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Luther war mehr als nur Judenfeind

In Niedersachsen gibt es wohl künftig einen Reformationsfeiertag. Die Jüdischen Gemeinden des Bundeslandes plant für den Tag „Aktionen, die den Protestanten gar nicht gefallen“. Schade. Ein Kommentar von Nicolai Franz
Von Nicolai Franz
Am 31. Oktober 2017 soll Martin Luther seine 95 Thesen angeschlagen haben – ein Protest gegen die Kirche in ihrer damaligen Form

Foto: Gemeinfrei

Am 31. Oktober 2017 soll Martin Luther seine 95 Thesen angeschlagen haben – ein Protest gegen die Kirche in ihrer damaligen Form

Freie Tage sorgen normalerweise für fröhliche Gesichter. So könnte es auch bei der geplanten Einführung des Reformationstags in Niedersachsen sein. Fast jeder zweite Einwohner ist evangelisch, die Hannoversche Landeskirche ist die zahlenmäßig größte Deutschlands. Das Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist hier beheimatet, und die prominenteste protestantische Theologin, die Lutherbotschafterin Margot Käßmann, war in Hannover einst Bischöfin. Grund genug, den 31. Oktober zu feiern, den Tag, an dem Martin Luther 1517 die 95 Thesen an die Wittenberger Schlosskirche genagelt haben soll.

Gar nicht zum Feiern ist hingegen den Jüdischen Gemeinden zumute – und das ist so untertrieben wie bedauernswert. Deren Vorsitzender Michael Fürst sagte in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) der Landesregierung den Kampf an.

Die Jüdischen Gemeinden würden „dafür kämpfen, dass dieser Tag nicht so ein schöner Tag wird, wie sich die Regierung das vorstellt“. Als Grund gibt Fürst an, dass Luther ein Antisemit gewesen sei – „und wer den 31. Oktober zum Feiertag erklärt, feiert eben auch einen großen Antisemiten – und muss mit unserem Protest rechnen“. Zwar wolle Fürst seine Freundschaften zu Protestanten und Katholiken deswegen nicht aufgeben. Doch für den Reformationsfeiertag kündigen die Jüdischen Gemeinden „Aktionen an, die den Protestanten gar nicht gefallen.“

Dabei hat die EKD in den vergangenen Jahren viel dafür getan, ein möglichst differenziertes Bild von Luther zu zeichnen. Kaum ein Dokument kam ohne Hinweis auf die beklagenswerten Äußerungen des großen Reformators aus, dem es missfiel, dass sich die Juden dem Christentum verweigerten.

Luther forderte Rückbesinnung auf jüdische Schriften

Experten mögen einwenden, dass es sich bei Luthers Einstellung gegenüber Juden eher um Antijudaismus, also die Ablehnung des Judentums aus religiösen Gründen, und nicht um Antisemitismus handelt. In der Tat sind Luthers Ansichten mit dem Rassenwahn der Nazis nicht vergleichbar, die den Reformator unter Hinweis auf Schriften wie „Von den Juden und ihren Lügen“ für ihre Sache vereinnahmten. Diese Spitzfindigkeiten helfen aber nicht weiter, wenn die Jüdischen Gemeinden nun verstimmt sind.

Doch Luther war eben noch viel mehr als Judenfeind. Er war ein Kämpfer für die persönliche Freiheit, gegen das Ablassgeschäft mit den Mühseligen und Beladenen und für die Rückbesinnung auf eine Sammlung überwiegend von Juden verfasster Schriften: Der Bibel. Ganz abgesehen davon, dass auch die Aufklärung ohne die Reformation kaum denkbar gewesen wäre.

Schade, dass es ein halbes Jahrtausend nach Luthers Wirken, nach einer ganzen Reformationsdekade und einem ganzjährig gefeierten Jubiläum noch immer nicht möglich zu sein scheint, Luthers Wirken würdig zu gedenken – ohne dabei schwierige Passagen zu verschweigen. Dass die Jüdischen Gemeinden – und übrigens auch Humanisten – den Feiertag mit Aktionen vermiesen wollen, ist noch bedauernswerter.

Von: Nicolai Franz

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