afrika gebe es „leider eine gewisse Vorgewöhnung an Katastrophennachrichten. Außerdem ist es uns wirtschaftlich und kulturell nicht so nahe“. Das sei entsprechend der Nachrichtenwerttheorie typisch: „Je weiter etwas weg ist, desto mehr muss passieren, dass man darauf aufmerksam wird.“ 150 Tote reichen offenbar kaum aus.

Nicht nur die geographische Entfernung, sondern auch die kulturelle, wirtschaftliche oder politische Distanz spielt eine Rolle. „Der Anschlag auf Charlie Hebdo wurde von vielen Menschen als ein Angriff auf unser eigenes Weltbild und unsere kulturelle Identität verstanden. Die teilweise sehr saftige, und sehr verletzende Art der Satire gehört trotzdem noch zu dem, was viele tolerieren“, sagt Quiring. Zu Geschehnissen in Afrika habe ein Großteil der Europäer weniger Bezug. Zudem fehlten die persönlichen Beziehungen. Der Kommunikationswissenschaftler meint: „Wenn dasselbe wie in Kenia in den USA passiert wäre, hätten wir wahrscheinlich drei Tage lang nichts anderes in den Zeitungen und im Fernsehen gehabt.“

Bei dem Charlie Hebdo-Attentat waren zudem die Opfer mit Gesicht und Namen bekannt. „Während das bei den über 150 Menschen in der kenianischen Universität schon schwer funktionierte.“ Bei den New Yorker Terroranschlägen vom 9. September 2001 gab es zwar noch viel mehr Todesopfer, über 3.000 Menschen starben damals. „Die Medien haben aber einzelne verstorbene Personen herausgegriffen dargestellt; den Feuerwehrmann, den Versicherungsmakler, Angehörige der Opfer. Somit wird eine Tragödie für den Menschen verständlicher und greifbarer, als wenn er es mit der reinen Zahl zu tun hat“, sagt Quiring.

Dass der Anschlag in Kenia nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit in den Nachrichten und den sozialen Online-Netzwerken erfuhr, ärgerte auch einige Twitter-Nutzer. Ihren Unmut äußerten sie mit den Hashtags #147NotJustANumber (147 – die anfängliche Opferzahl, später 148 – ist nicht nur eine Zahl) und #TheyHaveNames (Sie haben Namen).

Die westliche Twittersphäre

Im vergangenen Sommer vertrieb die Terrororganisation „Islamischer Staat“ unter anderem Christen aus Mossul. Die Milizen kennzeichneten von Christen bewohnte Häuser mit einem roten „N“, was für Nazarener steht. Der im Irak lebende Amerikaner Jeremy Courtney initiierte den Twitter-Hashtag #WeAreN (Wir sind alle Christen). Vor allem westliche Internetnutzer folgten seinem Appell, schreibt die Neue Zürcher Zeitung, und setzten das Zeichen und den Hashtag in ihren sozialen Netzwerken ein.

Die weltweit meisten Twitternutzer leben laut einer Liste der Plattform Sysomos, die soziale Netzwerke beobachtet, in den USA, gefolgt von Großbritannien, Kanada und Australien. Auch Deutschland und Frankreich sind in den Top Ten, Südafrika ist auf Platz 10. Es ist das einzige afrikanische Land unter den ersten fünfzehn Ländern. Darauf folgen asiatische und weitere europäische. Die Großzahl der Twitter-User lebt demzufolge in der westlich geprägten Welt.

Dass dort die öffentliche Aufmerksamkeit für Geschehnisse auf dem afrikanischen Kontinent dürftig ist, ist kein neues Phänomen. Der deutschen und internationalen Presse wird etwa bei der Berichterstattung über den Völkermord in Ruanda 1994 vorgeworfen, sie habe unzureichend und mitunter falsch darüber berichtet. Das liegt für Allan Thompson, Journalismus-Professor an der Carleton University, nicht nur daran, dass ausländisches Personal aus der Region abgezogen wurde, sondern auch am Desinteresse der westlichen Medien.

Der fremde kulturelle Hintergrund, eine Gewöhnung an schlechte Nachrichten aus Afrika: Das lässt sich auf andere aktuelle Vorfälle übertragen, etwa Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer oder Anschläge der Terror-Miliz Boko Haram, beispielsweise das Massaker in der nigerianischen Stadt Baga Anfang Januar, dessen Opferzahl von Hunderten bis zu 2.000 Menschen schwankt.

Ein Schlaglicht ist die Twitter-Kampagne für die über 270 von Boko Haram entführten nigerianischen Mädchen mit dem Hashtag #BringBackOurGirls (Bringt unsere Mädchen zurück). Die US-Präsidenten-Gattin Michelle Obama unterstützte diesen Aufruf, der zu dem Zeitpunkt bereits eine Million Retweets hatte. Der Prominenz-Faktor brachte der Kampagne zusätzliche Aufmerksamkeit, der britische Premier David Cameron folgte Obama und setzte sich für die Mädchen ein.

Doch eine Social Media-Kampagne allein kann nichts bewirken. So fragte etwa die Zeitung Washington Post: „Kann Twitter-Aktivismus unsere Mädchen zurückbringen?“ Die Antwort ist: Nein, nicht allein. Mehrere Millionen Tweets konnten bis jetzt nicht dafür sorgen, dass die entführten Mädchen gerettet wurden. Einige von ihnen haben fliehen können. Die Social-Media-Kampagne führte aber zumindest dazu, dass sich die nigerianische Regierung offen zeigte für ausländische Hilfe.

„Das ist keine klassische Solidarität“

Auch Kommunikationsprofessor Quiring sieht die Solidarität im Netz skeptisch: „Ich habe drei Tage lang bei Facebook JeSuisCharlie als Titelbild. Aber ist das wirklich eine Form von Solidarität? Das kostet mich ja nichts. Es ist eine Meinungsäußerung, aber klassische Solidarität, auch im christlichen Sinne, als klassische Nächstenliebe, als gelebte Hilfe, für die man selbst einen Aufwand betreiben muss, ist es nicht.“ Die Netz-Solidarität werde meistens hervorgerufen, wenn es um Kinder, Stark gegen Schwach, kuriose Einzelfälle oder menschliche Tragödien gehe.

Ausbrechen aus diesen Mechanismen der Nachrichten ist schwer. Quiring meint, es sei „naiv, zu glauben, man könnte sich die entsprechenden Informationen einfach im Netz zusammensuchen. Das muss guter Journalismus eigentlich für die Gesellschaft leisten.“ Der beste Weg, um sich ein Bild zu machen, sei „die direkte persönliche Anschauung“ oder ein engerer Kontakt zu Menschen aus betroffenen Ländern: Empörung über die schlimmen Ereignisse in Afrika habe er vor allem bei Menschen beobachtet, die eine persönliche Beziehung zu dem Kontinent gehabt hätten. (pro)

Von: Martina Schubert

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