Olympia-Pfarrer Thomas Weber ist in der evangelischen Gemeinde in Gevelsberg beheimatet

Olympia-Pfarrer Thomas Weber ist in der evangelischen Gemeinde in Gevelsberg beheimatet

Sportler unabhängig von Leistung als Menschen wahrnehmen

Seit dem Jahr 2006 begleitet der evangelische Pfarrer Thomas Weber die deutsche Mannschaft zu den Olympischen Spielen. Er erzählt im Interview mit pro von Notfallseelsorge, einem seiner Konfirmanden im Olympia-Finale und der Vorfreude auf das christlichste Land Asiens.

Pfarrer Thomas Weber aus Gevelsberg betreut für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) das deutsche Team bei den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang. Die Katholische Kirche schickt Hochschulpfarrer Jürgen Hünten. Die Winterspiele finden vom 9. bis 25. Februar statt.

pro: Warum wollten Sie Olympia-Pfarrer werden?

Thomas Weber: Ich bin ganz normaler evangelischer Gemeindepfarrer und war nie Hochleistungssportler. Aber ich habe immer gerne Sport getrieben und hege große Sympathien für die Menschen, die im Sport unterwegs sind. Ich gehöre dem Arbeitskreis „Kirche und Sport“ in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an. Der Vorstand hat mich 2005 gefragt, ob ich 2006 zu den Olympischen Winterspielen nach Turin gehen will. Davor gab es einen Olympia-Pfarrer, der bei der EKD in Hannover saß. Die Stelle war damals vakant und ich habe sie bekommen. Für mich werden die Spiele in Pyeongchang die siebten Olympischen Spiele sein.

Was sind Ihre Aufgaben beim deutschen Team in Pyeongchang?

Zum einen erwartet man von einem Pfarrer, dass er Andachten und Gottesdienste anbietet. Das betrifft sowohl das Olympische Dorf als auch das Deutsche Haus. Darüber hinaus werden wir sicherlich auch an den Gottesdiensten der deutschen Gemeinden in Südkorea mitwirken. Als Seelsorger kümmere ich mich auch um die Menschen, die zur Olympia-Mannschaft dazugehören. Aber es sind auch viele Pressevertreter, Familienangehörige und Freunde und Fans vor Ort, welche die Mannschaft unterstützen. Für diese bin ich auch Ansprechpartner. Natürlich feuern wir auch die deutsche Mannschaft an.

Gab es besonders einprägsame Momente?

Wenn ich zurückdenke an die Olympischen Spiele 2016 in Rio, wo es einen Trauerfall in der deutschen Mannschaft gegeben hat [Anm. d. Red. Der deutsche Kanu-Trainer Stefan Henze verstarb bei einem schweren Verkehrsunfall]: Da war das auch ein Stück Notfallseelsorge, so wie ich sie aus meinen Gemeindediensten in Gevelsberg kenne. Zu meinen Aufgaben gehört aber auch der Bereich der Pressekontakte: Ich war vor zwei Jahren beim ZDF eingeladen. Das ist eine gute Möglichkeit zu zeigen, dass die Kirchen präsent sind.

Das Dach einer Kirche in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul

Das Dach einer Kirche in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul

Erzählen Sie von der Zusammenarbeit mit den christlichen Gemeinden in Südkorea.

Da freue ich mich persönlich sehr darauf. Ich fahre jetzt zum dritten Mal nach Südkorea. Zwei Mal war ich bei den Weltspielen der Studierenden dabei. Südkorea ist das christlichste Land in Asien. Mehr als 30 Prozent der Koreaner sind Christen. Überall in den Dörfern und Städten sieht man die bunten Kreuze, die nachts angestrahlt werden. Mein Ziel ist es, im Laufe des Jahres auf dem Gelände des Gemeindezentrums in Gevelsberg ein großes Kreuz zu haben, was in verschiedenen Farben angestrahlt wird. Ein tolles öffentliches Bekenntnis. Es gibt auch eine deutsche Auslandsgemeinde in Seoul. Vielleicht kommt da ein weiterer Kontakt zustande. Generell finde ich den Kontakt mit südkoreanischen Christen sehr interessant.

Sie sind seit 2006 im Seelsorgeteam der deutschen Olympia-Mannschaft. Was haben Sie aus Ihren bisherigen Einsätzen an Erfahrungen mitnehmen können, die Ihnen in Südkorea weiterhelfen werden?

Ich erinnere mich an meinen ersten Einsatz 2006. Da hat mir der österreichische katholische Olympia-Pfarrer Bernhard Maier freundschaftlich auf die Schulter geklopft. Er sagte: Als er die ersten zehn Jahre dabei gewesen sei, dachte er, dass das keinen Menschen interessiere. Aber dann hätten sich im Laufe der Zeit Kontakte ergeben. Menschen seien gekommen und hätten ihn gefragt, ob er nicht das Kind taufen oder die Hochzeit segnen wolle. Genauso ist es auch bei mir gekommen. Olympia-Seelsorge bedeutet ein Vertrauensverhältnis schaffen.

Wie werden Sie als Person von den deutschen Sportlern angenommen?

Das ist ganz unterschiedlich: Meine Erfahrung zeigt, dass die Olympia-Mannschaft ein Spiegelbild unserer Gesellschaft ist. Die einen sagen, ich bin auch evangelisch oder konfirmiert worden. Die anderen sagen, dass sie überhaupt keine Beziehung zur Kirche haben. Manche Sportler, die in östlichen Bundesländern groß geworden sind, haben keine religiöse Sozialisation mitbekommen. Aber ganz viele sind auch interessiert und fragen, was es mit dem Glauben auf sich hat. Diese stellen dann auch persönliche Fragen: Warum bist du denn Pfarrer? Haben die Kirchen heute noch eine Bedeutung? Hat die Bibel Recht?

Der deutsche Nationalspieler Lukas Klostermann (Trikotnummer drei) mit seinen Kameraden beim Elfmeterschießen im Olympia-Finale von Rio 2016

Der deutsche Nationalspieler Lukas Klostermann (Trikotnummer drei) mit seinen Kameraden beim Elfmeterschießen im Olympia-Finale von Rio 2016

Haben sich die Beziehungen zu Sportlern, die regelmäßig bei Olympischen Spielen dabei sind, über die Jahre verändert?

Vor zwei Jahren bei den Olympischen Spielen in Rio war mein ehemaliger Konfirmand Lukas Klostermann dabei, als die deutsche Fußballmannschaft die Silbermedaille gewonnen hat. Aber zur Olympia-Mannschaft gehören nicht nur Sportler, sondern auch Trainer, Betreuer und Funktionäre. Das sind meistens auch Menschen, die schon einiges auf ihrer Lebensreise erlebt haben. Da spielen bei der Seelsorge Themen wie Familie, Beziehungen und das Scheitern von Beziehungen eine große Rolle. Da sie das ganze Jahr unterwegs sind, ist es schwierig, ein „normales“ Familienleben zu führen. Wenn jemand zum ersten Mal bei den Spielen dabei ist, ist dieser völlig ausgerichtet auf den Höhepunkt seines Sportlerlebens. Wenn Sportler das zweite oder drittel Mal dabei sind und über Jahre eine Topleistung gebracht haben, dann unterhält man sich auch anders und kann besser anknüpfen.

Wie nehmen die Sportler Ihre Andachten während der Spiele an?

Zum einen haben wir als Evangelische Kirche wieder gemeinsam mit der Katholischen Kirche eine kleine Broschüre herausgeben, die „Mittendrin“ heißt. Die Broschüren werden an das Team bei der Einkleidung in München verteilt oder wir geben sie vor Ort in Südkorea weiter. Dann machen wir Aushänge und laden die Menschen zu unseren Andachten ein. Das ist ein kleiner, überschaubarer Rahmen. Da will ich auch ganz ehrlich sein: Es gibt eigentlich keinen richtig guten Zeitpunkt, wo viele kommen. Die einen haben ihre Wettbewerbe, die anderen haben Training und Besprechungen, die dritten wollen an ihrem freien Tag auch etwas vom Land sehen. Wenn das dann eine Runde von 15 Leuten ist, dann ist das eigentlich immer eine schöne Zahl.

In der Broschüre steht: Atempausen sind genauso wichtig wie die Triumphe der Sportler. Wie ist das gemeint?

Unser Leben fordert uns heute in Phasen äußerster Spannung. Deswegen muss es auch Phasen der Entspannung geben. Jeder versucht, ein Gleichgewicht aus Arbeit, Erholung und Familienleben zu halten. Das ist auch im Sport wichtig. Deswegen tragen viele im Olympia-Team dazu bei, dass sich die Sportler wohl fühlen und auch als Menschen wahrgenommen werden, unabhängig davon, welche Leistung sie bringen.

Was sind wiederkehrende Probleme, mit denen Sportler zu Ihnen kommen?

Im Laufe der Jahre habe ich den folgenden Eindruck gewonnen, etwa wenn man in Kontakt kommt und sich abends im Deutschen Haus begegnet: Für junge Sportler steht die Karriere im Mittelpunkt. Sie fragen, wie es im Sport weiter geht oder ob sie ganz nach oben kommen. Da kann ich nur jedem jungen Sportler raten, sich möglichst schnell ein zweites Standbein zu schaffen. Denn im Leben ist es auch ganz schnell mit dem Sport zu Ende. Dann interessiert es auch keinen mehr, ob ich mal bei Olympia teilgenommen habe. Der Ruhm des Sports ist vergänglich.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Michael Müller

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