Nicola Albrecht berichtet für das ZDF aus Tel Aviv. Über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ausgewogen und fair zu berichten, gelingt nicht immer, wie aktuelle Beispiele der Sendung „Heute+” zeigen.
Nicola Albrecht berichtet für das ZDF aus Tel Aviv. Über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ausgewogen und fair zu berichten, gelingt nicht immer, wie aktuelle Beispiele der Sendung „Heute+” zeigen.
Israelis und Palästinenser hetzen gleichermaßen, besagt die Dachzeile. Den Zusatz „und zu töten“ hat das ZDF inzwischen gestrichen.
Israelis und Palästinenser hetzen gleichermaßen, besagt die Dachzeile. Den Zusatz „und zu töten“ hat das ZDF inzwischen gestrichen.

Schuldig im Dienste der Ausgewogenheit

Die ZDF-Nachrichtensendung „Heute+“ berichtet nach dem Mord an einer 13-jährigen Israelin über palästinensische Hetze. Wenige Tage später folgt ein Beitrag, der auch nach Hetze bei Israelis sucht – und vorgibt, diese gefunden zu haben. Eine Analyse von Daniel Frick

Wer über den israelisch-palästinensischen Konflikt berichtet, begibt sich schnell auf dünnes Eis. Diese Erfahrung hat die Redaktion der Nachrichtensendung „Heute+“ in den vergangenen Tagen gemacht, wie die Reaktionen auf Facebook erahnen lassen. Die Studioleiterin in Tel Aviv, Nicola Albrecht, berichtete zunächst über den Mord an einer 13-jährigen Israelin durch einen 17-jährigen Palästinenser am 30. Juni. Dabei verwies sie anhand von Beispielen auf palästinensische Hetze als Ursache der Gewalt.

Auf Facebook fand der Beitrag außerordentlich viel Verbreitung. Allerdings warfen Nutzer dem ZDF vor, „pro-israelisch“ berichtet zu haben. Vielleicht sah sich die Redaktion deshalb veranlasst, wenige Tage später, am 5. Juli, einen Bericht nachzuliefern, der sich eigens dem Thema Propaganda in der Region widmet. Denn dieser zweite Beitrag hatte das offenkundige Ziel, die israelische Seite als genauso schlimm darzustellen wie die palästinensische. Dieser Ansatz, „Ausgewogenheit“ zu demonstrieren, verzerrt die Wirklichkeit vor Ort und ist journalistisch fragwürdig.

Teaser als Fehlgriff

Problematisch ist zunächst der Teaser, mit dem der Beitrag vom 5. Juli auf Facebook beworben wurde. Er lautet: „Erzogen zum Hass. Wie israelische und palästinensische Kinder dazu gebracht werden sollen, sich gegenseitig zu verachten – und zu töten.“ Mit Teasern werben Redaktionen für ihre Artikel, um möglichst viel Verbreitung zu finden. Oft geht es darum, den Beitrag mehr oder weniger keck auf den Punkt zu bringen. Es ist dementsprechend auch dieser Teaser, der als Kerninformation bei den Nutzern hängenbleibt.

Was die Verbreitung angeht, war der Teaser erfolgreich. Mehr als 2.100 Mal haben Nutzer den Artikel geteilt, fast 600 Mal bewertet. Das ist auch für „Heute+“ sehr viel Aufmerksamkeit. Inhaltlich war der Teaser jedoch ein Fehlgriff: Er setzt das palästinensische Bildungssystem, das Hetze vielfach genehmigt und fördert – wie der Film eindrücklich zeigt –, mit dem israelischen Bildungssystem gleich. Dort aber kommen weder Hetze geschweige denn Aufrufe zum Mord vor. Inzwischen hat das ZDF diese Zeile verändert und den Zusatz „und zu töten“ herausgenommen. Der weitaus größte Teil der Leserschaft hat freilich die ursprüngliche Formulierung gelesen.

Fragwürdige Einschätzung

Wer nicht glaubt, dass im israelischen Bildungssystem keine Hetze stattfindet, muss sich den Beitrag selbst ansehen. Er zeigt im ersten Teil Grundschulkinder im Gazastreifen, die in Theaterstücken Angriffe auf Israel nachspielen; offizielle Kindersendungen, die Tel Aviv zu besetztem Gebiet erklären und dann gewissermaßen dessen „Befreiung“ verheißen; und Propaganda in Familien, wenn ein Vater seine kleine Tochter vor laufender Kamera zum Mord an Juden aufrufen lässt. Palästinensische Gesprächspartner verstärken dabei den Eindruck, dass Israel an allem schuld sei.

Mit dem ursprünglichen Teaser im Hinterkopf liegt nun die Annahme nahe, dass ähnliche Beispiele kommen, wenn der Beitrag „die israelische Seite“ beleuchtet. Der einzige Kritikpunkt ist hier aber die stereotype Darstellung von Palästinensern in Schulbüchern. Die Jerusalemer Sprachwissenschaftlerin und Menschenrechtsaktivisten Nurit Peled-Elhanan erhebt diesen Vorwurf und nennt dies „anti-palästinensische Propaganda“: Palästinenser würden „nicht gezeigt, sondern nur beschrieben“ – und zwar als Problem (Terrorist, Flüchtling, primitiver Bauer) oder als Stereotyp (im Arabergewand auf einem Kamel).

Dass derartige Verkürzungen über Palästinenser oder Minderheiten in Israel vorkommen, ist sicherlich ein Missstand. Dies aber mit der Gehirnwäsche von Grundschulkindern und dem expliziten Aufruf zum Mord gleichzusetzen, ist abwegig und journalistisch fragwürdig. Auf Facebook haben Nutzer die „Heute+“-Redaktion dafür auch kritisiert. Diese antwortet darauf, man habe „eine Expertin zu Wort kommen lassen“. Das ist zunächst ein guter Weg, um über eine Situation aufzuklären. Dennoch ist es in diesem Fall nicht viel mehr als eine Ausrede. Denn es bleibt Aufgabe der Journalisten, auch die Worte der Experten angemessen einzuordnen.

Schülerbegegnung nicht erwähnt

Die Autorin Albrecht fährt in dem Bericht dann mit einem indirekten Zitat der Professorin fort: „Egal ob in der Schule, in den Nachrichten oder im Gespräch auf der Straße, erklärt sie (Peled-Elhanan) weiter: Israelische Kinder lernen, dass Palästinenser keine Menschen sind, mit denen man in Frieden leben oder gar befreundet sein kann.“

Mit dieser Information endet der Beitrag. Doch auch das ist eine Verzerrung der Wirklichkeit. Unerwähnt bleibt, dass jüdisch-israelische Schulen aller Couleur durchaus darum bemüht sind, Begegnungen mit Palästinensern zu schaffen. Das sagt der Korrespondent der Nachrichtenseite Israelnetz, Johannes Gerloff, dessen Kinder das israelische Schulsystem durchlaufen haben. Aus Sicht des ZDF muss sich der Zuschauer das aber offenbar selbst dazudenken. Gegenüber Israelnetz heißt es, die Aussage von Peled-Elhanan „bezieht sich auf ein generelles Bild und schließt damit inhaltlich keineswegs aus, dass es auf beiden Seiten Projekte gibt, die für Versöhnung und gegen den Hass arbeiten“.

In Fällen wie diesen sei es entscheidend, dass Journalisten nicht schlicht das als Tatsachen berichten, was ihnen erzählt wird, merkt Gerloff an. Gegenüber Journalisten verhielten sich die Menschen oft anders als sonst – das gelte sowohl für Israelis wie auch für Palästinenser, Experten oder Zeitzeugen. „Journalisten müssen mit dem Faktor rechnen, dass sie bewusst oder unbewusst getäuscht werden.“ Investigativer Journalismus sei hier notwendig, auch wenn dazu viel Aufwand erforderlich sei.

Aussagen mit Beispielen

Wesentlich realitätsnaher war der Beitrag vom 30. Juni über das ermordete Mädchen. Auch dieser hat auf Facebook viel Aufmerksamkeit erregt. Der Vorwurf, „pro-israelisch“ berichtet zu haben, rührte wohl von Sätzen wie diesen: „Hass wird offenbar auf palästinensischer Seite auch bewusst geschürt.“ Allerdings folgten dann auch Beispiele, die diese Aussage so belegen, dass es nicht konstruiert wirkt: Kindersendungen im Staatsfernsehen verunglimpfen Juden, die Autonomiebehörde preist Attentäter als Märtyrer, Schulen werden nach Attentätern benannt.

Zudem konfrontiert Albrecht in dem Beitrag den palästinensischen Bildungsminister Sabrin Saidam und hält ihm vor, systematisch zu indoktrinieren. Auch das ist eigentlich der beste Weg einer Darstellung. Der Minister wiegelt freilich ab: Terror sei ein „Nebeneffekt“, das wahre Problem sei die israelische Besatzung. „Wenn die israelische Besatzung ein Ende hat, verschwinden auch alle Nebeneffekte.“

Besatzung als Übel

Die Pointe dieser Konfrontation bleibt hier aber unerkannt: Auf dem Schrank hinter Saidam ist eine Karte zu sehen, die ganz Israel in palästinensischen Farben zeigt. Das kann nur bedeuten, dass Saidam nicht nur das Westjordanland, sondern ganz Israel für besetztes Gebiet hält. Nach dieser Logik müsste ganz Israel verschwinden, damit die Besatzung ein Ende findet. Eine Nachfrage zu diesem für alle sichtbaren Umstand wäre an dieser Stelle wichtig gewesen.

Denn so bleibt der Gedanke der israelischen Besatzung als „Kernproblem“ die Botschaft. Genau diesen Eindruck vermittelt auch die Moderatorin in Mainz, Eva-Maria Lemke, wenn sie feststellt, „wie sehr der Hass auf beiden Seiten inzwischen geschürt wurde“.

Ausgewogene Berichterstattung kann nicht bedeuten, beiden Seiten auf Biegen und Brechen die gleich schlimmen Vergehen nachzuweisen. „Heute+“ ist so seinem Anspruch, den „Nachrichten-Mainstream“ zu hinterfragen, schuldig geblieben. Die Ausrichtung auf ein junges Publikum, und damit auf soziale Netzwerke wie Facebook, hat in der Sache aber ihren Vorteil. Denn nie war Protest gegen verzerrende Darstellungen einfacher. (pro)

Von: df

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