Die Dokumentation „Germans & Jews – Eine neue Perspektive“ hat Juden und nichtjüdische Deutsche befragt zum heutigen Verhältnis untereinander

Die Dokumentation „Germans & Jews – Eine neue Perspektive“ hat Juden und nichtjüdische Deutsche befragt zum heutigen Verhältnis untereinander

Juden und Deutsche: Es ist kompliziert

Die Beziehung zwischen Juden und Deutschen war nach dem Krieg desolat. Erst mit den Jahrzehnten begann die Wunde zu heilen, und heute leben in Deutschland, vor allem in Berlin, wieder viele Tausend Juden. Die informative und zugleich lebendige Dokumentation „Germans & Jews – Eine neue Perspektive“ fühlt dem aktuellen Zustand dieser nicht unkomplizierten Beziehung auf den Zahn. Eine Rezension von Jörn Schumacher

Vor 75 Jahren war der Krieg aus, und es fühlte sich für die Deutschen noch nicht vollständig so an wie eine Befreiung, als die Alliierten Nazi-Deutschland besiegten. Erst als Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor ziemlich genau 35 Jahren, am 8. Mai 1985, seine Rede im Plenarsaal des Deutschen Bundestages hielt, dämmerte es noch mehr Deutschen, dass dieser Tag eben kein Tag der Niederlage war, sondern ein Tag des Glücks. Aus heutiger Sicht fast unglaublich: Viele Deutsche sahen sich nach dem Krieg als Opfer. Nicht als Täter. Die Fernsehserie „Holocaust“ trug in den 70er Jahren dazu bei, dass der jüngeren Generation die Augen geöffnet wurde über den Horror, den ihre Eltern den Juden angetan hatten – weil diese selbst oftmals den Mantel des Schweigens darüber ausgebreitet hatten.

Am 14. Mai dieses Jahres startet der Film „Germans & Jews – Eine neue Perspektive“ in ausgewählten Kinos und als Video-Stream im Internet. Die in Deutschland geborene Regisseurin Janina Quint hat zusammen mit der amerikanischen Produzentin Tal Recanati eine Bestandsaufnahme unter Juden und Nicht-Juden in Deutschland gemacht: Wie steht es heute mit der Beziehung zwischen beiden Gruppen? Quint ist selbst nicht Jüdin, Recanati ist Jüdin, beide leben in New York.

Die beiden Filmemacherinnen haben einerseits Prominente zu diesem Verhältnis und zu ihrer Beziehung zum Holocaust befragt, andererseits haben sie Juden und Nicht-Juden zu einem möglichst unverkrampften Abendessen an einen Tisch gesetzt. Zu Wort kommen so in loser Reihenfolge etwa der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche von Deutschland, Wolfgang Huber, der Sänger Herbert Grönemeyer, der Publizist Rafael Seligman oder der Holocaust-Forscher Fritz Stern, aber auch ganz normale Bürger, die entweder jüdisch sind oder eben nicht. Man erfährt etwa, dass Hubers Vater nach dem Krieg seine Arbeit als Professor für Verfassungsrecht niederlegen musste, weil dieser in das ehemalige Naziregime involviert war. Grönemeyer erinnert sich, dass sein Vater, der in der Hitlerjugend war und im Krieg einen Arm verlor, nach den dunklen Jahren zwischen 1933 und 1945 „wie unter Schock“ gewesen sei, und in der Familie „sehr selbstkritisch“ über diese Zeit sprach. „Natürlich“ habe man mitbekommen, wie es den Juden erging, erzählte dieser seinem Sohn, die Mutter indes verleugnete dies. Seligman, geboren 1947 in Tel Aviv, kam als Kind nach Deutschland. Er berichtet im Film davon, dass 1957 die Lehrer noch alle während der Nazizeit aufgewachsen und ausgebildet worden waren. Entsprechend bekam er es mit unterschwelligem, aber doch tief sitzendem Antisemitismus zu tun.

Nicht nur Auschwitz, sondern auch Mercedes

Der Film gibt in seiner ersten Hälfte einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklungen der schwierigen Beziehung zwischen Juden und Deutschen. Für später Geborene ist dieser Abriss erst recht interessant, haben sie doch vieles nicht mehr präsent. Etwa dass 1952 die Vereinbarung zwischen dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem israelischen Ministerpräsidenten Ben Gurion über deutsche Reparationszahlungen nach Israel vielen Israelis wie ein Blutgeld vorkam, wie das billige Freikaufen einer unsagbar großen Schuld.

Im zweiten Teil schwenkt der Film in die aktuelle Zeit und stellt die Frage ins Zentrum: Kann sich ein Jude in Deutschland zu Hause fühlen? Und tatsächlich: Heute leben über 200.000 Juden in Deutschland. Viele kamen aus der ehemaligen Sowjetunion, aber viele auch aus Israel. Berlin gilt unter Israelis als sehr hip. Die Probleme der Vergangenheit scheinen in den Hintergrund gerückt zu sein. Aber ganz ausgewischt sind sie eben nicht. Die Gespräche mit den Juden, die heute in Berlin leben, zeigen, dass sich Juden natürlich ab und zu fragen: Was hat wohl der Großvater dieses Deutschen dort zwischen 1933 und 1945 gemacht? Auch die Verlegenheit, die sich bei vielen Deutschen auch heute noch gegenüber Juden oder Israelis breit macht, thematisiert der Film. Auf jüdischer Seite kann es ebenfalls zu zwiespältigen Einstellungen kommen: Ein Musiker sagt im Film, seine 1933 von Polen nach Israel emigrierte Großmutter habe einerseits Abscheu, andererseits Bewunderung für die Deutschen empfunden. „Es gab beides zugleich: Auschwitz und Mercedes.“

Viele der Juden geben an, sie seien nach Berlin gekommen, nicht weil, sondern obwohl es eine deutsche Stadt ist. Man finde dort einfach die beste Umgebung, um als Musiker zu leben, so ein Künstler. Aber Normalität? Immer noch schwebt die Vergangenheit über Begegnungen zwischen Israelis und Deutschen. Eine Deutsche sagt im Film: Noch heute empfänden es viele Deutsche eher als Belastung, Deutsche zu sein, und im Ausland sei es eines der größten Komplimente, wenn man sie für Nicht-Deutsche halte.

Antisemitismus nicht aus der Welt

Einen Schlussstrich kann und darf es wohl nie geben in der Beziehung zwischen Juden und Deutschen. Erst recht, wenn der Antisemitismus wieder wächst, und wenn gemäß einer Studie der Anti-Defamation League 27 Prozent der heutigen Deutschen antisemitische Ansichten vertreten. Heutzutage werde die Kritik an Israel als Vehikel verwendet, um die Opfer in Täter und Täter in Opfer zu verwandeln, auch das thematisiert der Film. Ein Deutscher wiederum nennt das umgedrehte Argument: „Kritisiert man die israelische Regierung für ihre Taten in den besetzten Gebieten, wird man sehr schnell als Antisemit angeklagt.“

Der Film „Germans & Jews – Eine neue Perspektive“ schlägt eine interessante Brücke zwischen der Katastrophe des Holocaust und dem heutigen Verhältnis zwischen Juden und Deutschen. Dass dabei viele Menschen zu Wort kommen, „normale“ und prominente, macht ihn lebendiger als eine Dokumentation mit nur nackten Zahlen und Fakten.

Vielleicht lässt sich der Film, oder besser: die Beziehung zwischen Deutsche und Juden am besten mit einem Zitat von Heinrich Böll zusammenfassten. Eine Interviewpartnerin erzählt von einem Interview, das sie mit Böll gemacht hatte. Sie fragte ihn, ob er Deutschland möge, und er antwortete: „Es wird hier nicht einfach für dich werden. Ja, ich mag die Deutschen, aber es ist eine sehr komplizierte Beziehung.“ Vielleicht ist es wie bei einer Beziehung zwischen zwei Menschen, die immer etwas kompliziert, aber von gegenseitiger Neugier geprägt ist, die aber wohl nie nur schwarz oder weiß sein wird. So ungern es rechte Populisten auch hören wollen: Deutschland war, ist und wird immer multikulturell sein.

„Germans & Jews – Eine neue Perspektive“, USA 2016, 76 Minuten, FSK 6, Regie: Janina Quint, ab 14. Mai 2020 im Kino oder On Demand bei vod.wfilm.de.

Von: Jörn Schumacher

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