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Kurswechsel im Vatikan?

Obwohl Peter Seewalds Buch "Licht der Welt" erst am Dienstag erscheint, sorgt sein ausführliches Papst-Interview schon jetzt weltweit für Schlagzeilen. Der Pontifex sei von der Kondom-Doktrin des Vatikan abgerückt, heißt es, eine Erneuerung der katholischen Kirche habe begonnen. Die Deutsche Evangelische Allianz begrüßt die (Neu-)Positionierung des Papstes.

Von PRO

Foto: L'Osservatore Romano

Es gibt wohl keinen Journalisten, der Papst Benedikt XVI. so gut kennt, wie Peter Seewald. Schon 1996 veröffentlichte er ein Interviewbuch mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger unter dem Titel "Salz der Erde". Neben derer Biografie "Jesus Christus" (Pattloch), brachte der ehemalige "Spiegel"-Mitarbeiter drei Büchern auf den Markt, in denen er dem Weltbild des zwischenzeitlich zum Papst ernannten Ratzinger auf den Grund geht. Der Pontifex ist Seewalds Lebenswerk. Auch deshalb hat Benedikt ihm in einem sechsstündigen Interview nun wohl Dinge anvertraut, die die Welt so noch nie aus dem Mund eines Papstes gehört hat.

Kondome – erster Schritt zu Moralisierung?

"Es mag begründete Einzelfälle geben, etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet, wo dies ein erster Schritt zu einer Moralisierung sein kann, ein erstes Stück Verantwortung, um wieder ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will." Es ist dieses Zitat aus "Licht der Welt", das die Nachrichten beherrscht und hinter dem viele einen Kurswechsel des Papstes beim Thema Verhütung und Sexualmoral vermuten. Noch 2009 sorgte er für Schlagzeilen, weil er auf dem Flug nach Afrika sagte: "Man kann das Aids-Problem nicht durch die Verteilung von Präservativen regeln. Ihre Benutzung verschlimmert vielmehr das Problem."

Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Jürgen Werth, begrüßt diese Positionierung des Papstes. Gegenüber pro sagte Werth am Montag: "Ich finde es begrüßenswert, dass der Papst den Wert der menschlichen Sexualität nach wie vor anerkennt, dass für ihn also nicht alles okay ist, sondern er sich an den Maßstäben der Bibel orientiert, für die Sexualität nicht beliebig ist, sondern in einen verbindlichen Rahmen gehört. Dass er nun von einer grundsätzlichen Absage an Kondome abrückt, zeigt, dass ihn das Leid in der Welt bewegt und dass er das einzelne Individuum vor Augen hat. Schön, wenn die Presse ihn nun anders wahrnimmt, als noch 2009."

Die Passage zur Prostitution könnte mehr als explosiv sein, schreibt unterdessen die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Benedikt scheine sich hier auf männliche Prostituierte zu beziehen und damit auf ein weiteres Tabu-Thema: Den Homo-Sex, den es nach Ansicht der katholischen Kirche gar nicht geben dürfte. Nicht ausgeschlossen sei jedoch, dass der Papst einen sich prostituierenden Menschen allgemein meine, kommentierten Vatikan-Insider. Für eine endgültige Aufklärung der Formulierung gelte es abzuwarten, bis das Buch am Dienstag in Rom präsentiert werde.

Fall Williamson: "Leider hat niemand im Internet nachgeschaut"

Doch das Thema Kondome ist bei weitem nicht der einzige heikle Punkt im Interview mit Peter Seewald. So beschwert sich Benedikt etwa, "dass es im katholischen Deutschland eine beträchtliche Schicht gibt, die sozusagen darauf wartet, auf den Papst einzuschlagen". Damit könnte er den "Fall Williamson" meinen. Anfang 2009 nahm Benedikt vier exkommunizierte Bischöfe wieder in die katholische Kirche auf, dazu gehörte Richard Williamson, der zuvor beträchtliche Zweifel am geschichtlich überlieferten Hergang des Holocaust geäußert hatte. Hätte er von diesen antisemitischen Äußerungen gewusst, so der Papst heute, hätte er Williamson anders behandelt. "Aber leider hat niemand bei uns im Internet nachgeschaut und wahrgenommen, um wen es sich hier handelt", erklärt er weiter.

Und auch zu einem der derzeit wohl am heißesten diskutierten europäischen Themen äußert sich der Papst: "Was die Burka angeht, sehe ich keinen Grund für ein generelles Verbot. Es heißt, einige Frauen würden sie nicht freiwillig tragen, sondern es handele sich vielmehr um eine Art von ihnen aufgezwungener Gewalt. Es ist klar, dass man damit nicht einverstanden sein kann. Wenn sie sie (die Burka) jedoch freiwillig tragen wollten, sehe ich keinen Grund dafür, dies zu verbieten." Ein Burkaverbot wie jüngst in Frankreich erlassen, ist mit dem Papst also nicht zu machen. Dafür dürfe aber auch nicht auf Kreuze in Schulen verzichtet werden. Eine Religion der Gottlosigkeit sei intolerant. "Ich stimme mit dem Papst überein", erklärt Jürgen Werth. "Wir leben in einem Land, in dem Religionsfreiheit herrscht. Das gilt für uns Christen, aber auch für Muslime oder Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften. Wo Zwang herrscht, ist kein Platz für echten Glauben."

Ohne Gott ist nichts

Und so ist vieles von dem, was die Leser des "Focus" vorab von "Licht der Welt" zu lesen bekommen, vor allem evangelistisch zu verstehen: "Heute ist das Wichtige, dass man wieder sieht, dass es Gott gibt, dass Gott uns angeht und dass Er uns antwortet. Und dass umgekehrt, wenn Er wegfällt, alles andere noch so gescheit sein kann – aber dass der Mensch dann seine Würde und seine eigentliche Menschlichkeit verliert und damit das Wesentliche zusammenbricht."

"Licht der Welt – Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit" erscheint am Mittwoch in acht Sprachen, darunter auch in Deutsch. Am Dienstag wird das Buch offiziell im Vatikan vorgestellt. Seewald selbst zeigt sich in Interviews zum Interview nach wie vor begeistert vom ehemaligen Kardinal Ratzinger. Offen sei er gewesen, habe kaum eine Antwort im Nachhinein verändern lassen und sei herrlich uneitel. "An dem öffentlichen Bild, er sei ein verknöcherter Typ, eine Art Bitterholz, ein Aktenfresser, ist nichts dran", sagte Seewald der "Welt", und weiter: "Er ist eine Seele von Mensch. Ich habe erlebt, wie er im Auto laut ein Lied aus dem Radio mitsang. Wir haben auch immer wieder Persönliches besprochen. Man will ja auch wissen, wie sich ein Papst fühlt, wie er seine Freizeit verbringt und Ähnliches." Nun hoffe er, sein Buch helfe, Denkschablonen abzulegen. Für ihn ist Benedikt XVI. "einer der größten Denker unserer Zeit und einer der größten Theologen, den die katholische Kirche je hatte – und wahrlich kein Traditionalist". (pro)

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