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Lasset die Kinder zu mir kommen

Konfessionelle Kitas haben das Potenzial, die Jüngsten mit dem Glauben vertraut zu machen. In vielen Kitas gelingt dies, allerdings gibt es natürliche Grenzen.
Von PRO
In konfessionellen Kitas können Kinder mit Glaubensthemen in Kontakt kommen

Foto: Craig Whitehead

In konfessionellen Kitas können Kinder mit Glaubensthemen in Kontakt kommen

Sonntag, zwei Minuten vor zehn. Gedränge im Gemeindesaal. Jacken und Mützen türmen sich auf Stühlen, zwischen den Reihen flitzen Vierjährige hindurch, Einjährige erkunden die Krabbelecke mit Büchern und Bausteinen an der rechten Seite des Saals. Der Vikar – heute ohne Talar – lächelt, beugt sich nach unten und begrüßt die Kinder auf Augenhöhe. Familienkirche an diesem Sonntag – mit und von den Jungen und Mädchen des gemeindeeigenen Kindergartens. Sie singen die Lieder auswendig mit, rennen um den Altar zu ihren Eltern, um sich segnen zu lassen, und fassen sich beim Vaterunser an den Händen.

„Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes“, sagt Jesus im Lukasevangelium, Kapitel 18 Vers 16. In Deutschland tun dies Angaben der Evangelischen Kirche zufolge mehr als eine halbe Million Kinder täglich: Sie besuchen einen christlichen Kindergarten und lernen hier nicht nur sauber mit Besteck zu essen, selbstständig auf die Toilette zu gehen oder sich in eine Gemeinschaft einzufügen, sie lernen auch Christus kennen. Sie erfahren Gott und spüren den Heiligen Geist durch die Gruppenräume wehen – bestenfalls.

Mission in der Kita

Was Babys und Kleinkinder in den ersten Jahren ihres Daseins lernen und erfahren, das prägt sie für den Rest ihres Lebens. Macht das christliche Kindergärten also zu den Orten von Mission schlechthin?

„Kindergärten sind Orte der Bildung“, stellt Matthias Hahn von der Evangelischen Hochschule in Berlin fest. Der Professor für Evangelische Religions- und Gemeindepädagogik erklärt, wie hoch die Bedeutung von Bildungsprozessen in diesem jungen Alter ist. Das lässt sich natürlich auf die Kindergärten und die religiöse Bildung beziehen. Kinder haben ein Recht auf Religion – auch und gerade wenn sie in konfessionslosen Elternhäusern aufwachsen. In den neuen Bundesländern ist das fast die Regel. Dennoch gibt es in jeder größeren Stadt christliche Kindergärten, und auch christliche Schulen erleben einen großen Zulauf. Viele konfessionslose Kinder besuchen die von Diakonie, Gemeinden, Vereinen oder Stiftungen getragenen Einrichtungen. „Diese Kinder haben noch nie in ihrem Leben etwas über Religion gehört. Aber sie haben das Recht darauf, dass ihnen dieser wichtige Teil des Lebens erschlossen wird“, sagt Professor Hahn.

Dem christlichen Menschenbild entsprechend wird in den Einrichtungen akzeptiert, dass Menschen unterschiedlich sind, verschiedene Zugänge zu Religion haben und dass dennoch in jedem Spiritualität steckt Foto: Josh Applegate
Dem christlichen Menschenbild entsprechend wird in den Einrichtungen akzeptiert, dass Menschen unterschiedlich sind, verschiedene Zugänge zu Religion haben und dass dennoch in jedem Spiritualität steckt

Durch liebevolle und glaubwürdige Erwachsene, durch kindgerechte Erzählungen und Materialien, durch Feste und Rituale kann es gelingen, das Samenkorn des Glaubens in kleine Herzen zu pflanzen. Das dürfe aber nicht erzwungen und die Kinder nicht instrumentalisiert werden, betont Hahn. Und er dämpft Erwartungen: Dass das Samenkorn aufbricht, keimt und wächst, liegt weniger in menschlichen Händen. „Der Glaube kommt von Gott, und unsere Versuche, ihn den Kindern zu zeigen, sind deshalb begrenzt.“ Keineswegs sollten Erzieher, Pfarrer, Gemeindepädagogen denken, sie brächten Christus zu den Kindern. Vielmehr sollten sie mit wachen Augen schauen, wo er bereits ist und wirkt.

Was Kirche tun kann, um Erzieher religionspädagogisch zu qualifizieren, hat Pfarrerin Angela Kunze-Beiküfner in ihrer Doktorarbeit untersucht. Zudem hat die Pfarrerin die Angebote für Kita-Mitarbeiter am Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirchen Mitteldeutschlands und Anhalts (PTI) mitaufgebaut. „Im Religionsunterricht gibt es ein Überwältigungsverbot, das gilt de facto auch für Kindergärten“, sagt sie. Das bedeutet: Dem christlichen Menschenbild entsprechend wird in den Einrichtungen akzeptiert, dass Menschen unterschiedlich sind, verschiedene Zugänge zu Religion haben und dass dennoch in jedem Spiritualität steckt.

Wo die Wiege des Kindergartens steht

Erzieher und Kinder in kirchlichen Kindergärten zelebrieren Feste und Rituale, sie wünschen zum Geburtstag nicht nur Glück, sondern auch Segen, sie sprechen vor dem Essen ein Tischgebet, feiern mit dem Pfarrer eine Wochenandacht. „Religiöse Erziehung funktioniert über mehrere Wege. Aber es passiert auch ganz viel in der Beziehung zwischen Erziehern und Kindern, auch unter den Kindern selbst“, schildert Kerstin Enk, Leiterin des evangelischen Kindergartens im thüringischen Schleiz. Nicht weit entfernt von hier steht die Wiege des Kindergartens: In Bad Blankenburg setzte Friedrich Fröbel 1839 sein Programm zur frühkindlichen Bildung in die Tat um. Am 2. Dezember 1867 wurde in Schleiz die erste „Kleinkindbewahranstalt“ eröffnet. Die Einrichtung blieb über die Jahrzehnte und die politischen Systeme hinweg evangelisch, getragen von einem Verein, später der Kirchengemeinde und seit 2009 von der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein.

Kein Kind wird gezwungen zu beten

Zu DDR-Zeiten besuchten mehr Kinder aus christlichen Familien den Kindergarten, heute ist geschätzt die Hälfte der Eltern konfessionslos. „Immer mehr Menschen haben mit Glaube und Kirche nichts zu tun. Das nimmt leider zu. Aber wir spüren bei den konfessionslosen Eltern, die ihre Kinder hier anmelden, keine Befindlichkeiten. Nein, überhaupt nicht. Jeder, der sich für eine Aufnahme in unseren Kindergarten interessiert, wird im Vorfeld zu einem Gespräch eingeladen. Da nehme ich mir eine Stunde oder mehr Zeit und erkläre, wie wir hier arbeiten“, sagt Enk. Eines macht sie deutlich: „Hier wird niemand indoktriniert. Wir leben gemeinsam und gestalten den Alltag. Die Kinder werden miteinbezogen.“ Kein Kind wird gezwungen zu beten, aber alle sind eingeladen sich zu beteiligen, wenn in der Gruppe Tischgebete entwickelt werden oder der Ablauf von Andachten besprochen wird. Dass konfessionslose Eltern sich nach der Aufnahme ihrer Kinder taufen lassen, das komme vor, allerdings selten. Enk betont, seitens der Gemeinde gebe es keinen Druck, keine Vorgaben: „Im Gegenteil. Wir bereichern uns gegenseitig in wunderbarer konstruktiver und wertschätzender Zusammenarbeit.“

Auch Kunze-Beiküfner vom PTI warnt davor, die Beziehung zwischen Kindergarten und Gemeinde einseitig zu definieren. „Kindergärten sind nicht dafür da, um die Kinderkurse Gemeinde aufzufüllen“, sagt sie. Vielmehr sollte die Gemeinde das eigenständige geistliche Leben im Kindergarten anerkennen, all die Morgenkreise und Andachten, die bereits heute eine große Anzahl von Kindern aus konfessionslosen Elternhäusern erreichen. Und, so ergänzt die Pfarrerin, schließlich können auch Eltern von Kindern lernen.

Von: Katja Schmidtke

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