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Lieber Vernunftmensch als Visionär

Er war ein Macher, ein Mahner und ein kritischer Intellektueller mit Macken. Helmut Schmidt galt als Krisenmanager und zeitlebens gehörte er der Evangelischen Kirche an. Das Christentum sah er zunehmend kritisch. Im Alter von 96 Jahren ist der Altkanzler in Hamburg gestorben. Ein Nachruf von Christoph Irion
Von PRO
Solange es seine Gesundheit erlaubte, kommentierte Alt-Kanzler Helmut Schmidt das aktuelle Weltgeschehen in Talkshows, Artikeln und Büchern
Solange es seine Gesundheit erlaubte, kommentierte Alt-Kanzler Helmut Schmidt das aktuelle Weltgeschehen in Talkshows, Artikeln und Büchern
Ein unscheinbares Reihenhaus im Neubergerweg. Hier, im eher kleinbürgerlichen Hamburger Stadtteil Langenhorn, lebte über fast sechs Jahrzehnte der prominenteste Sohn der Hansestadt. Helmut Schmidt war zwischen 1974 und 1982 der fünfte Bundeskanzler Deutschlands. Der Sozialdemokrat und studierte Ökonom diente der Bonner Republik als Fraktionschef, als Verteidigungs- und Finanzminister. Und in seiner Heimatstadt übernahm er als junger Innensenator die Regie, als 1962 die Jahrhundertsturmflut die Elbdeiche wegspülte. Um sein geliebtes Hamburg zu retten, überschritt der damals 43-Jährige kurzerhand alle Kompetenzen: Denn der Erste Bürgermeister war nicht greifbar. Und um ihn herum gab es nach eigenen Angaben nur „lauter aufgeregte Hühner. Und einer musste die Sache in die Hand nehmen.“ In seinen letzten Lebensjahren avancierte der Altkanzler zu einer Art modernen Ikone: einem Vorbild, einem politischen Idol, einem Haltgeber in haltlosen Zeiten. Sein scharfer Verstand, sein flottes Mundwerk, seine strategische Kompetenz waren legendär. „Niemand wird so verehrt wie er“, schrieb Der Spiegel im Jahr 2008 und zitierte eine Umfrage, in der der damals 90-Jährige zum „coolsten Kerl“ Deutschlands gewählt wurde – noch vor dem Schauspieler Til Schweiger. Keine Frage: Helmut Schmidt war ein bedeutender Zeitgenosse. Doch wenn jetzt aus Anlass seines Todes ihm mancher Kommentator beispiellose Popularität attestiert, dann trifft das nicht den Kern. Willy Brandt, der erste sozialdemokratische Bundeskanzler (1969-1974) und Friedensnobelpreisträger, wurde geliebt. Sein Nachfolger Schmidt wurde geschätzt und respektiert. Brandt galt als Visionär. Seine innenpolitische Reform-Parole lautete: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ In der Außenpolitik setzte er im Kalten Krieg auf „Entspannung“ gegenüber dem kommunistischen Ostblock. Im Gegensatz zu Brandt galt Schmidt als kühler Pragmatiker. Er übernahm das Kanzleramt, als die Arbeitslosigkeit im Westen Deutschlands in Folge der Ölkrise erstmals dramatisch anstieg. „Mit Realismus und Nüchternheit“ werde sich seine SPD/FDP-Regierung „auf das Wesentliche“ konzentrieren, kündigt er in seiner ersten Regierungserklärung an – das klang ganz anders als bei „Willy Wolke“. Unvergessen ist Schmidts Ausspruch: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ (Spiegel-Interview, 1980).

Scharfe Kritik von Oskar Lafontaine

Geboren wurde der Lehrersohn im Hamburger Arbeitervorort Barmbek am 23. Dezember 1918 – da war gerade der Erste Weltkrieg vorbei. In der liberal geprägten und musisch ausgerichteten „Lichtwark“-Oberschule in Hamburg-Winterhude lernte er nicht nur Klavier, sondern im Alter von zehn Jahren auch Hannelore Glaser kennen – seine „Loki“. Mit ihr war er 68 Jahre lang verheiratet, bis zu ihrem Tod 2010. Das Studium musste Helmut Schmidt verschieben: Stattdessen musste er 1944 als Wehrmachtsoffizier an die Front. Viele politische Weggefährten haben es gar nicht gern gehört, dass für Schmidt „das Erlebnis der Kameradschaft im Kriege“ prägend fürs Leben war. Der für die SPD wichtige Begriff der Solidarität beruhe letztlich auf derselben „sittlichen Grundhaltung“, sagte Schmidt einmal. Tatsächlich hat er sich immer als sozialer Demokrat, nie als klassenkämpferischer Sozialist verstanden. Innerhalb seiner eigenen Partei hatte es der Kanzler oft nicht leicht. Im Jahr 1982 sagte der damalige SPD-Youngster und spätere Linken-Parteichef Oskar Lafontaine in einem Stern-Interview, mit den von Schmidt geschätzten Sekundärtugenden wie „Pflichtgefühl, Berechenbarkeit und Machbarkeit“ könne man auch „ein KZ betreiben“. Schmidt erwarb sich als Kanzler international den Ruf eines „Weltökonoms“. Doch die wirtschafts-, finanz- und arbeitsmarktpolitische Bilanz seiner Regierung fiel tatsächlich sehr enttäuschend aus: Am Ende kündigten die Liberalen die Zusammenarbeit auf. Und Schmidt musste dem ungeliebten langjährigen CDU-Herausforderer Helmut Kohl das Kanzleramt überlassen. Journalisten, denen er in späteren Jahren in seinem Büro am Hamburger Speersort die Gunst einer Interviewstunde gewährte, empfing Helmut Schmidt gern in mürrischer Stimmung. Im Gespräch gab sich der ganz in Qualm gehüllte Hausherr dann ungeduldig und allwissend. Die erste Frage des Gegenübers qualifizierte er schon mal als unqualifiziert ab: „So können Sie diese Frage gar nicht stellen.“ Dann dozierte Schmidt die Gesamtzusammenhänge der globalen Finanz-, Handels- und Geldströme. Er schimpfte über „Raubtierkapitalismus“. Und Lehrmeinungen, die seinen eigenen Erkenntnissen widersprachen, nannte er „dummes Zeug“. In einer faszinierenden Achtminuten-Antwort wurde schließlich die ganze Welt erklärt. Und alles erschien wunderbar schlüssig, klar und logisch. Zum Finale legte Schmidt den Kopf leicht schief und zeigte sein berühmtes Halblächeln, bevor er wieder an seiner Zigarette zog. Seine politisch größte und zugleich bitterste Stunde erlebte Helmut Schmidt im „Heißen Herbst“ 1977, als die links-terroristische „Rote Armee Fraktion“ Deutschland in Atem hielt. Die Blutspur wurde immer länger. Wochenlang hielten die Terroristen den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer in ihrer Gewalt, um Gesinnungsgenossen freizupressen. Die Situation drohte außer Kontrolle zu geraten, als palästinensische Freischärler zusätzlich eine Lufthansa-Boeing mit 91 Geiseln an Bord entführten. In dem dramatischen Nervenkrieg blieb der Kanzler standhaft. Die klare Botschaft, die in aller Welt zum Maßstab wurde, lautete: „Der demokratische Staat lässt sich nicht erpressen.“ Auf Schmidts Anweisung hin wurden mit Hilfe der Anti-Terror-Einheit GSG 9 fast alle Flugzeuggeiseln befreit – doch Schmidt wusste, dass dies die Ermordung Schleyers zur Folge haben würde. Die Welt bejubelte den Staatsmann Helmut Schmidt. Jahrzehnte später sagte der Vernunftsmensch nachdenklich: „Ich bin in Schuld verstrickt.“ Er sprach von einer menschlichen, nicht von einer strafrechtlichen Schuld.

Schmidt lehnte christliche Mission ab

Oft hat Schmidt philosophisch argumentiert, insbesondere mit Bezügen zum „Kritischen Rationalismus“ von Karl Popper (1902–1994) und zum Soziologen Max Weber (1864–1920). Dessen Unterscheidung zwischen „Gesinnungsethik“ und „Verantwortungsethik“ ist für ihn in der aktiven Politik eine wichtige Orientierungshilfe gewesen. Was kaum bekannt ist: Zwischen 1965 und 1970 war Helmut Schmidt Mitglied der damaligen Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Hamburg. In bemerkenswerter Weise meldete sich der Kanzler im Wahlkampfjahr 1976 publizistisch zu Wort. Im damaligen christlichen Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn erschien in der Reihe „GTB Siebenstern“ der Schmidt-Titel: „Als Christ in der politischen Entscheidung“. Zwar machte er gleich zu Beginn klar, dass ihm „nichts unangenehmer“ sei, als das ihm „selbstverständlich erscheinende Verwurzeltsein im christlichen Glauben an die große Glocke zu hängen“. Dennoch ließ er keinen Zweifel daran, dass für ihn die „Einheit von Glauben und Handeln“ wichtig sei. Sein Gewissen sei „neben manch anderen Einflüssen zweifellos christlich geprägt“. Jedoch habe er „zu keiner Zeit geglaubt“, dass es „so etwas wie ,christliche‘ Politik geben“ könne. Schmidt blieb bis zum Lebensende Mitglied seiner Kirche. Doch in den letzten Jahren ist er auch öffentlich immer stärker auf Distanz zum Christentum gegangen. 2011 erschien sein Buch mit dem Titel „Religion in der Verantwortung – Gefährdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung“. In seinen Ausführungen kritisierte der Altkanzler vor allem das Christentum: Die Mission gegenüber Andersgläubigen habe er „stets als Verstoß gegen die Menschlichkeit empfunden“. Wichtig sei religiöse Toleranz. „Was ich noch sagen wollte“ – so heißt das letzte Buch von Helmut Schmidt. Es erschien im März 2015. Hier legt der Altkanzler noch einmal nach. Die Vorstellung, dass eine Religion durch Mission möglichst umfassend verbreitet werden solle, halte er für „zunehmend gefährlich“, schrieb Schmidt. Der christliche Missionsgedanke habe „unermessliches Leid über die Menschen gebracht“. Seine eigene Religiosität sei nie besonders ausgeprägt gewesen. Auch kritisierte er die Aussage Jesu aus der Bergpredigt, sich nicht allzu sehr um die Erfordernisse des Tages zu kümmern. Schmidt: „Je länger ich über die Konsequenzen solcher Lehrsätze nachdachte, desto fremder wurde mir das Christentum.“ (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/politik/detailansicht/aktuell/helmut-schmidt-gegen-spd-ausschluss-sarrazins-83279/
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https://www.pro-medienmagazin.de/kultur/buecher/detailansicht/aktuell/helmut-schmidts-spirituelle-zeitreise-82691/
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