Martina Köninger: „Es ist kompliziert – aber vieles ist möglich“

Martina sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl. Doch ihr Leben erzählt nicht zuerst von Grenzen, sondern von Liebe, Glauben und der Erfahrung: Vieles ist komplizierter – aber trotzdem möglich.
Eine Kolumne von Uwe Heimowski

Man begegnet Martina selten allein. Nicht, weil sie es nicht könnte, sondern weil sie Menschen mag. Sie ist aufmerksam, hört zu, stellt Fragen, lacht viel – und hat eine Menge zu erzählen. Erst später nimmt man wahr, dass sie im Rollstuhl sitzt. Und noch später merkt man: Das erklärt vieles in ihrem Leben – aber längst nicht alles.

Anfang der 1990er Jahre arbeitet Martina bei „Hoffnung für dich“ in Schloss Falkenberg, einer Einrichtung für Menschen mit Suchterkrankungen in Nordhessen. Sie leitet die Töpferei, einen Bereich der Arbeitstherapie. Ton, Drehscheibe, geschickte Hände, ein Gefühl für schöne Formen – das passt zu ihr. Nach einer Zeit an einer Bibelschule in Jerusalem, die sie wegen des ersten Golfkriegs abrupt abbrechen musste, suchte sie einen Ort, an dem sie ihren Beruf und die Arbeit mit Menschen verbinden kann. Schloss Falkenberg wird zu diesem Ort. Die Gemeinschaft dort prägt sie – und verändert ihre Perspektive auf das Leben.

Hier begegnet sie Horst. Der Tischler aus dem Fränkischen absolviert seinen Zivildienst bei „Hoffnung für dich“. Praktiker trifft Träumerin. Horst ist schüchtern, ruhig, verlässlich. Martina freiheitsliebend, skeptisch gegenüber festen Bindungen. Das erste halbe Jahr ihrer Beziehung trennt sie sich fast wöchentlich. Und bleibt doch. Weil sie im gemeinsamen Alltag Horsts ausgeglichene, tragende Art schätzen lernt.

Kurz nach der Verlobung reißt ein Ereignis alles ein: Martina hat bei einem Materialeinkauf einen schweren Autounfall, der mit Ton beladene Wagen gerät ins Schleudern, zwei andere Autos fahren in ihn hinein. Sie überlebt knapp und liegt wochenlang auf der Intensivstation. Ob sie wieder aufwacht, ist ungewiss. Horst erfährt davon in einer Besprechung; er macht sich auf ins Krankenhaus, sieht sie anfangs aber nur durch eine Glasscheibe. Er ist wütend auf Gott, enttäuscht, verzweifelt – und erlebt zugleich einen Frieden, der ihn trägt.

Abschied von Selbstverständlichkeiten

Martina überlebt, bleibt jedoch querschnittgelähmt. Noch unter starken Schmerzmitteln beendet sie die Beziehung. Sie will Horst von einem Leben mit einer behinderten Frau „befreien“. Horst will davon nichts wissen. Er liebt Martina. Für ihn steht nie zur Debatte, dass Liebe an körperliche Fähigkeiten gebunden ist.

Für Martina beginnt ein langer Weg des Abschieds. Abschied von Selbstverständlichkeiten, von der körperlichen Beweglichkeit, wenn man so will: von einem früheren Ich. Besonders schmerzt sie der Blick der Anderen: „Plötzlich war ich nicht mehr die attraktive junge Frau – sondern die Rollstuhlfahrerin.“ Gleichzeitig entdeckt sie neu, was auch mit ihrer Behinderung alles möglich ist. Sie lernt schwimmen, Kanu fahren, reiten, Rollstuhlbike fahren. Ihr Leben wird komplizierter – aber ihr Horizont nicht kleiner.

„Ich habe seine Nähe gespürt – auch, als ich ihn angeschrien habe.“

Trotz dieser Fortschritte sind die ersten Monate alles andere als leicht. Körperliche Schmerzen und seelische Tiefs gehen Hand in Hand. Auch mit Gott ringt Martina. Als klar wird, dass eine Heilung – für die viele Menschen beten – ausbleibt, ist sie wütend. Sie hadert mit biblischen Verheißungen und frommen Erklärungen. Und macht zugleich eine Erfahrung, die sie bis heute trägt: Gott hält ihre Wut aus. Er bleibt ihr treu. „Ich habe seine Nähe gespürt – auch, als ich ihn angeschrien habe.“

Horst und Martina heiraten und bekommen Kinder – auch das ist mit einer Querschnittslähmung möglich. Erst eine Tochter, dann Zwillinge. Die erste Schwangerschaft bereitet keine Probleme. Doch die Söhne kommen zu früh zur Welt, eine lange Zeit der Sorge folgt. Später wird bei einem der Jungen eine schwere Hörschädigung festgestellt. Wieder heißt es, sich an veränderte Lebensumstände anzupassen, wieder ist Umlernen angezeigt. Die Familie lernt die Gebärdensprache, weil gute Kommunikation wichtiger ist als Bequemlichkeit. Sie finden eine Gute Schule für Hörgeschädigte, ihr Sohn schließt eine Ausbildung ab.

„Vieles ist mit Behinderung kompliziert, aber doch möglich“

Doch Martina wäre nicht Martina, wenn ihr Leben und ihr Einsatz auf die eigene Familie beschränkt blieben. Die Familie lädt viele geflüchtete Frauen ein, ein bunter internationaler Freundeskreis entsteht. Seit Jahren engagiert sich Martina im „PerspektivForum Behinderung“, das sie Ende der 1990erJahre mitgründet. Der Auslöser war schmerzhaft konkret: Treppen vor Kirchen, fehlende Zugänge, Unsicherheit im Umgang mit Behinderung. Sie wünscht sich Kirchen und Gemeinden, in denen Worten Taten folgen – Investitionen in Barrierefreiheit, echtes Willkommen, echte Teilhabe. Inklusion ist für sie kein Zusatz, sondern Ausdruck gelebten Glaubens.

„Vieles ist mit Behinderung kompliziert“, sagt Martina, „aber eben doch möglich.“ Dieser Satz ist kein Durchhalte-Slogan, sondern Haltung. Horst baut dazu die nötigen Rampen für den Rollstuhl und organisiert einen behindertengerechten Alltag, als Selbstständiger kann er seine Arbeitszeit flexibel einteilen. Martina vernetzt Menschen, hört zu, gibt Impulse.

Wenn man Martina begegnet, fällt nichts Heroisches auf. Sondern Liebe, Humor, Präsenz. Ein Leben, das nicht einfacher wurde – aber reicher. Wegen des Rollstuhls? Trotz des Rollstuhls? Wer kann das sagen. Vor allem wegen wohl wegen ihrer Begeisterung für Gott und für Menschen.

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