Volle Kirchen wie hier die Thomaskirche in Leipzig sind in den neuen Bundesländern eher eine Seltenheit. Das liegt auch an der DDR-Vergangenheit.

Volle Kirchen wie hier die Thomaskirche in Leipzig sind in den neuen Bundesländern eher eine Seltenheit. Das liegt auch an der DDR-Vergangenheit.

Kirchen im Osten müssen für Kritik an Staatsleistungen herhalten

Eine ARD-Doku wollte untersuchen, wie es um die Lage der Kirchen in den Neuen Bundesländern bestellt ist. Herausgekommen ist ein Film, der vor allem die Verbindungen zwischen Kirche und Staat kritisch unter die Lupe nimmt. Nun verlangt eine Stiftung Fördergelder zurück. Eine TV-Kritik von Jonathan Steinert

Die DDR und ihr sozialistisches politisches System hat die Kirchen geprägt – auf andere Weise, als es die politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik taten. In der DDR gab es keinen kirchlich verantworteten Religionsunterricht an staatlichen Schulen, keine Militärseelsorge und der Staat erhob für die Kirchen keine verpflichtende Kirchensteuer für ihre Mitglieder.

Der Staat versuchte, den gesellschaftlichen Einfluss der Kirche zurückzudrängen und auf das Private zu beschränken. Das ist ein Grund dafür, warum sich ausgerechnet dort die Oppositionsbewegung gegen das politische System formierte. Dennoch verloren Katholische und Evangelische Kirche mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder in den 40 Jahren DDR. Aber auch nach der Wiedervereinigung traten immer mehr Menschen aus den Kirchen aus.

All das beleuchtet die Dokumentation „Ewige Schulden“, die am Montagabend auf ARD lief und noch mehrmals auf tagesschau24 wiederholt wird. Der Film verspricht, einen Blick auf die Kirchen in den Neuen Bundesländern zu werfen und darauf, wie es ihnen 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ergeht. Dieser Blick verengt sich allerdings über weite Strecken der Doku vor allem auf das Verhältnis zwischen Kirche und Staat.

Verengter Blick

Grundtenor des Filmes ist: Dass die Kirchen in den Neuen Bundesländern sich in die Strukturen der West-Kirchen gefügt haben, ist eine verpasste Chance, sich zu erneuern – insofern, als sie die Nähe zur Politik suchten, während sie unter dem DDR-Regime ein distanziertes Verhältnis zum Staat hatten. Die Kirche bräuchte „neue Ideen und bescheidenere Strukturen“, heißt es in dem Film, stattdessen hätten die westdeutschen Kirchen ihr System den ostdeutschen übergestülpt.

Das ist jedoch nicht die eigentliche Kritik des Films. Denn die entzündet sich am Verhältnis zwischen Kirche und Staat generell. Und da insbesondere an den Staatsleistungen, die der Staat den Kirchen seit Anfang des 19. Jahrhunderts zu zahlen hat. Diese Zahlungen beruhen auf Verträgen, wonach der Staat die Kirchen für Ländereien entschädigen muss, die er ihnen damals enteignet hatte. Die Verfassung der Weimarer Republik und auch das Grundgesetz schreiben fest, dass diese Leistungen gegen eine einmalige Ablösezahlung beendet werden sollen. Doch das wurde bisher nicht umgesetzt. Die Kirchen forderten Ablösesummen, die Länder und Kommunen offenbar nicht willens oder fähig sind zu zahlen, erklärt die Doku.

Sie stellt heraus, dass in Sachsen-Anhalt das meiste Geld aus der Staats- in die Kirchenkasse fließt. Und das, obwohl 85 Prozent der Bevölkerung nicht an Gott glaubten. Die Kirche im Osten habe sich von der gesellschaftlichen Realität entfernt, heißt es. Darüber hinaus bekommt es in dem Film etwas Anrüchiges, dass Katholische und Evangelische Kirche auch persönliche Kontakte in die Politik pflegen und durch Lobbyarbeit ihre Interessen, aber auch christliche Vorstellungen in den politischen Betrieb einbringen.

Ein von Spenden finanzierter Pfarrer – zeitgemäße Kirche?

Nähe zum Staat macht die Kirchen unglaubwürdig, so klingt es durch die Doku hindurch. Aber so einfach ist es eben dann doch nicht – und das spricht der Film auch an: Der Geldfluss und die Verquickung zwischen Staat und Kirche seien nicht allein schuld am Mitgliederrückgang. Es liege auch an der Säkularisierung der Gesellschaft. Ob die Kirchen im Osten möglicherweise nach der Wiedervereinigung in der Bedeutungslosigkeit versunken wären, wenn sie nicht das West-System und die damit verbundenen finanziellen Privilegien übernommen hätten? Dass es auch so hätte kommen können, legt der Beitrag als Alternative am Ende nahe, ohne darauf Antworten zu geben.

Als Beispiel, wie Kirche sein kann, die zeitgemäß die Menschen anspricht, stellt die Doku schließlich auch noch eine Gemeinde in Zwickau vor. Eine Modellgemeinde der sächsischen Landeskirche – die ihren zweiten Pfarrer aus Spenden finanziert.

Der Fokus des Filmes verrät zwischen den Zeilen auch seinen womöglich eigentlichen Anlass: das einhundertjährige Jubiläum der Weimarer Verfassung von 1918 – die das Verhältnis zwischen Staat und Kirche neu regelte und die Ablösezahlung für die Staatsleistungen vorsieht. Man brauchte beim MDR und NDR, die diese Doku gemeinsam produziert haben, offenbar einen inhaltlichen Dreh, dieses Ereignis mit Blick auf den Osten der Republik zu thematisieren.

Stiftung will Fördergeld zurück

Nach Informationen der mitteldeutschen Kirchenzeitung Glaube und Heimat sollte es ursprünglich in der Doku um die Frage gehen: „Woran glaubt der Osten?“ Aus der „gegenwärtigen Perspektive“ sollte „die Situation des Glaubens bzw. des Fehlens des Glaubens in den neuen Bundesländern“ erzählt werden. Der Beitrag sollte sich auch darum drehen, wie „die Strukturen der DDR-Diktatur die Menschen in den neuen Ländern in Glaubensfragen immer noch prägen“. So stand es nach Angaben der Zeitung im Förderantrag, der für den Film bei der Bundesstiftung Aufarbeitung eingereicht worden war.

Das hat der Film so nicht eingelöst. Die frühere Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, die im Vorstand der Stiftung sitzt, habe sich nach einer Vorab-Vorführung des Films irritiert gezeigt über seinen Inhalt und seine Ausrichtung, berichtet Glaube und Heimat. Der fertige Film habe mit dem Förderantrag nichts mehr zu tun. Die Bundesstiftung Aufarbeitung wolle die 26.000 Euro, mit denen sie den Film gefördert hatte, zurückverlangen, sagte Lieberknecht der Zeitung. In der ausgestrahlten Fassung wäre er nicht gefördert worden, weil er nur noch am Rande den Auftrag der Stiftung berühre.

Von: Jonathan Steinert

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