Die Hamburger Gastmutter Brigitte Eichholz sitzt nach der Herz-OP am Krankenhausbett der sechsjährigen Afghanin Aisha

Die Hamburger Gastmutter Brigitte Eichholz sitzt nach der Herz-OP am Krankenhausbett der sechsjährigen Afghanin Aisha

Eine Herzensangelegenheit

Das Projekt „Herzbrücke“ bringt herzkranke afghanische Kinder für überlebensnotwendige Operationen nach Deutschland. Eine RTL-Dokumentation beleuchtet ihren mutigen Weg – und die Nächstenliebe der deutschen Gastfamilien und Ärzte. Eine TV-Kritik von Michael Müller

Das eigene Kind hat ein Loch in seinem Herzen. Im Heimatland Afghanistan reicht die medizinische Versorgung nicht für eine Operation aus. Es fehlen auch die finanziellen Mittel, das Kind zu Herzspezialisten ins Ausland zu fliegen. Das ist keine fiktive Situation, sondern der Alltag zahlreicher afghanischer Eltern. Vor zwölf Jahren hat deshalb die evangelisch-freikirchliche Albertinen-Stiftung in Hamburg das Projekt „Herzbrücke“ ins Leben gerufen. Gemeinsam mit dem Diakonie-Verein Blankenese finanzieren sie nicht nur Operations- und Reisekosten nach Deutschland, sondern organisieren auch Gastfamilien für die Kinder.

Der Fernsehsender RTL hat darüber mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Deutschland die bewegende Dokumentation „Herzbrücke: Kinderretter zwischen Hamburg und Kabul“ gemacht. Darin begleitet das Filmteam vor allem die beiden afghanischen Mädchen Husnia und Aisha: Filmemacher Andreas Kuno Richter erzählt von ihren eingeschränkten Leben in Afghanistan, von dem Löwenmut, ohne Eltern nach Deutschland zu reisen, sich einer schwierigen Operation zu stellen – und bei den Gastfamilien ein bisschen Deutsch zu lernen. Der Film läuft am 10. Dezember spät um 23:45 Uhr auf RTL. Danach ist „Herzbrücke“ aber auch in der RTL-Mediathek im Internet abrufbar.

Die kleine Aisha (l.) reist mit anderen herzkranken afghanischen Kindern nach Hamburg, um operiert zu werden

Die kleine Aisha (l.) reist mit anderen herzkranken afghanischen Kindern nach Hamburg, um operiert zu werden

Gastfamilien fangen glückliche Momente der Mädchen ein

Richter hatte die kluge Idee, den ehrenamtlich tätigen Gastfamilien, welche die Kinder in Hamburg bei sich aufgenommen haben, Digital-Kameras mit nach Hause zu geben. Es sind die vielleicht wertvollsten Szenen der 45-minütigen Dokumentation: Mit Ausnahme eines wehmütigen Telefonats in die Heimat, bei dem eines der Mädchen ihre Eltern sehr vermisst, sind das die glücklichen, skurrilen und schönen Momente ihres gut achtwöchigen Aufenthalts: Wie sich die sechsjährige Aisha in einer Plastikdecke versteckt und so tut, als schlafe sie, um die Gastmama zu erschrecken. Oder wie die elfjährige Husnia eifrig im Garten mithilft. Von Zuhause aus kenne sie es nicht anders, erzählt sie.

Die Kamera folgt ihren kleinen Protagonisten bis in den OP-Saal, schaut ihnen bei den ersten zaghaften Gehversuchen nach dem Eingriff zu. Wobei die „Herzbrücke“-Initiative im Sommer 2017 insgesamt zehn herzkranke afghanische Jungen und Mädchen nach Deutschland geholt hat, die alle im Film vorkommen. Die Albertinen-Stiftung brachte in den vergangenen zwölf Jahren 157 afghanische Kinder auf diese Weise nach Deutschland.

Bei Heimweh hilft manchmal nur die Stimme der Mutter: Die elfjährige Husnia telefoniert bei ihrer Hamburger Gastfamilie nach Afghanistan

Bei Heimweh hilft manchmal nur die Stimme der Mutter: Die elfjährige Husnia telefoniert bei ihrer Hamburger Gastfamilie nach Afghanistan

„Das sind meine afghanischen Kinder“

Brigitte Eichholz und ihr Mann Dirk sind schon lange als Gastfamilie bei „Herzbrücke“ involviert: „Ich mache es vom Herzen her. Das ist eine Berufung für mich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich irgendwann mal nichts für die Herzbrücke mache“, sagt Brigitte Eichholz: „Das sind meine afghanischen Kinder. Für mich ist es das größte überhaupt, dass ich den Eltern ein gesundes Kind wiedergebe.“ Die Hilfsbereitschaft und zärtliche Fürsorge der Gastfamilien rührt im Film an.

Es waren keine einfachen Dreharbeiten: Bei den Besuchen des Film-Teams von den Familien in Afghanistan bewegten sich die Macher teils in einer rechtlichen Grauzone – und darüber hinaus. „Im Kabuler Krankenhaus gab es keine offizielle Dreherlaubnis“, erzählte Regisseur Richter gegenüber pro. Die afghanischen Ärzte seien aber sehr wohl daran interessiert gewesen, dass über die Zusammenarbeit mit dem deutschen Kollegen in Hamburg berichtet werde. Auch wechselte das Filmteam häufig schnell die Orte, um bei den Nachbarn keinen Verdacht auf die besuchten Familien zu lenken. In Kabul sind sehr wenige Ausländer unterwegs. Eine zu offensichtliche Interaktion hätte womöglich Repressalien gegen die Familien bedeutet.

Im Kreise seiner Familie: Herzchirurg Christian Rieß (r.) vom Hamburger Albertinen-Krankenhaus spielt eine maßgebliche Rolle im „Herzbrücke“-Projekt

Im Kreise seiner Familie: Herzchirurg Christian Rieß (r.) vom Hamburger Albertinen-Krankenhaus spielt eine maßgebliche Rolle im „Herzbrücke“-Projekt

Kino-Überraschung für alle Beteiligte

Am 27. November haben sich die deutschen Filmemacher, Ärzte, Übersetzer, Helfer und Gastfamilien im Hamburger Abaton-Kino getroffen und die Uraufführung gefeiert. Die Gesichter der Kinozuschauer strahlen, als sie Aisha auf der Leinwand sehen, wie sie sich ein Brot mit Nuss-Nougat-Creme schmiert. Ein lautes befreiendes Lachen geht durch den Saal, wenn Aisha im Film zu ihrer süßen Mahlzeit befragt wird und sie die Worte „Lecker“ und „Nutella“ sagt. Es ist ein Film, der nicht nur das schwierige Schicksal der afghanischen Kinder zeigt, sondern auch Hoffnung spenden und zum Kulturaustausch anregen will. Es sind die kleinen Momente, die bleiben: Wenn zum Beispiel die ältere Tochter der deutschen Gastfamilie Husnia Glitzer-Nagellack auf die Zehen aufträgt und der das sichtlich gefällt.

Nachdem der Film aus ist, gibt es noch eine Überraschung. Über komplizierte Wege hat Regisseur Richter mit seinem Team ein erst vor wenigen Tagen aufgenommenes Video zusammengeschnitten. Darin zu sehen sind beide afghanischen Mädchen, die aus ihrer Heimat grüßen und erzählen, wie fleißig sie in die Schule gehen. Den Kindern ist das an ihnen zehrende Leben in Afghanistan anzusehen. Vielleicht interpretiert man das auch nur hinein, weil sie sich vor der Kamera nicht ganz wohl fühlen. Aber die frohe Botschaft lautet: Ihre Herzen schlagen.

„Herzbrücke: Kinderretter zwischen Hamburg und Kabul“, Regie: Andreas Kuno Richter, am 10. Dezember um 23:45 Uhr auf RTL. Anschließend ist die Dokumentation in der RTL-Mediathek abrufbar.

Von: Michael Müller

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