Am Mittwoch, 18.12.2019, um 20:15 Uhr auf Arte: Die Komödie „Das brandneue Testament“

Am Mittwoch, 18.12.2019, um 20:15 Uhr auf Arte: Die Komödie „Das brandneue Testament“

Gott als Griesgram: „Das brandneue Testament“ auf Arte

„Gott existiert. Er lebt in Brüssel.“ So beginnt die wunderbare belgisch-französische Komödie „Das brandneue Testament“, die am Mittwoch auf Arte läuft. Wer einen bibel-nahen Film über einen liebenden Gott erwartet, wird enttäuscht sein. Aber wer „Die fabelhafte Welt der Amélie“ mochte, wird begeistert sein. Eine Filmkritik von Jörn Schumacher

Um es gleich vorweg zu sagen: Gott kommt in diesem Film richtig schlecht weg. Denn Gott ist hier ein miesepetriger Tyrann, im Morgenrock und mit Fluppe im Mund, der in einer verratzten Drei-Zimmer-Wohnung in einem Brüsseler Hochhaus lebt. Er kommandiert seine Frau herum, schreit seine Tochter an, und seine einzige Freude ist es, den Menschen böse Dinge widerfahren zu lassen. Man sieht also schon: Mit dem Gott der Bibel hat er fast nichts gemein. Dass es aber trotzdem Gott sein soll, der hier dargestellt wird, könnte für manche Christen einer Gotteslästerung gleichkommen.

An seinem Computer stellt dieser Gott ein, was auf der Welt passiert, und das sind vor allem Katastrophen: Flugzeugabstürze, Zugentgleisungen und Häuserbrände. Der größte Spaß ist es für Gott, Tausende neuer Gesetze aufzustellen. Die lauten passenderweise etwa: „Wenn das Marmeladenbrot herunterfällt, dann auf die Seite mit der Marmelade“ (Gebot 2.123), oder: „Im Supermarkt geht es in der Schlange nebenan immer schneller“ (Gebot 2.126). Dann reibt er sich die Hände und freut sich über den Kummer, den er unter den Menschen anrichtet.

Das ist seiner Tochter zu viel. Ja, Gott hat nicht nur einen Sohn (Jesus), sondern auch eine Tochter (Ea). Ea hackt sich in den Computer ihres Vaters ein, um dem bösen Spiel ein Ende zu bereiten, und um ihrem Vater eins auszuwischen. Sie teilt jedem Menschen mit, wie lange er noch zu leben hat. Damit verändert sie nicht nur das Leben aller auf der Erde von Grund auf, sondern startet ein Gedankenexperiment, an dem der Zuschauer seine Freude hat.

Diejenigen Menschen, die demnach sehr bald sterben müssen, versuchen, dies noch zu verhindern – oder aber sie nutzen die restliche Lebenszeit einigermaßen sinnvoll. Jene, die noch viele Jahre zu leben haben, müssen keine Gefahr fürchten. Manch einer stürzt sich beherzt, wann immer es gefällt, aus dem Fenster, wohl wissend, dass der Tod ja noch nicht kommen wird. Der Rekordhalter mit 102 Jahren Restzeit feiert ausgelassen in einer Bar. Fragen kommen auf: Wenn man den Tod nicht mehr fürchten muss, weil man ja auf die Sekunde genau weiß, wann er kommen wird, warum soll man dann überhaupt noch etwas fürchten? Warum noch zur Arbeit gehen? Was soll man denn überhaupt noch mit dem Leben anfangen? Da macht sogar der Krieg keinen Sinn mehr. So macht das Ärgern Gott natürlich keinen Spaß mehr. Gott in Brüssel wird stocksauer.

Skurril, lustig, philosophisch

Natürlich verläuft die Geschichte fernab von jeder biblischen Grundlage, aber die Handlung soll Spaß bereiten und keinen zu Gott bekehren. Dennoch bringt der Film Fragen auf, die philosophischer und theologischer Natur sind. Würden wir Gott noch fürchten, wenn wir genau wüssten, wann wir sterben? Kann man überhaupt noch etwas falsch machen? Der Tod hätte seine Bedeutung verloren. Denn nur, weil wir nicht wissen, wann das Ende kommt, bleibt die Furcht, keine Zeit mehr für das Wichtige zu haben, oder vor Gott noch einmal alles in Ordnung bringen zu müssen. Die Gottesfurcht ist perdu, denn jeder macht, was er will.

Wenn man über die biblisch falsche Darstellung Gottes hinwegsieht, bleibt ein unglaublich schöner, poetischer Film, der das Herz anrührt und zum Lachen bringt. Und das in schnellem Wechsel. „Das brandneue Testament“ schafft es auf beeindruckende Weise, das Thema Tod mit viel Leichtigkeit, aber zugleich mit viel Tiefe zu behandeln. Seine beeindruckende Tiefe bekommt der Film wohl nicht zuletzt durch seine Musikauswahl: Sehr oft trägt wunderschöne Barockmusik die Szenen, mal zärtlich-leise, mal majestätisch getragen, von Purcell, Händel, und vor allem vom großen Jean Philippe Rameau.

Grandios sind all die verspielten, aber bildgewaltigen Mini-Szenen, in denen Details aus dem Leben eines bestimmten Menschen gezeigt werden. Dann hört man nicht nur, dass die Stimme eines Mannes klingt, als würden 30 Männer Walnüsse knacken, sondern man sieht es auch sogleich. Szenen, in denen ein Mann von einem Vogel entführt wird, eine unglückliche reiche Dame (Catherine Deneuve) endlich die wahre Liebe bei einem Gorilla findet, oder wenn eine Hand auf dem Küchentisch zu Händel Schlittschuh fährt, verzaubern und lassen einem mitunter den Atmen stocken, manchmal vor Rührung, manchmal vor Ekel. Fans des Films „Die fabelhafte Welt der Amélie“ (2001) verstehen.

Weder Erbauung noch Bibeltreue

Auch wenn Gott ordentlich sein Fett abbekommt, und wenn man sich fragt, warum ausgerechnet Gott für das Übel auf der Welt verantwortlich gemacht wird, auch wenn es offensichtlich von Menschen selbst verursacht wurde, ist der Film urkomisch – auch für manche gläubigen Menschen. Es ist eben sehr witzig, wie der neu geschaffene Adam unsicher und etwas skeptisch durch das verregnete und komplett leere Brüssel stapft. Gott wird cholerisch dargestellt vom belgischen Schauspieler Benoît Poelvoorde („Nichts zu verzollen“), seine Frau herzzerreißend naiv aber liebenswürdig von Yolande Moreau („Die fabelhafte Welt der Amélie“, „Micmacs“).

Auch wenn die Kapitel im Film nach Büchern aus der Bibel benannt sind, und auch wenn immer mal wieder der Name Jesus vorkommt und Gott als Herrscher über die Welt gezeigt wird: wer große Bibeltreue und geistliche Erbauung zu Weihnachten möchte, der sollte sich das Eintrittsgeld sparen. Wer jedoch darüber hinwegsieht, der kann sich über einen tiefgründigen, philosophischen, ja im weitesten Sinne theologischen Film freuen, der durchaus unterhaltsam ist, vor allem aber sehr skurril.

„Das brandneue Testament“, 105 Minuten, FSK 12, Regie: Jaco Van Dormael, 18.12.2019, 20:15 Uhr auf Arte

Von: Jörn Schumacher

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