Ein Lied der Trauer

Hans-Jürgen Hufeisen ist der vielleicht bekannteste Flötist Deutschlands. Seine Platten und CDs haben sich millionenfach verkauft, er tritt mit Margot Käßmann und Anselm Grün auf und hat Evangelische Kirchentage geprägt. Was wenige wissen: Hufeisen wurde als Säugling von seiner Mutter ausgesetzt.

Wenn Hans-Jürgen Hufeisen seine Kindheit in Musik fassen soll, greift er zur Alt-Blockflöte. Tiefe, getragene Töne entströmen dem Instrument. Düster, melancholisch, schwer klingt die Erinnerung an die ersten Jahre seines Lebens. „Das ist ein Lied der Trauer“, sagt er.

Eveline Hufeisen ist 23 Jahre alt, als sie Hans-Jürgen allein in einem Hotel im nordrhein-westfälischen Anrath zur Welt bringt. Was an diesem 10. Februar 1954 genau passiert, ist bis heute ungeklärt. Wahrscheinlich hat es sich so abgespielt: Gegen drei Uhr schreit Eveline Hufeisen um Hilfe, der Gastwirt findet die erschöpfte und blutende Frau, holt eine Hebamme, die das Nötigste erledigt. Die junge Mutter, die eigentlich nur auf der Durchreise ist und ihre uneheliche Schwangerschaft bis zu diesem Zeitpunkt geheim gehalten hat, will das Kind nicht haben. In eine Decke gewickelt lässt sie das Neugeborene im Hotelbett liegen und fährt davon.

Einen Tag später findet der Hotelwirt das schreiende Bündel aus Decken und Mensch. Hans-Jürgen Hufeisen wird nie gestillt werden. Er wird nie Schlaflieder von seiner Mutter hören. Stattdessen kommt er zunächst in ein nahe gelegenes Säuglingsheim. Hier wird er die ersten zwei Jahre seines Lebens verbringen, bevor ihn eine Pflegefamilie vorübergehend aufnimmt. Erst 25 Jahre später wird er Eveline Hufeisen wiedertreffen. Ausgerechnet in einem Hotel.

Ein Engel des Dunkels und ein Engel des Lichts

Fragt man Hans-Jürgen Hufeisen heute nach seiner liebsten Bibel-Geschichte, kommt die Antwort schnell: Das Leben des Mose bewegt ihn. Dieses Baby, das eine neue Heimat findet, obwohl es ausgesetzt war – und am Ende Großes bewirkt. Hufeisen hat am 10. Februar dieses Jahres seinen 60. Geburtstag gefeiert. Zeit seines Lebens hat er sich bemüht, die Geschehnisse seiner frühen Kindheit aufzuarbeiten. „Ich mache meinen Frieden damit, indem ich vorangehe, zurückschaue, aber nicht stehen bleibe“, sagt er und wirkt dabei zugleich zerbrechlich und abgeklärt. Als habe er seine Geschichte schon tausendmal erzählt und doch nie ganz verwunden. „Es ist, als sei ich von zwei Engeln umgeben. Einem hellen und einem dunklen“, sagt er. Die beiden befänden sich in Balance und er arbeite daran, dass das Dunkle durchleuchtet werde. Es ist wie bei der von ihm so geliebten Musik: Ohne die tiefen Töne kommt kein schönes Lied zustande. Sie müssen mitklingen, um das Werk zu vervollständigen.

Als Dreijähriger muss der kleine Hans-Jürgen erneut umziehen. Seine Pflegemutter bringt ihn ins Kinderheim Haus Sonneck in Neukirchen-Vluyn im Westen des Ruhrgebiets. Das Jugendamt hat bestimmt, dass sie das Kind abgeben muss. Ihre Wohnung ist zu klein. Wer an westdeutsche Kinderheime der 50er Jahre denkt, hat schnell grausame Bilder im Kopf: Missbrauch, Erniedrigungen, fragwürdige Erziehungsmethoden. All das bleibt Hans-Jürgen Hufeisen erspart. Haus Sonneck gehört zum Neukirchener Erziehungsverein, einem christlichen Kinderhilfswerk. Die Schwestern nennen ihn „Häschen“, weil er so empfindsam ist. Eine gewisse Strenge habe es dort gegeben, auch mal eine Tracht Prügel. Besonders in Erinnerung sind Hufeisen aber die Einschlaf-Rituale im Heim. Eine Schwester habe sich Abend für Abend an sein Bett gesetzt und mit ihm gebetet: „Breit aus die Flügel beide/ o Jesu meine Freude/ und nimm dein Kücklein ein/ will Satan mich verschlingen/ so laß die Englein singen/ Dies Kind soll unverletzet sein.“ Hufeisen kann die Worte noch heute auswendig aufsagen. Und er erinnert sich an das Gefühl, wenn die Schwester seine Stirn berührte und mit den Fingern ein symbolisches Kreuz darauf malte. Das ganze Prozedere habe er als kleiner Junge freilich nicht verstanden. „Aber ich wusste, da ist etwas, was mich beschützt.“

Begutachtet wie im Zoo

Während die anderen Heimkinder am Wochenende regelmäßig von ihren leiblichen Eltern abgeholt werden, bleibt der schweigsame Junge allein. Schwester Erna erklärt ihm: „Es gibt eine Mutter, aber die möchte dich nicht sehen.“ Tatsächlich hat sie ihn zwei Jahre nach seiner Geburt zur Adoption freigegeben. Später wird sie ihm ins Gesicht sagen, dass sie Hans-Jürgen abgetrieben hätte, aber keine Gelegenheit dazu hatte. Wieder und wieder kommen Paare ins Haus Sonneck, die Hans-Jürgen adoptieren wollen. Es läuft immer gleich ab: Eine der Schwestern nimmt ihn an der Hand und führt ihn ins Gästezimmer zu dem Ehepaar. Der Junge wird beschaut, begutachtet, von allen Seiten. „Es war wie im Zoo“, sagt Hufeisen heute. Einmal erschreckt ihn das so sehr, dass er die Hand der Erzieherin greift, laut schreit und aus dem Raum rennt. „Ich habe doch ein Zuhause. Hier ist mein Zuhause“, sagte er anschließend zu den Erzieherinnen. So wird es bleiben. Heute sagt er: „Dieses Gefühl, dass man mich wegschicken wollte, das möchte ich niemandem gönnen.“

Mit sechs Jahren bekommt er seine erste Blockflöte zu Weihnachten geschenkt. Das zurückgezogene und traurige Kind beginnt, die Musik zu entdecken. Schwester Olga bringt ihm bei, die ersten Töne zu spielen, im Wald in der Nähe. Hans-Jürgen lernt keine Lieder. Er ahmt Tiere und andere Geräusche nach. Er imitiert den Wind, die Vögel, erfindet Töne, die vorher noch nicht da waren. Schon kurze Zeit später, mit acht Jahren, spielt er ganze Vivaldi-Konzerte. Auch wenn seine musikalische Karriere atemberaubend werden soll: Seine Wurzeln hat Hufeisen nie vergessen. Bis heute imitiert er bei seinen Auftritten Tiere – zu Weihnachten etwa Ochs‘ und Esel im Stall bei der Krippe. „Die Chance, aus dem Nichts etwas zu machen“, fasziniert ihn und wird fortan sein Leben bestimmen.

„Klopfet an, so wird euch aufgetan“

„Klopfet an, so wird euch aufgetan“, lautet Hufeisens Konfirmationsspruch. Er hat ihn sich als Teenager selbst ausgesucht, heute sagt er, der Satz sei sein Lebensprogramm geworden. Hufeisen studiert Blockflöte, spielt in einem Trio in Nordrhein-Westfalen regelmäßig vor nur einigen Dutzend Menschen. Seit er als Achtjähriger das Weihnachtsoratorium in der Stadtkirche Moers gehört hat, bewegt ihn Kirchenmusik besonders. Er bittet den Liedermacher Siegfried Fietz um eine Chance, in seinen Abakus-Musikverlag aufgenommen zu werden – und bekommt sie. Eine beispiellose Laufbahn beginnt. Bis heute hat er 30 CDs aufgenommen und vier Millionen Exemplare davon verkauft. Er gibt 40 Konzerte im Jahr, steht regelmäßig mit Margot Käßmann oder Anselm Grün auf der Bühne. Von 1983 bis 2011 gehört er quasi zum Inventar des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Doch nicht nur musikalisch klopft Hans-Jürgen Hufeisen an. Als er 25 Jahre alt ist, beschließt er, seine Mutter zu treffen. Noch weiß er nichts davon, dass sie ihn in einem Hotel ausgesetzt hat. Gerade ist seine erste Langspielplatte erschienen: „Hans-Jürgen Hufeisen. Blockflöte.“ Die schickt er gemeinsam mit einem Brief an seine Mutter, deren Adresse er über das Jugendamt herausfindet. Die Antwort kommt Wochen später, maschinengeschrieben, mit Unterschrift per Hand. In einem Hotel in Xanten am Niederrhein wollen Mutter und Sohn sich zum ersten Mal seit 25 Jahren in die Augen blicken. Als Hufeisen den Gastraum betritt, erkennt er seine Mutter Eveline sofort. Sie sitzt am Fenster, ein Cognacglas vor sich, eine Zigarette in der Hand. Sie essen zusammen, er fragt viel, sie antwortet willig. Gegen Mitternacht erzählt die Mutter ihm die Geschichte seiner Geburt. „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich nie ein Hotel für unser erstes Treffen ausgesucht“, sagt er heute. Damals fragt er nur: Warum? Die Antwort bleibt Eveline, die in zweiter Ehe verheiratet nun Schaper mit Nachnamen heißt, ihm schuldig bis zu ihrem Tod im Jahr 2007. Als er am nächsten Morgen am Frühstückstisch auf sie wartet, ist Eveline Schaper bereits abgereist. Wieder hat sie ihn in einem Hotel zurückgelassen.

Beerdigung einer unbekannten Mutter

Hufeisen trifft seine Mutter noch ungefähr sieben Mal. Ihre Beerdigungsfeier organisiert er zusammen mit seiner Halbschwester Karin. „Beerdigen Sie mal eine Mutter, die für Sie nie eine war“, erinnert er sich an den Tag. Doch nicht nur seine eigene Distanz zur Verstorbenen macht ihm zu schaffen. Als der Pfarrer ihn der Gemeinde vorstellt, sind die meisten Trauergäste überrascht. Dass Eveline Schaper einen Sohn hatte, wussten die wenigsten. Das Geheimnis seiner Geburt ist zum Geheimnis seines Lebens geworden. „Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben; Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben“, zitiert der Geistliche einen Liedtext von Paul Gerhardt. Hans-Jürgen Hufeisen spielt auf der Flöte die Melodie. Düster, melancholisch, schwer klingt auch dieses Lied der Trauer um eine Mutter, die er nicht kannte. (pro)

Hans-Jürgen Hufeisens Lebensgeschichte ist als bebilderte Biografie erschienen: Uwe Birnstein: „Das unglaublich Leben des Flötenspielers Hans-Jürgen Hufeisen“, 208 Seiten, Herder, 22 Euro, ISBN 978-3-451-31192-5

Von: al

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