Joachim Kuhs, AfD-Kandidat in Baden-Baden, kann nur unter Polizeischutz auftreten. Der SWR-Reporter unterstellt deswegen, der Politiker inszeniere sich als Opfer.

Joachim Kuhs, AfD-Kandidat in Baden-Baden, kann nur unter Polizeischutz auftreten. Der SWR-Reporter unterstellt deswegen, der Politiker inszeniere sich als Opfer.

SWR verhört Christen in der AfD

Eine Dokumentation des SWR befragt Christen dazu, warum sie sich in der AfD engagieren, und Kirchenleute, die dies kritisch bewerten. Der Film ist zu manipulativ und unsachlich, um in seinem Anliegen ernstgenommen zu werden. Eine TV-Kritik von Moritz Breckner

Sind Christen, die Alternative für Deutschland (AfD) wählen, „Wahre Christen oder böse Hetzer“? Dieser Frage will der SWR kurz vor der Bundestagswahl mit einer Reportage nachgehen. „Kaum zu glauben“, heißt es zu Beginn des Films von Journalist Thomas Leif aus dem Off, „ausgerechnet Christen fühlen sich von der AfD angezogen.“ Die Erzählstimme berichtet, nun gehe es auf eine „Spurensuche in der abgeschotteten Welt der Christen von rechts“ – zu sehen ist eine Familie mit Kindern beim Tischgebet. Finstere Off-Texte zu Bildern von betenden Kindern – schon nach wenigen Minuten erkennt der Zuschauer die Schablone öffentlich-rechtlicher „Enthüllungen“ über Konservative und vermeintlich gefährliche Christen.

Die betende Familie ist die Familie von Joachim Kuhs, AfD-Kandidat in Baden-Baden. Fünf seiner zehn Kinder und die Ehefrau sind ebenfalls AfD-Mitglieder. Der 14-jährige Paul will hingegen nicht eintreten – wegen der „Hetze“ in der Schule gegen seinen Vater, der als Nazi und Rassist beschimpft werde. Dabei setze der sich nur für die Familien ein. Kuhs gehört einer kleinen anglikanischen Kirche an, die evangelische Landeskirche ist ihm zu liberal. Dennoch diskutiert er bereitwillig mit den Kirchenmitgliedern und äußert die Hoffnung, die AfD werde den „braunen Schlamm“ los. Später wird Kuhs von Demonstranten angeschrieen, kann nur unter Polizeischutz zu einer Kundgebung gehen. Als er dies beklagt, unterstellt ihm der Reporter ein „Opfermuster“.

Der Politikwissenschaftler, Autor und AfD-Kritiker Andreas Püttmann erklärt, bis zu vier Millionen Kirchenmitglieder sympathisierten mit der AfD, darunter 400.000, die zum kirchlichen Kernklientel gehörten. Konservative seien gesellschaftlich von Niederlage zu Niederlage geeilt und entsprechend frustriert. Bei vielen beobachte er eine Wagenburg-Mentalität, bei der das intellektuelle Niveau sinke.

Andreas Weidling ist Arzt, AfD-Mitglied, Vorsitzender des Evangelischen Gemeinderats Dagersheim und gescheiterter Kandidat für die Bezirkssynode. Von Parteimitgliedern wie Björn Höcke will er sich nicht distanzieren, ohne vorher das persönliche Gespräch gesucht zu haben, erklärt er, und verweist darauf, dass Höcke Familienvater sei und ein Pfarrhaus renoviert habe – eine merkwürdige Begründung. Hier gelingt es den Filmemachern überzeugend, die Schwachstellen der AfD aufzuzeigen.

„AfD will Gegenteil dessen, was Bibel verkündet“

Der Pfarrer Martin Frank aus Sindelfingen sieht im Programm der AfD Missgunst und Hass, dies könne er mit der christlichen Botschaft nicht zusammenbringen. Seine Kollegin Gerlinde Feine aus Böblingen pflichtet dem bei und ergänzt, dass viele Forderungen der AfD nicht nur unbiblisch seien, sondern das „glatte Gegenteil von dem wollen, was der Gott der Bibel verkündet“. Florian Wahl, Mitglied der Landessynode, sieht in AfD-Mitgliedern grundsätzlich Rassisten und verlangt mit Nachdruck, AfD-Mitgliedern Zugang zur Synode zu verweigern.

Der Zuschauer sieht im Folgenden eine kurze Diskussionsrunde der evangelischen Akademie Bad Boll zur AfD. Der Landesbischof in Württemberg, Frank Otfried July, wird vom Reporter gefragt, ob er Rücksicht nehmen müsse auf Pietisten und Freikirchler, wenn er sich zur AfD positioniert. Eigentlich nicht, antwortet July. Die Kirche habe das Programm angeschaut und zunächst festgestellt, dass es sich im „legitimen Korridor“ befinde. Nun aber gebe es aufputschende Reden von AfD-Vertretern, die auch ein konservativer Christ nicht gutheißen könne. Das klingt nachvollziehbar gemäßigt im Vergleich zum Vorsitzenden des Caritasrates Stuttgart, Christian Hermes, „selbst titulierten“ Christen in der AfD komplett den Glauben abspricht.

Manipulierende Fragen und Off-Texte

Als Nächstes begeben sich die Reporter zur Jahreskonferenz der „Christen in der AfD“ in einen „fast schon konspirativen“ Ort bei Darmstadt, die Straße mit Namen „Außerhalb“ sei auch mit Navigationssystem schwer zu finden. Der Zuschauer fühlt sich an die NDR-Dokumentation „Mission unter falscher Flagge“ erinnert: Auch dort wurde der abgelegene Ort einer christlichen Veranstaltung als Menetekel herangezogen für das unsägliche Geschehen, das sich dort zuträgt.

Die „AfD-Strippenzieherin“ (man hätte auch sagen können: „AfD-Europaabgeordnete“) Beatrix von Storch wirke wie eine Art „Schutzpatronin für ihre christliche Kampftruppe“, die zu zwei Dritteln aus Freikirchen stamme, erklärt der Reporter. Die Vorsitzende der „Christen in der AfD“, Anette Schultner, findet es gegenüber den Reportern verletzend, von den Kirchen so scharf kritisiert zu werden. Christen hätten verschiedene politische Positionen, sagt sie, sollten sich aber dennoch bemühen, Brückenbauer zu sein. Der eigentliche kritikwürdige Aufreger, nämlich der Umstand, dass ein Vorstandsmitglied von „Christen in der AfD“ einst Geld an die NPD spendete, geht in der Polemik der Reportage leider unter.

Vorgehen des SWR wirft Fragen auf

In seinen Fragen nennt Reporter Leif das Programm der AfD einen „Gegenangriff zu allen christlichen Werten“, stellt einem Parteimitglied die Frage: „Sehen Sie nicht, dass Sie hier auf dem falschen Dampfer sind?“. Sein Off-Text ist höchst subjektiv, seinen Interviewpartnern stellt er geschickt Suggestivfragen. Der SWR-Film ist somit mehr Polemik als Aufklärung – damit schadet er seinem eigenen Anliegen.

Der SWR vermarktet den Film mit gleich zwei Podiumsdiskussionen über Populismus, zu denen kein einziger Vertreter oder Unterstützer der AfD geladen ist. Weniger als zwei Wochen vor der Bundestagswahl hat das Vorgehen des Senders zumindest ein Gschmäckle, wie man in der Heimat des SWR so schön sagt. (pro)

„Wahre Christen oder böse Hetzer? Spaltet die AfD die Kirchen?“ Donnerstag, 14. September 2017, 21 bis 21:45 Uhr, „Die Wahl bei uns“ im SWR Fernsehen

Von: mb

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