Gäste und Moderator von links nach rechts: Elisabeth Niejahr, Tanja Dückers, Jörg Schönenborn, ...
...Birgit Kelle und...
...Robin Alexander

„EKD arbeitet an eigener Bedeutungslosigkeit“

Was ist dran am neuen Familienbild der Evangelischen Kirche in Deutschland, und welche Lebensmodelle sollte die Politik fördern? Darüber haben vier Journalisten im „Presseclub“ der ARD diskutiert. Zum Thema homosexuelle Lebenspartnerschaften gingen die Meinungen auseinander, einig war man sich nur in einer Sache.

„Klassisch, Patchwork, Gleichgeschlechtlich – Was ist uns Familie wert?“ lautete der Titel der Sendung mit WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn. Gleich zu Beginn der Runde kam das Gespräch auf die jüngst vorgestellte „Orientierungshilfe“ der EKD zu diesem Thema. „160 Seiten brauchen die, um zu sagen, was Familie ist – da war der heilige Geist in den Evangelien kompakter“, urteilte Robin Alexander, Kanzleramts-Korrespondent von Welt und Welt am Sonntag. Er bemängelte den soziologischen Tonfall der kirchlichen Schrift und erklärte: „‘Du sollst beim Heiraten an die Scheidung denken.‘ Das finde ich von der Kirche eine sehr trostlose Botschaft.“ Den guten Willen wolle er den Autoren jedoch nicht absprechen.

Elisabeth Niejahr vom Berliner Büro der Wochenzeitung Die Zeit hielt dagegen: „Ich finde es nicht falsch, dass sich die Kirche an die Seite derjenigen stellt, die scheitern.“ Ihr Vater, ein evangelischer Pfarrer, habe sich in den 70er Jahren scheiden lassen, damals habe es viel Diskriminierung gegeben. Die freie Journalistin Birgit Kelle mag die „Orientierungshilfe“ nicht als solche bezeichnen: „Sie gibt keine Orientierung. Die EKD arbeitet an ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit.“ Die Kirche orientiere sich ähnlich wie die politischen Parteien am Zeitgeist und wage es nicht, für Idealbilder einzutreten. „Ich sehe keinen Grund mehr, von dieser Kirche eine Orientierungshilfe zu erwarten.“

Will Deutschland die „Homo-Ehe“?

Die Schriftstellerin Tanja Dückers begrüßte, dass sich die EKD mit ihrer Veröffentlichung „an der Wirklichkeit orientiert“ habe. Deutschland hinke zudem bei der „Gleichstellung der Homo-Ehe hinterher“. Kelle widersprach: „Es geht um die Grundfrage, was wir überhaupt noch als Ehe definieren. Wenn wir die Ehe für alles öffnen, wo die Liebe hinfällt, gibt es nichts mehr, was wir im Sinne des Grundgesetzes als Familie besonders fördern können.“

Alexander lobte das vorsichtige Tempo, mit dem die Bundesregierung sich des Themas angenommen habe. Die französische Regierung um François Hollande hingegen habe das sensible Thema absichtlich eskalieren lassen: „Es ist ein aktivistisches Verständnis von Politik, zu sagen, Familie ist jetzt neu, das bringen wir euch schon in der Schule bei, und wenn ihr es nicht kapiert, schicken wir die Polizei.“ Bei Kundgebungen gegen die Aufwertung homosexueller Partnerschaften waren in Frankreich immer wieder teils randalierende Demonstranten festgenommen worden. Vergangene Woche wurde ein junger Demonstrant im Schnellverfahren zu zwei Monaten Haft verurteilt, berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Lobende Worte für die CDU fand auch Niejahr: Auf dem Parteitag Ende 2012 habe eine faire und entspannte Diskussion zu der Thematik stattgefunden. Die Mehrheit gegen eine Gleichstellung von Lebenspartnerschaft und Ehe sei sehr knapp gewesen, erinnerte die Journalistin sichtlich zufrieden.

Einigkeit bei Förderung von Kindern

Vollkommen einig waren sich die Diskutanten in der Feststellung, dass staatliche Fördermittel für Familien in erster Linie Kindern zu Gute kommen sollten. Während Niejahr und Dückers starken Bedarf bei der Bezahlung von Erzieherinnen und Tagesmüttern sehen, fragte Kelle: „Helfen wir Familien, ihre Familien über Wasser zu halten, oder schaffen wir Ersatzstrukturen, indem wir unser Geld in Institutionen stecken?“ Es müssten auch diejenigen Familien unterstützt werden, die keinen staatlichen Krippenplatz in Anspruch nehmen möchten.

Zur Frage nach der Verteilung von Fördermitteln erklärte Alexander, dass in der Familienpolitik im Gegensatz zu anderen Ressorts noch ein Unterschied zwischen den Parteien auszumachen sei. „Schauen Sie sich die Programme von SPD und Grünen an – da erleben Sie einen Umbau der Familienpolitik, der sich gewaschen hat.“ Besonders die Grünen seien für eine Umverteilung von Mitteln weg von Familienmodellen, die ihnen nicht gefallen, hin zu solchen, die sie befürworten. (pro)

Die Sendung ist als Video in der ARD-Mediathek verfügbar.

Von: mb

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