In Berlin gingen am Mittwoch rund 2.500 Menschen unter dem Motto „Berlin trägt Kippa“ auf die Straße

In Berlin gingen am Mittwoch rund 2.500 Menschen unter dem Motto „Berlin trägt Kippa“ auf die Straße

Männer genauso wie Frauen, Junge und Alte sowie Politpromis trugen die jüdische Kopfbedeckung

Männer genauso wie Frauen, Junge und Alte sowie Politpromis trugen die jüdische Kopfbedeckung

„Berlin trägt Kippa“: Tausende solidarisieren sich mit Juden

Rund 2.500 Menschen haben am Mittwoch in Berlin ein Zeichen ihrer Solidarität gesetzt. Unter dem Motto „Berlin trägt Kippa“ reihten sich auch Politiker mit der typischen Kopfbedeckung männlicher Juden in die Menge ein. Nach dem Angriff auf zwei kippatragende junge Männer vergangene Woche hatte die Jüdische Gemeinde zu Berlin zu dieser Aktion aufgerufen. Im Berliner Stadtteil Neukölln wurde eine Kundgebung wegen der bedrohlichen Lage abgebrochen.

Es ist ein Meer von Köpfen mit den kleinen runden Kappen auf dem Hinterkopf. Gehäkelte oder bestickte, bunte und weiße. Männer wie Frauen tragen sie, Jung und Alt, Berliner Bürger und Politpromis. „Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Kippas gesehen wie heute“, ruft Rednerin Lea Rosh, Vorsitzende des Förderkreises „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, begeistert – und sie sei oft in Israel gewesen. Die Kippa, bei den Juden ein Zeichen der Ehrfurcht vor Gott, ist am Mittwochabend in der abgesperrten Fasanenstraße nahe dem Ku’damm vor allem Symbol des Solidarisierens mit den jüdischen Mitbürgern.

„Die Geschichte soll sich nicht wiederholen“, sagt eine alte Frau. Sie gehe nicht mehr gerne zu Demonstrationen, „aber das hier war notwendig. Ich will nicht, dass Kinder wegen ihres Glaubens angefeindet werden. Ich will nicht in einem Staat leben, in dem man sich wegen der Religion umbringt.“ Diese Aktion finde eigentlich am falschen Ort statt, meint ein Mann. „Hunderttausende Berliner müssten mit oder ohne Kippa durch Kreuzberg oder Neukölln gehen.“ Seiner Partnerin ist wichtig: „Man kann nur immer wieder versuchen, andere von dem zu überzeugen, was man denkt.“ Auch die Frontfrau der Frauenbewegung, Alice Schwarzer, ist in die Fasanenstraße gekommen: „Wenn man die Gelegenheit hat, gegen Antisemitismus zu demonstrieren, ist man dabei, das ist doch klar.“

Ein Mann ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde. Ihn freut, dass so viele gekommen sind, „solange diese Grundhaltung keine Eintagsfliege bleibt“. Seine Hoffnung ist, dass Menschen im Alltag das Wort ergreifen. Er wisse, dass viele aus der Gemeinde schon schauten, wohin man möglicherweise ausreisen könne. Er persönlich hält es für Unsinn, dass der Antisemitismus von der deutschen Rechten komme. „Der kommt eindeutig von den Muslimen. Ein AfD-Mann hat noch nie einen Juden in Deutschland angegriffen.“ AfD-Funktionäre seien hier nicht willkommen, erklärt dagegen Dalia Grinfeld, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland. Man werde deren „Fake-Judenfreundlichkeit“ nicht akzeptieren.

„Antisemitismus hat in unserer Stadt keinen Platz“

„Es wird in Berlin so langsam ungemütlich“, warnt Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Initiator der Aktion. Von den Zuständen in Frankreich und Belgien sei man aber noch weit entfernt. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, ruft der Menge zu: „Es reicht!“ Es sei Realität in Deutschland, dass jüdische Eltern ihren Kindern rieten, nach dem Gottesdienst die Kippa abzusetzen oder die Kette mit dem Davidsstern in der U-Bahn unter dem Pullover verschwinden zu lassen. Man habe es sich viel zu gemütlich eingerichtet mit ein bisschen Antisemitismus, ein bisschen Rassismus und ein bisschen Islamfeindlichkeit. Schusters Forderung stattdessen: Einhundert Prozent Respekt, „sonst bleibt eine intolerante Gesellschaft übrig“. Sein Appell an die Zuhörer: „Leisten Sie Ihren vielleicht ganz kleinen Beitrag zu einer Gesellschaft, in der alle Gruppen und Religionen unbehelligt leben können.“

Viel Applaus gibt es für die deutlichen Worte des Grünen-Politikers Cem Özdemir. „Wir hätten diese Veranstaltung ausrichten müssen“, ruft er. Dass das die jüdische Gemeinde habe tun müssen, sei im Grunde ein Fehler. „Jeder Mensch muslimischer Herkunft muss heute an der Seite von Juden stehen, wo sie wegen ihrer Kippa angegriffen werden“, so Özdemir weiter. „Wer Bürger dieses Landes werden möchte, der muss sich in die Staatsräson dieses Landes einreihen, da gibt’s keinen Rabatt.“ Teil dieser Staatsräson sei das Existenzrecht Israels und das stehe nicht zur Verhandlung.

„Antisemitismus hat in unserer Stadt keinen Platz“, erklärt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). „Wir akzeptieren Antisemitismus in unserem Land nicht“, betont auch Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU). „Diejenigen, die in dieses Land kommen und hier leben wollen, müssen dies wissen.“ In den Schulen und Lehrplänen müsse sich einiges ändern. Auch mehr Aufklärung über die politische Situation des Landes Israel tut nach Kauders Worten not. „Christlicher Glaube und Judenfeindschaft schließen einander aus“, so Bischof Markus Dröge von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. „Antisemitismus ist Gotteslästerung!“

Nach 90 Minuten sind viele wichtige Worte gesagt und Appelle ausgesprochen worden. Die Kippaträger und -trägerinnen brechen auf und mischen sich unter die Passanten. „Berlin trägt Kippa“ – das galt an diesem Mittwoch vor allem für die Fasanenstraße. Bereits auf dem Ku’damm sind die Köpfe mit den kleinen Käppchen nur noch vereinzelt auszumachen. Im Alltag muss und wird sich zeigen, was jeder Einzelne, ob Kippaträger für einen Tag oder nicht, antisemitischem Denken oder Handeln entgegenzusetzen hat.

Bedrohlicher Übergriff in Neukölln

Am späten Nachmittag war es bei einer kleineren Kundgebung im Berliner Stadtteil Neukölln zu einem Zwischenfall gekommen, so dass sie abgebrochen werden musste. Auf dem Hermannplatz wurde einem Teilnehmer eine Israelfahne entrissen. Einem anderen Teilnehmer wurde während seiner Rede vor die Füße gespuckt. Das Video des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) dokumentierte die Vorfälle. Auf dessen Twitter-Profil heißt es: „Die Demonstrantion gegen Antisemitismus auf dem Hermannplatz wurde nach 15 Minuten durch die Organisatoren abgebrochen, da die Lage als ‚zu bedrohlich‘ empfunden wurde.“

Von: Christina Bachmann

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