Der Autor Hamed Abdel-Samad warf in Passau den christlichen Kirchen vor, viel zu spät eine kritische Haltung gegenüber Ditib entwickelt zu haben (Archivbild)

Der Autor Hamed Abdel-Samad warf in Passau den christlichen Kirchen vor, viel zu spät eine kritische Haltung gegenüber Ditib entwickelt zu haben (Archivbild)

Abdel-Samad: Kirchen machten Ditib hoffähig

Der ägyptisch-deutsche Autor Hamed Abdel-Samad hat sich in Passau kritisch zum Umgang der Kirchen mit Ditib geäußert. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm setzt bei muslimischen Verbänden auf den Dialog.

Der ägyptisch-deutsche Autor Hamed Abdel-Samad hat den Kirchen beim Thema Islam vorgeworfen, eine Organisation wie der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) die Türen in die Gesellschaft geöffnet und sie erst hoffähig gemacht zu haben. Er sieht die Ditib als „verlängerten Arm der Türkei“ an. Der politische Islam sei nicht interessiert an der Integration der Muslime in die deutsche Gesellschaft. Er lebe von der Kluft zwischen dem Islam und der modernen Gesellschaft.

„Die Kirchen hatten spät eine kritische Haltung zur Ditib, vor der ich lange gewarnt habe“, sagte Abdel-Samad bei einer Diskussionsrunde am Montagabend in Passau. Der auch geladene Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, erwiderte: „Ich finde es gut, wenn man mit den muslimischen Verbänden im Gespräch ist.“ Auf diese Weise könne die Kirche die Muslime fördern, die „Ja“ zur Demokratie und zum Rechtsstaat sagen.

In Passau diskutierten Bedford-Strohm und Abdel-Samad mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller und dem Historiker Michael Wolffsohn. Auf dem Podium der Veranstaltungsreihe „Menschen in Europa“ waren der christliche Glaube in Deutschland, die Vermittlung des Glaubens im digitalen Zeitalter der Globalisierung und die Rolle des Islams Thema.

„Menschen wollen keine politische Kirche“

Abdel-Samad vertrat auch die These, dass die Menschen keine politische Kirche wollen: „Umso politischer die Kirchen sind, umso leerer sind sie.“ Damit bezog sich Abdel-Samad auf die konstante Anzahl an Kirchenaustritten in Deutschland. Als Gegenbeispiel führte er China an. Da wachse gegen alle Widerstände die christliche Gemeinde, weil sich die Kirchen nicht auf die Politik, sondern auf die Spiritualität konzentrierten.

Wolffsohn ergänzte auf die Frage nach der Krise der Kirchen: „Die Technologie hat sich verändert, aber nicht der Mensch. Die Bedürfnisse sind identisch.“ Er bezeichnete das Alte und das Neue Testament als „antike Literatur“. Die Bibel zu lesen, sei eine Kunst an sich. „Die frohe Botschaft des Evangeliums muss den modernen Menschen verständlich gemacht werden“, sagte Wolffsohn. Kirchen sollten sich auf den Kern des spirituellen Lebens der Menschen konzentrieren und keine Politik machen. Das könnten Parteien besser. Wolffsohn sieht die Kernkompetenz der Kirchen etwa bei dem Thema Bewahrung der Schöpfung.

Bedford-Strohm: Wer Glauben ernst nimmt, kann sich nicht raushalten

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, sah eine Einigkeit in der Frage, ob sich die Kirche in das politische Tagesgeschäft einmischen dürfe: „Die Politisierung der Kirche geht gar nicht“. Aber wenn er seinen Glauben ernst nehme und weltweit strukturelle Probleme sehe, könne er sich wie im Falle der Flüchtlingsthematik nicht raushalten.

Auf den Vorwurf Wolffsohns, es gebe immer mehr Geistliche, die Parteimitglieder seien, entgegnete Bedford-Strohm: „Hier wird die Politisierung von außen in die Kirche hineingetragen.“ Er sei zwar mit 17 Jahren in die SPD eingetreten, aber habe sein politisches Amt rechtzeitig ruhen lassen. Er ermutige auch Christen, sich in die Politik einzubringen. Kardinal Müller betonte, beim Thema Integration von Flüchtlingen im Nächsten nicht den Fremden, sondern Jesus Christus zu sehen. Wobei die politische Ausformung nicht der Bereich der Kirche sei.

Theologische Ahnungslosigkeit

Auf die jährlichen Austrittszahlen der christlichen Kirchen angesprochen, sagte Müller: „Weltweit wächst das Christentum.“ Die Geistlichen sollten ganz einfach und mutig die frohe Botschaft des Evangeliums verkünden. Wolffsohn hakte da ein und bezeichnete die Situation als „verheerend“. „Was weiß der durchschnittliche Bundesbürger über das Weihnachtsfest, was weiß er über Pfingsten?“, fragte Wolffsohn rhetorisch. Die theologische „Ahnungslosigkeit“ bezog er sowohl auf Christen als auf Juden. Sein Befund ist klar: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der Religion eine immer geringere Rolle spielt.“

Bedford-Strohm störte sich an Wolffsohns Ausführungen, sinngemäß einen Großteil der Deutschen als Heiden zu bezeichnen: „Diese Menschen wissen, warum sie in der Kirche sind. Über sie dürfen wir den Stab nicht brechen.“ Er zitierte eine Untersuchung der EKD, wonach der Anteil derjenigen in der Kirche ansteigt, die sich nicht vorstellen können, aus der Kirche auszutreten. „Die Bindung derjenigen, die in der Kirche sind, ist gestiegen“, sagte Bedford-Strohm.

Von: Michael Müller

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