Die 17-jährige Autumn (Talia Ryder) will in New York eine Abtreibung vornehmen, weil es in ihrem Heimat-Staat Pennsylvania nicht erlaubt ist. Der Wettbewerbsfilm „Never Rarely Sometimes Always“ wird auf der Berlinale gezeigt.

Die 17-jährige Autumn (Talia Ryder) will in New York eine Abtreibung vornehmen, weil es in ihrem Heimat-Staat Pennsylvania nicht erlaubt ist. Der Wettbewerbsfilm „Never Rarely Sometimes Always“ wird auf der Berlinale gezeigt.

Missbrauch: Nie, selten, manchmal, immer?

Wie fühlt sich ein 17-Jähriges, ungewollt schwangeres Mädchen, das sexuell missbraucht wurde und nun eine Abtreibung vornehmen lassen will? Der Film „Never Rarely Sometimes Always“ der amerikanischen Regisseurin Eliza Hittman, der auf der Berlinale im Hauptwettbewerb läuft, versetzt den Zuschauer in diese Rolle. Ein bedrückender Film, der gerade in einer Zeit des Diskurses um sexuellen Missbrauch hochaktuell ist. Eine Rezension von Jörn Schumacher

Autumn ist ein 17-jähriges Mädchen aus einer durchschnittlichen Familie in Pennsylvania. Eines Tages stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Im Film „Never Rarely Sometimes Always“ wird der Zuschauer stummer Zeuge der Reise des Mädchens zu einer Abtreibungsklinik in New York City. Vom Vater ist im Film nie die Rede, der Zuschauer bekommt ihn nie zu Gesicht. Auch der Fötus wird nie näher thematisiert. Autumn scheint siech eher vorzukommen wie jemand, der krank geworden ist und nun einen Spezialisten aufsuchen muss.

In den USA sind Abtreibungen seit 1973 grundsätzlich erlaubt, doch der Oberste Gerichtshof erlaubt den einzelnen Bundesstaaten eigene Zusatzregelungen. In Pennsylvania ist der Schwangerschaftsabbruch bei Minderjährigen nicht ohne Erlaubnis der Eltern möglich, deswegen sucht Autumn eine Klinik im Nachbarstaat New York auf. Mit ihrer Cousine macht sie sich auf den beschwerlichen Weg. Das Geld reicht gerade einmal für das Busticket und die Abtreibung.

Das Thema Abtreibung selbst, ein Für und Wider, thematisiert der Film nur indirekt: etwa in Form von christlichen Demonstranten vor der New Yorker Abtreibungsklinik. Auch die Dame in der Schwangerschaftsberatung in Autumns Heimatort versucht ihre Besucherin mit einem Video darauf aufmerksam zu machen, dass eine Abtreibung auch negative Folgen haben kann. Vor dem Einschalten des Ultraschall-Gerätes zum Abhören der Herztöne des Fötus sagt die Beraterin: „Du wirst gleich das magischste Geräusch hören, das man hören kann.“ Autumn beeindruckt das nicht. Sie möchte abtreiben und hat sogar versucht, das Leben ihres Kindes mittels Vitamin-Tabletten und Schlägen in den eigenen Bauch zu beenden. In der Abtreibungsklinik schließlich geht es nur noch um den Papierkram und die Bezahlung des Eingriffs.

Der Elefant im Raum

Der Film der amerikanischen Regisseurin Eliza Hittman bezieht keine Stellung zum Thema Abtreibung. Vielmehr wird die Geschichte Autumns, die für unzählige andere 17-jährige Mädchen auf der ganzen Welt stehen kann, geradezu dokumentarisch nacherzählt. Sie habe den Zuschauer die Perspektive eines dieser vielen Mädchen einnehmen lassen wollen, sagte Hittman in der Pressekonferenz in Berlin. „So viele Frauen auf der ganzen Welt nehmen eine solche Reise auf sich“, sagte Hittman.

Sie sei zu diesem Film inspiriert worden, als sie vor acht Jahren einen Zeitungsartikel über ein Mädchen gelesen habe, das von Irland extra nach London gereist sei, um eine Abtreibung vorzunehmen. Im katholisch geprägten Irland galt über 100 Jahre ein absolutes Abtreibungsverbot. Erst seit einigen Jahren findet eine Lockerung in diesem Bereich statt.

Zentraler und titelgebender Moment des Films ist die routinemäßige Untersuchung Autumns in der New Yorker Abtreibungsklinik. Das Mädchen muss einen Fragebogen ausfüllen, den ihr eine Betreuerin vorliest. Die ersten Fragen beantwortet sie jeweils geduldig mit den Antwortmöglichkeiten „nie, selten, manchmal, immer“ („Never, Rarely, Sometimes, Always“). Als es in den folgenden Fragen um Missbrauch und sexuellen Kontakt unter Gewalteinwirkung geht, verstummt Autumn und weint.

Mehr muss auch nicht gesagt werden. Wie genau der Missbrauch stattfand, und ob er sogar innerhalb von Autumns Familie stattfand, was leicht angedeutet wird, wollte sie absichtlich offen lassen, sagte Hittman. „Es gibt viele Männer in Autumns Alltag, und immer wieder kommt es zu Übergriffen.“ Und die Regisseurin verallgemeinert: „Es gibt überall auf der Welt jeden Tag Fälle von sexuellem Missbrauch.“

Auch wenn der Film das Thema Abtreibung weitestgehend neutral behandelt, und den Gedanken, dass es sich hier um die Tötung eines Menschen handelt, völlig ausblendet, ist er hochaktuell. Er macht auf die für viele Frauen alltäglich gewordenen Belästigungen durch Männer aufmerksam, und das mit schauspielerisch beachtenswerter Leistung. Hittman betonte vor der Presse: „Das Thema ist immer noch ein Tabu. Es ist wie der berühmte Elefant im Raum, über den nicht gesprochen wird.“ Sie meinte damit allerdings den sexuellen Missbrauch, nicht die Abtreibungen.

Von: Jörn Schumacher

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