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Luther-Symposium: Wie religiös darf Politik sein?

Die SPD-Bundestagsfraktion hat am Montag Kirchenvertreter und Politiker zum „Luther-Symposium“ eingeladen, darunter die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, und den Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse. Die Podiumsgäste diskutierten am Abend in Berlin zum Thema "Reformation heute – Herausforderungen und Verantwortung für das Gemeinwesen“.
Von PRO

Foto: Universal Pops (CC-BY-NC-SA)

„Die Reformation geht alle an“, sagte Iris Gleicke, Lutherbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, in ihrer Begrüßung zum Luther-Symposium in Berlin. Im Jahr 2017 feiert die Evangelische Kirche das 500. Jubiläum des Thesenanschlags von Martin Luther an der Wittenberger Schlosskirche. Zum diesjährigen Themenjahr der Lutherdekade „Reformation und Toleranz“ stieß das Symposium einen Diskurs zu Demokratie, Freiheit und Toleranz an.

Käßmann: Reformation als Gesamtgeschehen

Die Reformationsbotschafterin der EKD, Margot Käßmann, sagte, die Reformation müsse als Ganzes gesehen werden. Ihre Reduzierung auf die Symbolfigur Martin Luther werde der Geschichte von 500 Jahren Reformation nicht gerecht. Der Protestantismus in Deutschland und weltweit sei souverän, und auch Schattenseiten dürften nicht ausgeblendet werden, sagte sie.

Die Frage, was Reformation bedeute, stelle sich heute im Kontext einer säkularisierten Gesellschaft. Eine neue Sprache des Glaubens sei notwendig, eine Sprache, die „dem Volk aufs Maul schaut“, wie Luther es bildhaft formulierte. Ihm gelinge es, die Inhalte des Glaubens in die Alltagswelt seiner Zeitgenossen zu übersetzen. Dies sei erneut Aufgabe der Kirche, so Käßmann. Der Bildungsauftrag der Reformation gehe weiter, als Schülern zu erklären, dass am 31. Oktober Reformationstag in Deutschland ist und nicht Halloween.

Thierse: Toleranz ist keine Selbstverständlichkeit

Wolfgang Thierse vertiefte in seinem Beitrag den Zusammenhang von Freiheit und Toleranz. Er warnte vor einer Idealisierung Luthers. Der Reformator könne nicht am modernen Toleranzbegriff gemessen werden. Doch dessen Verständnis von Glaubensfreiheit als Freiheit des Gewissens habe eine Entwicklung in Gang gesetzt, die zum heutigen Verständnis von Freiheit und Toleranz führt. Thierse definierte Toleranz als Kultur der Anerkennung, die nicht selbstverständlich gegeben sei. „Ohne Toleranz gibt es keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt. In einer Gesellschaft der Differenz ist Toleranz eine notwendige, aber anstrengende Tugend“, sagte er. Diese Tugend sei das ethische Fundament gelingender Demokratie. Daran solle das Reformationsjubiläum erinnern.

Wie religiös darf Politik sein?

Mit dieser Frage eröffnete Gleicke die Diskussion und betonte den historischen Meilenstein der Trennung von Kirche und Staat. Thierse bat um begriffliche Unterscheidungen: „Trennung von Staat und Kirche, ja. Trennung von Glaube und Politik, nein. Ich bin doch nicht schizophren als Christ und als Politiker!“ Wichtig sei es nach Thierse, eigene christliche Grundüberzeugungen für Anders- und Ungläubige verständlich zu machen. Käßmann betonte, Religion nicht mit Moral zu verwechseln. Religion meine immer „Sinnerfahrung“, die das menschliche Verhalten jenseits von Moral präge. Christliches Handeln und christliche Überzeugung seien nicht voneinander zu trennen.  

Kerstin Griese, Beauftragte für Kirchen und Religionsgemeinschaften der SPD-Bundestagsfraktion, ging auf die Stellung der Kirche ein: „Ich würde meine Kirche kritisieren, wenn sie keine Position in der Öffentlichkeit beziehen würde.“ Sie habe die Aufgabe, Anwalt der Schwachen zu sein, und müsse bekannt sein für ihr Engagement für Benachteiligte.

„Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“

Thierse erinnerte zum Abschluss an die Ausgangsfrage Luthers: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Eine Frage, die nach Leben mit Sinn, das vor Gott gerechtfertigt ist, frage. „Welche Frage ist das heute in unserer Leistungsgesellschaft?“, fragte er die Zuhörer. „Das finde ich aufregend zu entdecken! Hier hat Kirche politische Dimension. Sie hat störrisch zu sein und zu erinnern, wer der Mensch ist und was Sinn ist. Sie soll erinnern, dass der Mensch mehr ist als Arbeitskraft und Konsument. Kirche steht damit im Zentrum der Politik.“ (pro)

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