Muss der Jugendschutz vor dem Internet kapitulieren?

H a m b u r g (KEP)- Mehr als die Hälfte der 11- bis 14-Jährigen soll beim Surfen im Internet bereits Kontakt mit pornografischen Seiten gehabt haben. Zu diesem Ergebnis kommt das Marktforschungsinstitut tfactory in seiner neuen Trendstudie.

Der Studienleiter des Hamburger Unternehmens zeichnet ein düsteres Bild der Realität von Jugendlichen: Die Jugend habe nun endgültig ihre Unschuld verloren. Eine Fortsetzung der gängigen Idealisierung der Jugend sei fehl am Platz. Heinzlmeier sagte weiter: "Vor der prinzipiellen Offenheit des Mediums Internet muss der Jugendschutz nun offensichtlich endgültig kapitulieren. Wir können selbst vor den 11- bis 14-Jährigen die schlimmsten Facetten und Realitätsausschnitte unserer Welt nicht mehr verbergen.“

Laut tfactory sollen 60 Prozent der Jugendlichen bereits auf Seiten mit pornografischen Inhalten gesurft sein. Ein Drittel der Befragten gab an, Webseiten besucht zu haben, über die man Drogen beziehen könne. 15 Prozent hätten so genannte Selbstmordforen besucht.

Leichter Zugang zu nicht kindgerechten Inhalten

Die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche durch das Internet leichter Zugang zu nicht kindgerechten Inhalten finden als frühere Generationen, ist bei allen Experten unbestritten. Sozialwissenschaftler bezweifeln aber die Zuverlässigkeit der vorgelegten Ergebnisse des Hamburger Institutes.

Experten bestätigen auch, dass der Alltag Heranwachsender mit sexualisierter Sprache und pornografischen Bildern durchdrungen ist. Kinderpsychologen sprechen von einer ernsthaften Bedrohung für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Wolfgang Bergmann, Lern- und Kinderpsychologe aus Hannover, glaubt, dass die Bedeutung des Internets bezüglich der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen überschätzt werde. "Ein Teenager, der auf eine pornografische Seite stößt, wird diese neugierig anschauen und bald wieder verlassen, weil er sich ekelt und die Künstlichkeit erkennt.“ Durch eine derartige Erfahrung befürchtet Bergmann keine Traumatisierung.

"Gefahr für gesamtgesellschaftliche Entwicklung"

Er sieht wesentlich mehr Gefahren in der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung: „Kinder werden mit sexualisierten Bildern, Worten und Kommunikation konfrontiert, die ihrem Entwicklungs- und Reifestand nicht entsprechen“, sagt der Kinderpsychologe gegenüber dem Magazin „Spiegel“. Besonders Mädchen im Teenageralter seien nicht in der Lage, mit dieser sexualisierten Sprache umzugehen. Dies bewirke trotz ihrer relativen körperlichen Reife eine Störung des inneren Körperbildes. Es entstehe ein innerer Druck, genauso perfekte Körper anzustreben, wie sie auf Bildern zu finden seien. Dies könne zu ernsthaften Erkrankungen, beispielsweise Essstörungen führen. Bergmann nennt als einzig möglichen Schutz vor den Angeboten im Internet ein intaktes soziales Umfeld.

tfactory führt seit Jahren in sechs deutschen Großstädten Befragungen von Jugendlichen durch, um die so genannten Trendsetter und Meinungsführer herauszufinden. Diese 900 Jugendlichen werden danach in einem 45-minütigen Interview befragt.

Gegenüber dem Magazin „Spiegel“ warnte Ingwer Borg, Professor am Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen in Mannheim: Die Befragung von Jugendlichen in der Großstadt reiche nicht aus, um allgemeingültige Aussagen über den Zustand der Jugend zu machen.  

Von: Ellen Nieswiodek

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